Und doch war das Projekt sowohl einem herausragenden Pianisten als auch einem Musiktheoretiker, einem Vortragskünstler und Lyriker sowie einem sachkundigen Gesprächspartner gewidmet. Alfred Brendel ist dies alles in Personalunion. Allerdings, die Musikwelt nahm es Ende 2008 mit Bedauern zur Kenntnis, setzt sich der 1931 im nördlichen Mähren geborene Ausnahmekünstler nicht mehr öffentlich ans Klavier. Umso bedeutsamer, dass Brendel das ihn ehrende und zugleich von ihm profitierende Dresden-Projekt auch mit pianistischen Einsprengseln bereicherte.
Den Auftakt des mehrtätigen Gastspiels gab ein Exkurs zum Thema „Licht- und Schattenseiten der Interpretation“ im Konzertsaal der Musikhochschule Carl Maria von Weber. Bis auf den allerletzten Platz besetzt, wurde ein enormes Interesse an Brendels Ausführungen offenkund. Als Dank konterte der seit langem in London lebende Weltbürger denn auch nicht mit einer pur theoretischen Abhandlung zu Interpretationsfragen, sondern bot noch einmal rar gewordene Beweise für seine immense Fingerfertigkeit.
Zwischen Klangbeispielen aus der Konserve – neben Händel vor allem von Lieblingskomponisten wie Beethoven und Mozart – spielte der große Meister immer mal wieder selbst einige Takte, Themen und Melodien am Steinway an, um auf verbreitete Unarten der musikalischen Ausübung zu verweisen. Alfred Brendel präsentierte da nicht weniger als den Bilderbogen (s)eines an Erfahrungsschätzen so überaus reichen Interpretenlebens. Ob er ihn auch nur annähernd komplett entblätterte, wird sein Geheimnis bleiben. Freilich verriet er, sich ganz bewusst auf das „Minenfeld musikalischer Dogmen“ zu wagen, indem er köstliche Proben dafür lieferte, wie Partituren verstanden und eben auch missverstanden werden können. In ihnen stecke schon eine Menge an Musik, Interpreten hätten allerdings die Aufgabe, diese Kompositionen „wachzuküssen“. Das Ergebnis verrate dann, wer die Noten verstanden und genau gelesen hat. Sympathisch benannte er auch eigene Jugendsünden und teilte deftige Kollegenschelte aus, ohne jedoch brüskierend Namen zu nennen. Trotz deutlich gemachter Fehlinterpretationen wolle Brendel unterm Strich ein „Plädoyer für die Vielfalt“ abgeben, es dürfe halt keine Beliebigkeit daraus werden. Im Auditorium wurde dem weisen Mann, der auch Beispiele seines Heitersinns bot, mit angehaltenem Atem gelauscht. Dieser Brendel-Vortrag hat unbedingt das Zeug zu einem Hörbuch!
Als Autor anderer Bücher ist der Meister längst bekannt und wurde dafür gefeiert. Das wohl vergnüglichste ist der 2003 im Hanser Verlag erschienene Gedichtband „Spiegelbild und schwarzer Spuk“, aus dem Brendel Tags drauf in Dresdens Semperoper las. Darin hat er Engel und Teufel, Künstler und Konzertbesucher bedichtet, die Ideen von Buddhas, Göttern und Geistern auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt. Brillant zu dieser aphoristisch klug verknappten Dichtkunst passte die von Annika Thiel und Kay Mitzscherling (Violinen), Holger Grohs (Viola) und Adrian Brendel (Violoncello) vorgetragene Musikauswahl mit Kompositionen von Beethoven, Kurtág und Haydn.
