Rückzugsgefecht: Kirsten Harms inszeniert „Die Frau ohne Schatten“ an der Deutschen Oper
Die im Programmheft abgedruckten Anmerkungen von Kirsten Harms bei ihrer Konzeptionsprobe sprechen unter anderem von einer „Notbehausung der Färberfamilie in einem Schacht“. Doch diese ist in der Umsetzung des Bühnenbildners Bernd Damovsky ein arg konventioneller, niedriger Raum. Und die als „verödete Steinwüste“ angekündigte Dekoration des dritten Aktes (für die verlangten Räume Unterirdischer Tempel, Eingang und Inneres des Geistertempels, sowie Landschaft im Geisterreich) erweist sich als eine Mondlandschaft, wohl da im Text des Geisterboten einmal von „Mondbergen“ die Rede ist.
Hier also erschießt besagter Bote Keikobads die Amme, da diese mangels eines Kahns nicht zur Reise zu den verhassten Menschen verurteilt werden kann, und ein Todeskommando mit Gewehren droht mit der Exekutierung des (auf einem Steine sitzenden) Kaisers, was szenisch an den Schlussakt der „Tosca“ gemahnt. Die Mondlandschaft mit rauchenden Kratern erweist sich jedoch als wenig förderlich für das Spiel zwischen Innen und Außen, Unten und Oben, und so muss denn die Kaiserin anstelle ihres Ganges durch das steinerne Tores in den Krater hinabsteigen, aus dem sie kurz darauf, für ihren nächsten Auftritt, wieder empor kommt.
Der Verzicht auf die Märchendimension, bei gleichzeitiger Einsparung einer konkretisierenden historischen Aussage oder sozialen Sicht lässt die Suche des Mensch-Geist-Mischlings Kaiserin nach einem menschlichen Schatten ins Leere laufen. Die Opernhandlung findet de facto nicht statt. Was über welche Schatten (die von den Protagonisten geworfen werden, selbst wenn gerade das Gegenteil besungen wird) hier verhandelt wird, bleibt im Dunkeln. Das der Färberin versprochene, männliche Lustobjekt entpuppt sich als ein Mister Chen mit Strohhut und Spazierstöckchen, was durchaus einmal für Heiterkeit im Publikum bei dieser sonst wenig heiteren Handlung sorgt.
Die Arrangements der Solisten wirken wie aus zweiter Hand, – was allerdings in der nachfaustischen Versbildung Hugo von Hofmannsthals ebenso eine Entsprechung hat wie in der spätromantischen, dem „Ring“ verwandten Emphase der Partitur. Dass nach dem zumeist gestrichenen Melodram im Schlussakt gleich mehreren Besuchern im Parkett schlecht wurde, und so der in der zweiten Pause gelichtete Zuschauerraum weiter dezimiert wurde, scheint gleichwohl symptomatisch für die auf Reibung verzichtende, nicht anecken wollende Neuinszenierung, mit ihrer in fragwürdiger Ästhetik verdampfenden Bebilderung.
Die Klangpracht jener Partitur, mit deren Farben Strauss der Erfolgsoper „Die tote Stadt“ des Wunderkindes Korngold – u. a. mit Glasharmonika und 2 Celestas – nachzueifern trachtete, ist durch das tadellose Orchester der Deutschen Oper Berlin unter Ulf Schirmer voll gewährleistet. Der Dirigent setzt dabei mehr auf die Lyrismen als auf die Bombastik der erfreulicherweise strichlos erklingenden Partitur. Der (von Dagmar Fiebach einstudierte) Kinderchor singt nur bei der Armenspeisung im Mittelakt, die Stimmen der Ungeborenen werden von sechs Solistinnen makellos und textverständlich realisiert.
Während die drei Wächter der Stadt hier durch Baraks Arbeitswohnung spazieren, findet der (etwa in Harry Kupfers Inszenierung an der Staatsoper sichtbare) Falke ebenso keine szenische Entsprechung, wie die (auf dem Programmzettel seltsamerweise nicht genannte) Alt-„Stimme von oben“ (vergleiche Wagners „Parsifal“). Unter den Solisten ragen die dramatische Mezzosopranistin Doris Soffel als Amme und Johan Reuter als (allerdings etwas zu glatter) Barak heraus, weniger überzeugen Manuela Uhl als Kaiserin (Intonationsprobleme bei den Spitzentönen) und Eva Johansson als Färberin (unschöne Registerwechsel). Mühelos stemmt Robert Brubaker die Partie des Kaisers (mit der vokalen Erleichterung durch die Retusche „für die Herrin“ anstelle des originalen „anstatt ihrer“ in der ersten Arie), und stimmgewaltig droht Stephen Bronk als Keikobads zwölfter Bote.
Kurzer, bisweilen auch für die solistischen Leistungen nur geteilter Applaus, einstimmig jedoch für Ulf Schirmer und das Orchester.
