Mit bewährtem Werkzeug operiert – Brechts und Weills „Dreigroschenoper“ im Theater an der Wien


(nmz) -
Seit zehn Jahren wird das Theater an der Wien – im späten 20. Jahrhundert zum Musical-Theater umgewidmet – wieder als Opernhaus bespielt. Das Jubiläum wird unter anderem mit festlichen Konzerten begangen (wiewohl der Haupt-Festdirigent Nikolaus Harnoncourt altersbedingt nicht mehr zur Verfügung steht), mit einer Erinnerung an den im Vorgängerhaus uraufgeführten „Fidelio“ und mit jener Anti-Oper, die Bertolt Brecht und Kurt Weill 1928 über Nacht grenzüberschreitend berühmt machte. Die „Dreigroschenoper“ traf Ende der Berliner Zwanziger Jahre den Nerv der Zeit, indem sie John Gays und John Christopher Pepuschs akkurat zweihundert Jahre zuvor entstandene Beggar’s Opera adaptierte und die urbanen Zustände thematisierte: Dickicht und Unwirtlichkeit der Städte, organisierte Straßenbettelei, Kriminalität, Prostitution, Korruption sowie die segensreiche Entfaltung des Bankenwesens.
14.01.2016 - Von Frieder Reininghaus

Mit den Glace-Handschuhen historischer Informiertheit, höchster Präzision und eleganter Delikatesse lässt Johannes Kalitzke das Klangforum Wien in Aktion treten. Der höhnisch süße und am Tag der Uraufführung verschrammt, verbeult, verbogen anmutende Sound wird wie ein alter Sessel der sorgfältigen Restauration unterzogen und dadurch glänzend poliert zu neuer alter Schönheit, antiquarischem Wert. Jede Einlage eine Preziose! Schon die Ouverture ein nostalgisches Kabinettstück, dessen Mittelteil den neoklassizistischen Bezug auf die Tonsatzstrukturen des frühen 18. Jahrhunderts in sanfter Deutlichkeit besonders dringlich hervortreten lässt.

Auch das Sängerdarsteller-Ensemble ist ganz weitgehend unterm Aspekt nostalgischer Schönheit und Operntonhaftigkeit von gestern zusammengestellt: Der von den Salzburger Festspielen (Guglielmo!) über Zürich bis nach Los Angeles und Tokio gefragte und gefeierte Bassbariton Florian Boesch, ein viriler Glatzkopf, intoniert die Partie des Jonathan Jeremiah Peachum, als stünde die entsagungsvolle Schöne Müllerin auf dem Programm und nicht das gesund-protestantische Gewinnstreben mit einer pfiffigen Geschäftsidee. Die Gattin Celia, die als Frau und Mutter schon bessere Tage gesehen hat, wird von Angelika Kirchschlager als Grande Dame mit kammersängerischer Würde gegeben – barockopernerprobt, idamanteglühend, capricciogestählt. Analoge Nobilitierung erfährt die Partie der Tochter Polly, die Nina Bernsteiner mit der säuberliche Frische einer blonden Pamina und der nur kurzfristig ein zu hohes Ziel ansteuernden Zerlina bestreitet. Erst recht in den sängerischen Adelsstand erhoben wird die Spelunken-Jenny, der Anne Sofie von Otter Anmut und Würde sowie den Gestus abgedämpfter Leidenschaft und reifem Verstand verleiht. Wunderbar. Gewiss: Es geht auch anders, aber so soll es offensichtlich auch sitzen, liegen und stehen.

Wenn sich die anfänglichen Theaternebel lichten, offenbart sich eine Vorstadttheaterbühne, die Keith Warner sowohl von hinten wie von vorn bedienen lässt. Boris Kudlička hat sie nach dem Willen des Regisseurs vollgerümpelt mit abgegriffenen Requisiten der 50er Jahre und den davor liegenden Hausratsepochen – so, als sollte im Dreigroschen-Raum in Kürze eine Brocante-Messe stattfinden. Mobiliar und Lampen aus dem 19. Jahrhundert unterstreichen, dass Warner der Ansicht ist, das Stück spiele „eigentlich“ im viktorianischen England (er verwechselt zwar das 19. mit dem 18. Jahrhundert – macht aber nichts: Hauptsache England!). Der Rück- bzw. Vorgriff auf die Spielzeit nach dem Zweiten Weltkrieg erfolgte, wie Warner der Dramaturgin erklärte, weil dies „perfekt zu unserer derzeitigen Königin“ passe, „die 1953 gekrönt wurde“. Es ist zwar nicht meine Monarchin oder die der Wiener; wird dies auch nicht, wenn am Ende eine Parodie von Elizabeth II vom Schnürboden herabgelassen wird, um Herrn Macheath Freiheit und Leben zu schenken, den Untertanen ihre Huld zu versichern und allen versammelten Brautpaaren höchstselbst weiters alles Gute zu wünschen.

Ach ja, dieser Mackie Messer ist der einzige, der für eine große Partie keine Opernstimme mitbringt: Der sportlich gut durchtrainierte Tobias Moretti, der mit jeder Geste und jeder Faser seines gut sitzenden weißen Anzugs unterstreicht, dass er vom Straßengangster zum honorigen Geschäftsmann mutieren möchte, erweist sich ohne Einschränkung als Sympathieträger. Diesem smarten Frauenbeglücker, der für seine Interessen manchen Klimmzug macht und sich notfalls auf den Kopf stellt, traut man den erfolgreichen Verkauf von Lebensversicherungen ebenso zu wie die besten Kontakte zu den Behördenspitzen. Für die menschliche Größe des Mackie Moretti spricht, dass er den Folgen der königlichen Gnade, die ja seine Eheprobleme nicht löst, schlussendlich aus dem Weg geht, indem er sich mit dem so lange auf ihn wartenden Galgenstrick stranguliert und in die Höhe erhebt.

Keith Warner stellte, unter mancherlei Anleihen beim Boulevardtheater, ein Kammerspiel durch, das in der lang und länger sich hinziehenden zweiten Halbzeit zunehmend zu einer Nummern-Revue degeneriert. Aber auch das: ausgesprochen schön und ohne optische oder akustische Hinweise auf das Fortbestehen des von Brecht thematisierten Konfliktpotentials. Die würden allerdings an diesem Abend nur stören, da in Wien ganz undenkbar ist, dass ein Polizeichef Beziehungen zur Halb- oder Unterwelt unterhält. Und wahr ist ja auch, dass man von Prostitution nicht viel sieht – also wird es sie schon nicht geben. Warner unterzog das garstige Stück einer Schönheitsoperation. Aber so richtig gefallen hat sie dem Premierenpublikum nicht. Das klatschte mit gebotener Höflichkeit, aber nur kurz. Über dem vorangehenden vielen Wohlklang und akustischen Wohlgeruch mochte man auch glatt vergessen haben, dass die musikalische Grundausstattung aus den Jahren der zur Neige gehenden Weimarer Republik keineswegs so edel, hilfreich und schön gemeint und gemünzt war, wie sie nun in der Jubiläumslaune des Theaters an der Wien klingt.

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