Diese Musiker krönten, gemeinsam mit der Pianistin Masumi Sakagami und Robert Schumanns Klavierquintett Es-Dur op. 44, auch den dritten Abend des „Alfred-Brendel-Projekts“, der zum wichtigsten Sponsoring-Partner der Staatskapelle in die Gläserne Manufaktur von Volkswagen führte. Dort waren Brendel Senior und Junior zunächst Gäste in einem Podiumsgespräch mit dem FAZ-Architekturexperten Dieter Bartetzko zum Thema „Architektur der Klänge“, das der Frankfurter Musikjournalist Wolfgang Sandner mit kluger Umsicht moderierte. Ein weltmännisches Parlieren über die Flüchtigkeit von Musik im Gegensatz zur scheinbar so manifesten Architektur, über die Ausdeutbarkeit musikalischer Strukturen in der Architektur von der Antike bis in die Gegenwart, über die streng auskomponierten Bauweisen in der Musik zumindest bis Mozart. Der denkbaren Falle, bei solcher Thematik nur über Erfahrungen mit guten und schlechten Konzertsälen zu reden, wurde glücklich entgangen. Statt dessen erhellten die Gesprächspartner Zusammenhänge von Bauten und Klängen; bedauert wurde, dass heutige Architekten die einst als selbstverständlich geltenden Grundlagen der Musik nur mehr selten verstünden geschweige denn beherzigten.
Alfred Brendel, den Ort des Geschehens im Blick, schlug abschließend vor, nach „Musik und Architektur“ eine nächste Runde mit „Musik und Karosserie“ zu übertiteln. Ein heller Kopf, dem dieses Projekt in Dresden völlig zu Recht und mit angemessener Würde gewidmet war.
Luisi und die Dresdner
Es ist einer NMZ nicht würdig so abgeschmackt und beiläufig über die heikle Situation in Dresden zu berichten.
Ist die NMZ wie alle Tageszeitungen auch nur dazu da die Eitelkeiten der Journalisten zu befriedigen?
Recherchieren Sie lieber im Sinne der Musiker und Interpreten, und Sie werden herausfinden, dass die Sachlage nicht so offensichtlich dumm war und ist , wie Sie sie darstellen.
Es handelt sich vielmehr um klare Missachtungen, aus denen Luisi klare Konsequenzen gezogen hat, da er ein integrer Mensch ist und somit auch bleiben wird, im Gegensatz zu seinen Mitspielern in dieser Situation. Dass die Presse alles, was hierzu in den letzten Monaten vorgefallen ist, nicht erfahren hat, zeigt vielmehr wie umsichtig und diskret Luisi die Sache in seinem Umkreis trotz des Verrats im eigenen Haus behandelt hat.
es ging um Brendel, nicht um Luisi
Sehr geehrte Frau Gach,
Fabio Luisi und die Befindlichkeiten der Dresdener waren nicht Gegenstand des Berichtes. Vielmehr ging es um das Alfred-Brendel-Projekt der Sächsischen Staatskapelle. Unser Autor Michael Ernst hat lediglich in einem Halbsatz im Teaser des Artikels eine Überleitung zu seinem fundierten Text gefunden, die meines Erachtens weder „abgeschmackt“ noch „dumm“ ist, oder die „Eitelkeit eines Journalisten“ befriedigt. Dass die Staatskapelle während ihrer Skandinavientournee von der fristlosen Kündigung ihres GMD erfahren hat, ist übrigens eine Tatsache und keine journalistische Spitzfindigkeit.
Wären Sie eine aufmerksame Leserin der nmz-online hätten Sie feststellen können, dass wir weder „beiläufig“ noch „abgeschmackt“ zur Situation in Dresden Bericht erstatten. Bereits mehrmals haben wir neutral gehaltene Nachrichten veröffentlicht: zum Rücktritt Luisis, zur Vertragsunterzeichnung Thielemanns und von seiner Absicht, München nicht vorzeitig zu verlassen.
Ich kann Sie nur bitten, unsere Texte vollständig zu lesen und sich nicht mit dem Teaser zufrieden zu geben. Einen Bericht zum Brendel-Projekt können Sie im Netz (neben einem Kurzbericht des gleichen Autoren im Onlineportal „Musik in Dresden“) nur bei uns finden. Allein diese Tatsache deutet darauf hin, dass die nmz ihren journalistischen Auftrag, die Künstler sowie ihre Leser ernst nimmt.
Barbara Lieberwirth
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