Weitere Aufführungen: 08., 11., 18. Oktober; 05. und 13. Dezember 2009
Foto: Marcus Lieberenz im Auftrag der DEUTSCHEN OPER BERLIN, Tel.: +49 (0)177-2439680, www.bildbuehne.de
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Frau ohne Schatten: Keineswegs strichlos
Ich bitte um bessere Recherche: Ulf Schirmer dirigiert die hier rezensierte Neuinszenierung der ‘Frau ohne Schatten’ an der Deutschen Oper Berlin keineswegs strichlos, sondern hält sich im Gegenteil an die heute übliche Strichfassung, die auch Karl Böhm verwendete und in der mehrere HUNDERT Takte fehlen.
Kritik an der Kritik - Antwort des Rezensenten
In der Tat ist Karl Böhms Einspielung stark gekürzt, und Herbert von Karajan hat an der Wiener Staatsoper noch wüster gestrichen (vergleiche die Live-Aufnahme vom 11. Juni 1964 auf DG 457678-2). Aber seit den ungestrichenen CD-Gesamtaufnahmen von Wolfgang Sawallisch (München 1987, auf EMI 74090742) und Sir Georg Solti (Wien 1989-1991, DECCA 436243-2) haben auch die großen Bühnen zusehends ungekürzte Fassungen realisiert. In der Tat muss ich gestehen, dass ich die Partitur der “Frau ohne Schatten” nicht komplett auswendig im Kopf habe, – aber all die Takte, die in früheren Aufführungen häufig gestrichen waren (die große Szene der Kaiserin in III, die Stimmen der Ungeborenen in III, – Vieles von dem, was Böhm gekürzt hatte), ist nun in der Deutschen Oper Berlin zu hören. Ich habe nachts noch die Partitur durchgeblättert um meine Höreindrücke zu verifizieren. Was habe ich nicht gehört und in meiner Studienpartitur (Fürstner, Berlin 1916) übersehen?
Frau ohne Schatten
Eindeutig die dümmste FroSch-Kritik, die ich gelesen habe. “Für die Herrin” ist durchaus üblich, das singt der eine Tenor so, der andere so, es ist auch keine “Arie”, die er da singt. Aber dass man Barak seinen Text geändert hat, ist Ihnen hingegen nicht aufgefallen. Und dass Brubaker die Partie “mühelos” singt, davon konnte überhaupt keine Rede sein. Auch ist nicht im 3. Akt “mehreren Besuchern im Parkett schlecht geworden”, sondern ein Besucher hatte einen Herzanfall und andere Besucher haben ihn herausgetragen.
Kritik an der Kritik (2) – Antwort des Rezensenten
Interessant, dass bei Strauss-Aufführungen die Emotionen der Rezipienten ähnlich überschäumen, wie sonst nur bei umstrittenen Wagner-Aufführungen und aggressive Stimmen hervorbringen.
Außer Ihrem Attribut “dumm”, – woher nehmen Sie, dass mir dramaturgische Textänderungen nicht auffallen würden? In einer Rezension muss man sich auf einzelne Beispiele beschränken. Und etwas Falsches wird dadurch, dass eine ganze Reihe von Tenören es einem anderen nachmacht, noch keineswegs richtig. Meines Erachtens wäre gerade Brubaker in der Lage, den korrekten Text zu singen, den als extremen Höhepunkt einer Fixierung gewählten Vokal i (“ihrer”) auf dem Spitzenton h zu produzieren, denn er singt in der Tat mühelos, mit deutlicher Diktion und klarer Intonation, wenn auch nicht besonders schön. Sie haben Recht: die erste Szene des Kaisers ist keine “Arie” im klassischen Sinne, – gleichwohl ist nicht nicht nur arios geschrieben, sondern entspricht auch thematisch und harmonisch (mit der Rückkehr ins anfängliche Es-Dur)
durchaus der Arienform.
Und in der Tat musste nicht nur die Person in den hinteren Reihen des Parketts (offenbar nach einer Herzattacke) den Zuschauerraum verlassen, sondern kurz zuvor waren bereits Besucher in den vorderen Reihen aufgestanden und gegangen, und weitere folgten diesem Beispiel, als sich die besagte Störung ereignete. Die Ursache liegt daher m. E. im Werk und ist durchaus intendiert: Das nach viel Schöngesang schockierend einsetzende (und wohl daher lange Jahre stets gestrichene) Melodram mit den qualvoll geschrienen Sätzen der leidend um ewige Werte ringenden Kaiserin vermag eben besonders nahe zu gehen, – wohl da es dem Kern der übergültig zeitlichen Aussage so nahe kommt.
Deutsche Oper: Frau ohne Schatten
Die heutige 6. Aufführung war fast ausverkauft und stieß auf ungeteilte Begeisterung beim Publikum. Ich beneide Regisseure nicht, die diese bei erster Begegnung undurchschaubare Handlung mit einem als Opernlibretto ungeeignetem Text auf die Bühne bringen müssen. Frau Harms ist eine ästhetisch ansprechende Inszenierung ohne die sonst üblichen billigen Provokationen des Publikums, eher in der Tradition großer Regisseure wie Wieland Wagner und Götz Friedrich stehend, gelungen. Etwas weniger Rauch in der Schlußszene wäre wünschenswert. Der atemberaubende Orchesterpart dieser Oper wird geradezu überirdisch realisiert.
Es dürfte kaum möglich sein, den symbolträchtigen Inhalt durch die Regie auf Anhieb verständlich zu machen.
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