Leider kein „Ganz großes Kino“ – Händels „Giulio Cesare in Egitto“ an der Komischen Oper Berlin


(nmz) -
Unerwartet für die Besucher der Komischen Oper erfolgte die Fortsetzung der Barockreihe mit Händels „Cäsar“-Oper in wenig spektakulärer, linearer Erzählweise in barockem Ambiente. Viel Zuspruch für das untadelig hohe musikalische Niveau unter Konrad Junghänel – aber diesmal am Ende Buhrufe von jenen, die am Haus in der Behrensstraße spannendere szenische Lösungen erwarten.
01.06.2015 - Von Peter P. Pachl

Hausherr Barrie Kosky hatte mit seinem Monteverdi-Dreierpack die Latte für die szenische Versinnlichung der Kunstform der frühen Oper extrem hoch gelegt. Die jüngste Inszenierung „Giulio Cesare in Egitto“ wurde im Programmheft als „Ganz großes Kino!“ angekündigt. Aber Lydia Steiers Versuch, die Handlung um Cäsar und Cleopatra zu einem Hollywood-Spektakel, live und in 3D, zu machen, führte nur zu einem überlangen, retardierenden Abend, verlängert noch durch diverse stumme Szenen und Ergänzungen, wie eine historischen Chor-Einspielung aus der Konserve zu einem gedachtes Nachspiel vorangestellten Vorspiel als oder einem gestöhnten Monolog des Sesto Pompeo.

Statt „Giulio Cesare in Egitto“ wäre die 1724 am King’s Theatre Haymarket in London uraufgeführte Oper, die in deutschen Aufführungen den Titel „Julius Cäsar“ trägt, in der Neuproduktion besser den Titel „Cleopatra“ zu benennen, denn während die Titelrolle zu einem standbildhaft unbeweglichen Imperator auf weißem Pferdemonument degradiert wurde, bildeten die Vorgeschichte der Cleopatra – mit Kinderdoubles des ägyptischen Königspaares Cleopatra und Tolemeo – und Antizipationsmomente ihres Selbstmordes – mit barbusiger Statistin und Schlange, sowie enthülltem Monumentalschinken – den kargen konzeptionellen Ansatz.

In der ansonsten ungebrochen historisierenden Darstellung, in einem Palast mit eingestürzter Decke (Bühnenbild: Katharina Schlipf), der mal schaukelnden, mal im Wolkenwagen herabgesenkten, mal im schwarzen Unterkleidchen, zumeist aber in Goldlurex gewandeten Cleopatra (Kostüme: Ursula Kudrna) wirkten Zigarette und Pistole von Achilla (Günter Papendell) unvermittelt aufgesetzt.

So stand an diesem Premierenabend die Musik im Vordergrund, und die war mit dem halbhoch gefahrenen, die bunte Partitur klangvoll umsetzenden Orchester der Komischen Oper Berlin und mit dem von David Cavelius einstudierten, häufig stumm und in Zeitlupe agierenden Chor, sowie mit einer ausgezeichneten Solisten-Riege durchaus höchsten Lobes wert. Barockspezialist Konrad Junghänel sorgte mit wohltönendem Basso continuo, sichtbar aufspielender Bühnenmusik und beherzt begleiteten Sängern für bestmögliche Stringenz der knapp vierstündigen Aufführung, die puristisch und jenseits der spezifischen Tradition dieses Theaters in italienischer Sprache erfolgte. In der raschen Abfolge der Affekte gefiel der Dirigent besonders in der sanglichen Ausarbeitung introvertierter Momente. Er sorgte für packenden Zugriff in den pantomimisch ausgespielten Ritornellen, vermochte aber beim Schlussgesang des Liebespaares und Chores keine weitere Steigerung zu erzielen; da wurden – gemessen etwa am Schlussduett der „L’Incoronazione di Poppea“ – die Grenzen von Händels Material deutlich.

Mit Leichtigkeit und berückender Intonation in den Koloraturen gestaltet Valentina Farcas die Cleopatra, die in der Tat mehr zu singen hat als ihr Partner, der sehr virile Dominik Köninger in der ursprünglichen Kastratenrolle des Giulio Cesare. (Und so wurde hier bei der Applausordnung bewusst der Fauxpas begangen, der Titelrolle den ihr theaterhistorisch gebührenden ersten Platz in der Staffelung zu verweigern.) Als Cleopatras zehn Jahre jüngerer Bruder und Gemahl Tolemeo kehrt Anna Bernacka mit dramatischer Stimmführung den seine Macht im Harem ausspielenden Draufgänger heraus.

Großes Gewicht nimmt die Nebenhandlung von Witwe Cornelia Pompeo und deren Sohn Sesto, als den Hinterbliebenen des geköpften Gegenspielers von Cäsars, ein. Der von Tolemeo und von dessen oberstem Befehlshaber gleichermaßen begehrte, in einem dampfenden Verließ gefangen gehaltenen Cornelia leiht Ezgi Kutlu berückende Alt-Kantilenen. Sesto hatte Händel ein Jahr nach der Uraufführung zur Tenorpartie umgestaltet. Hier erklingt die Rolle des den Vater schließlich durch Ermordung der ägyptischen Potentaten rächenden Sesto in der ursprünglichen Sopranlage, von Theresa Kronthaler mit Verve verkörpert.

In den Reihen des Premierenpublikums gab es merklich viele freie Plätze. Jene aber, die gekommen waren, feierten die Barockoper mit heftigem Applaus, zumeist bereits nach dem letzten Ton der Dacapo-Arien und mit Ovationen am Ende.

Weitere Aufführungen: 6., 11., 14., 27., 30. Juni, 4., 9. Juli, 11., 19., 26. September, 4., 31. Oktober 2015.

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