Kräfte bündeln, Klänge generieren: Das Klangzeit-Festival in Münster


(nmz) -
Stefan Pieper war in den letzten Tagen in Münster unterwegs. Auf dem Klangzeit-Festival erlebte er unter anderem eines der frischesten Ensembles für Neue Klänge und andere staunenswerte musikalische Ereignisse.
23.02.2016 - Von Stefan Pieper

Gudula Rosa ist anerkannte Kapazität in Sachen avancierter Blockflötenkunst an der Münsteraner Musikhochschule – und eine hervorragend wagemutige Interpretin der Neuen Musik! Ihrer Initiative war es beim Münsteraner Klangzeit-Festival zu verdanken, dass eines der frischesten Ensembles für neue Klänge einen der Festival-Höhepunkte bestritt, nämlich das Ensemble „Stationen NRW“ – welches aus einer produktiven Kräftebündelung in einer regionalen Musik-Szene hervorgeht. Vorbildhaft haben sich in vielen Städten des Landes „Gesellschaften für Neue Musik gegründet“ – und diese ziehen an einem Strang, wenn sie das Ensemble Stationen NRW Ensemble mit herausragenden Musikern versorgen.

Solche Dinge und vieles mehr sichtbar zu machen in einer künstlerischen Disziplin, die sich wohl immer dem Massenpublikum verweigern wird, ist Leistung des Klangzeit-Festivals, das seit Ende 2000 im Zweijahresrhythmus die Reise nach Münster lohnt. Besagtes Ensemble „Stationen NRW“ arbeitete sich dann auch überaus verdient an gesellschaftspolitisch brennenden Themen ab: Aufwühlende Textlyrik stand im Zentrum einer Uraufführung von Ulrich Schultheiß: „Colours of my past.“ Die Aufzeichnungen von Flüchtlingskindern fließen in einen erschütternden Text über Entwurzelung, Flucht und Vertreibung. Die Farben der Heimat, welche einst für so kleine, vertraute Dinge standen, haben diesen Nimbus verloren, seit sie für erlebte Grausamkeiten stehen. Irene Kurkas aufwühlender Sprechgesang erzeugte hier ein Höchstmaß an Eindringlichkeit.

Für all diese und noch viele weiteren relevanten Aussagen lieferte „Stationen NRW“ in jedem Moment die richtigen Klangbilder und instrumentalen Gesten. Sei es in Toshio Hosokawas „Birds Fragments“ oder in dem stark auf elektronische Unterstützungen aufbauende „Mapping Sound Fields“ von Christian Banasik. Hierbei den Raum abzudunkeln, sorgte für eine weitere optische Verdichtung.

Seltsam war es zuvor auf der Bühne im Stadttheater Münster zugegangen: Inmitten eines großen Orchesters sitzen Straßenbauer, Schreiner, eine Bäckerin, junge Mädchen in Handwerkskleidung an nostalgischen Schleifsteinen. Was haben nun Handwerker mit einer sinfonischen Aufführung zu tun? Das Klangzeit-Festival legte in Giorgio Battistellis „Sinfonia da Experimentum Mundi“ einen wahren Geniestreich hin, um ein eher traditionsaffines Publikum in die Freiheit zeitgenössischer Ausdrucksformen „abzuholen“. Denn was zu Anfang beim Betrachter noch den Verdacht nährte, in einer Folklore-Falle zu landen, legte dann ganz und gar musikalisch-konkrete Prozesse offen: Verblüffend, wie sich die Klänge des Orchesters mit ebenso lautstarken Aktionen des Hämmerns, Sägens, Schleifens zu einem pulsierenden, dramaturgisch höchst zugespitzten Geflecht verdichteten – bis zum lautstarken Happening!

Die Szene der Neuen Musik erreicht zwar kein Massenpublikum, erfreut sich dafür umso mehr einer hervorragenden internationalen Vernetzung: Studierende der Musikhochschule widmeten sich unter anderem der Uraufführung „Painting in Sounds“ seitens des kasachischen Nachwuchs-Pianisten Rakhat-Bi Abdyssagin. Sehr reduziert, aber dezidiert-sensibel gerieten Violine, Gitarre und Marimbaphon in eine Art Dialog, der sich verschachtelt und verästelt, der mathematisch kalkulierte Abstraktion mit Spurenelementen aus der musikalischen Heimat seines Schöpfers vermengt. Das Credo des jungen Kasachen kann man nur unterschreiben: „Wir leben in einer Zeit aktiver Durchdringung von Kulturen aller Menschen auf dieser Welt. Aus meiner Sicht ist es wichtig, auch für die Weltkultur das Beste der Kultur meiner Heimat darzubieten und einzubringen.“

Eindrückliche Wirkungen erzielte auch die Komposition „Crossroads“ von Benjamin Yusupov. Ebenfalls extrem reduziert am Rande des Stillstands, aber manchmal auch sehr aufbrausend agierten Cellistin, Violinspielerin und Pianistin. Dazu erklangen räumliche Klangcollagen aus dem Orient – Korangesänge, Musik, Stimmen-Fetzen. Ein eigenartiger Bezug – der stark die Fantasie belebte, aber doch etwas im collagenhaften Nebeneinander stehen blieb.

Eine willkürliche Grenzlinie zieht der Musikbetrieb gerne zwischen komponierter und improvisierter Sphäre – nicht so beim Münsteraner Klangzeit-Festival, deren Macher zum Glück sehr interdisziplinär aufgestellt sind: Erhard Hirt kuratiert ja ohnehin seine ambitionierte Blackbox-Reihe im Cuba. Von solch entsprechendem Input profitierte auch die diesjährige Klangzeit wieder: Digital-analoge Konfrontationen lieferten sich Thomas Lehn und Marcus Schmickler. Der eine improvisiert so physisch wie es nur geht an „klassischen“ Analog-Synthesizern. Der andere gehört zu den ambitionierten Laptop-Artisten, der seine Sound-Designs und Sample-Attacken sehr gerne live und in Echtzeit zu generieren pflegt. Es knarzt, knattert, schwirrt und sirrt – brutale Ausbrüche werden von Flächenklängen aufgefangen, Frequenzen, die wie Wellen brechen und sich aufspalten in einem Ozean aus Sound, an dem Künstler die Strömung kontrollieren. Und eben den Zustand von Kontrolle weit hinter sich lassen. „Wir kommen hier recht schnell an einen Punkt, wo wir uns selbst verlieren, erleben Zustände, die nicht wir steuern, sondern die zu uns kommen“ – lieferte Lehn eine Innenansicht dieser Prozesse.

Dass solche Echtzeit-Forschungen eine Grundlagenforschung für so vieles sind, wurde auf der Rückfahrt von Münster deutlich. Im Auto läuft Berliner Minimal-Techno – und die Klänge dieser Tracks sprachen plötzlich eine deutlich plausiblere Sprache. Festivals der musikalischen Gegenwart helfen, Ohren zu öffnen.

Infos unter www.klangzeit-muenster.de

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