Nicht mehr skandalös, aber immer noch atemberaubend: Hindemiths frühe Einakter in Osnabrück


(nmz) -
Den jungen Hindemith gilt es noch immer zu entdecken. Dazu gehört auch das zwischen 1919 und 1921 entstandene Einakter-Triptychon, das einst für große Skandale sorgte, aus heutiger Sicht aber eher eine entscheidende Phase der stilistischen Orientierung im Œuvre des Komponisten dokumentiert. Dass die drei von der Vorlage her unterschiedlich konzipierten Werke auch in einem szenischen Zusammenhang auf die Bühne gebracht werden können, zeigt die intelligente Inszenierung am Theater Osnabrück.
24.06.2013 - Von Michael Kube

Wie sich doch nach fast einhundert Jahren die Ereignisse wiederholen können! Denn als Hindemiths „Sancta Susanna“ am 26. März 1922 am Frankfurter Opernhaus uraufgeführt wurde, da brach ob der als blasphemisch empfundenen Handlung (ein heruntergerissenes Lendentuch zu dem Ausruf: „So helfe mir mein Heiland gegen den euren…“) in konservativ-kirchlichen Kreisen ein Sturm der Entrüstung los, bis hin zu Sühneandachten des Katholischen Frauenbundes. Heute (2013) landet ein durchaus an das Drama von August Stramm gemahnendes Rap-Video von Carolin Kebekus beim Staatsanwalt – zur Anzeige gebracht wurde ein demonstrativ abgelecktes Kruzifix, verknüpft mit den Worten „Er ist meine Bank, nur für ihn zieh ich blank.“

Mit solchen Skandalen hatte das Theater Osnabrück nicht zu kämpfen (die Intendanz empfiehlt gleichwohl den Besuch erst ab einem Alter von 16 Jahren). Vielmehr erschienen auf der Drehbühne (Wolf Gutjahr) die drei Einakter „Mörder, Hoffnung der Frauen“ (Text: Oskar Kokoschka), „Das Nusch-Nuschi“ (Franz Blei) und „Sancta Susanna“ (Albert Bernhard Stramm) entschärft und dennoch in ihrer übergeordneten Aussage zugespitzt. Regisseur Jochen Biganzoli fügte die Werke ohne Vorhang (und ohne Pause) zu einem Ganzen zusammen, freilich mit einigen Abstrichen bei der Umsetzung der Vorlage. Die einst ebenso expressionistisch wie rätselhaft-archaisch thematisierte existentielle Konfrontation der Geschlechter erschien in einem Karussell der Möglichkeiten eher neu-sachlich reflektiert denn ausgelebt.

Aus ihr erwuchs ein freies, hinreißend exotisches Intermezzo, das lustvoll-zwanglos zu dem von Franz Blei stammenden parodistischen Spiel des Nusch-Nuschi überleitete, das sich seinerseits mit viel Witz, liebevoller Choreographie (Günther Grollitsch) und ganz ohne billigen Spaß unerwartet ins Zentrum des Abends rückte (mit teilweise opulenten Kostümen von Katharina Weissenborn). Danach war der Übergang zur sakralen Atmosphäre der Sancta Susanna kaum zu leisten – die bedrückende Enge der Originalvorlage wurde in eine strenge, Abhängigkeit thematisierende säkulare Konstellation verlegt und ging am Schluss trotz einiger (notwendig gewordener) Eingriffe in das Szenarium nicht ganz auf. Es mag für die wirklich herausragende Qualität gerade dieser Komposition sprechen, dass Hindemiths Musik auch diese Anpassung mitgetragen hat – bis hin zu den brachial im finstersten es-Moll accelerierenden Schlussakkorden.

Das kleine Osnabrücker Haus mit seinem fast schon intim anmutenden Zuschauerraum machte es dem vielfach in Doppel- oder Dreifachrollen geforderten und durchweg bestens disponierten Ensemble leicht, sich musikalisch wie textverständlich durchzusetzen. Genannt seien hier nur die hervorragend artikulierende Liana Lui (Susanna), die Abgründe eröffnende Almerija Delic (Klementia) oder der sich nach vorne spielende Mark Hamman (Tum Tum).

Vor allem das groß besetzte Orchester (Leitung: Andreas Hotz) wurde nach spürbarer anfänglicher Nervosität den beträchtlichen Herausforderungen vollauf gerecht. Das aufmerksame und mit zunehmender Neugier den Abend verfolgende Publikum ließ sich weder von nackten Tatsachen noch von den eingeblendeten eineindeutig schrillen Hentai provozieren, sondern erkannte diese als integralen Teil einen in sich stimmigen Konzepts an. Das machte auch der lange, einhellige Applaus deutlich.

Weitere Aufführungen: 26. und 28. Juni; in der kommenden Saison 14. September (Wiederaufnahme), 18. und 22. September sowie 8. und 17. Oktober (jeweils 19.30 Uhr)

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