Veristischer Bruder-Zwist, erotisch und mythisch verbrämt – Franz Schrekers „Irrelohe“ in Kaiserslautern


(nmz) -
In Kaiserslautern, wo seit 1925 keine Oper von Franz Schreker mehr auf dem Spielplan gestanden hat, wurde die Erstaufführung von Schrekers 1924 in Köln uraufgeführter Oper „Irrelohe“ vom Publikum frenetisch gefeiert. Die Neuinszenierung verzichtet auf die originalen Schauplätze der Handlung, Schänke, Kreuzweg und Dorfplatz, wie auch auf das titelgebende Schloss, das am Ende der Opernhandlung von einem zur Hochzeit aufspielenden Quartett abgefackelt wird.
08.03.2015 - Von Peter P. Pachl

Bühnenbildner Thomas Dörfler hat den Orchestergraben mit schwarzen Müllsäcken angefüllt, und das Orchester, halb versenkt, ist in der Bühnenhälfte platziert. Davor ein Podest als Straße mit leuchtenden sechs Zebrastreifen. Die Bühne überspannen vier selbst leuchtende Hochspannungsleitungen, auf der Seite stehen vier neuzeitliche Straßenlampen und am Ende der Bühne, vor dem eisernen Vorhang, lodert eine Gasfackel.

Das verlagerte Orchester erweist sich für Schrekers Partitur insofern als Vorteil, da die Solisten weniger Stimme geben müssen und selbst dann textverständlich über die Rampe kommen, wenn sie nach hinten singen. Regisseur Holger Müller-Brandes wirft Schlaglichter auf das Psychogramm der Handlungsträger, der alten Schankwirtin Lola, die dreißig Jahre zuvor bei der Hochzeit des vorangegangenen Grafen, auf dem Dorfplatz vom Herrn auf Irrelohe geraubt und vergewaltigt wurde. Frucht dieser Vergewaltigung ist ihr Sohn Peter, der nun dieselbe Frau liebt wie sein ihm unbekannter Halbbruder, der junge Graf Heinrich. Peters Jugendliebe Eva kehrt sich von ihm ab und Heinrich zu, und bei deren Hochzeit droht sich das Geschehen von vor 30 Jahren unter umgekehrten Vorzeichen zu wiederholen: Peter, der das lange gehütete Geheimnis seiner Mutter endlich entschlüsselt hat, will nun seinerseits Eva öffentlich vergewaltigen. Aber es kommt anders, Heinrich bringt seinen Bruder um, während Christobald, der alte Liebhaber Lolas, die 30 Jahre zurückliegende Tat rächt, indem er Schloss Irrelohe in Brand setzt.

Schreker-Ikonographie

Seit der Wiederaufführung von Schrekers Oper „Die Gezeichneten“, 1979 in Frankfurt, hat sich eine Art szenischer Schreker-Ikonographie entwickelt. Der von Hans Neuenfels im Atelier-Akt als künstliche Sonne eingesetzte und von den Darstellern im Spiel verschobene Scheinwerfer wurde auch in der Inszenierung von Graham Vick, 2010 in Palermo, eingesetzt; nun, in Kaiserslautern, dient er als analytisches Hilfswerkzeug der Protagonisten, sich selbst und die Mitspieler ins Licht zu setzen oder deren Schatten verwandtschaftlich zu deuten.

Als zusätzliche Personage lässt der Regisseur Mannequins, mit Augenschleiern und verzogen geschminkten Mündern als belebte Schaufensterpuppen hochhackig hin und her staksen, die Bühne als Laufsteak benutzen. Raffiniert, was Kostümbildnerin Almut Blanke dabei für Verwandlungsmöglichkeiten kreiert hat, Ausziehaktionen, bei denen Oberteile zu Röcken werden und umgekehrt.

Die Bedeutung der Mannequins klärt sich im zweiten Teil des 2. Aktes: Graf Heinrich und seine ihm optisch gleiche männliche Dienerschaft verlustieren sich mit Schaufensterpuppen in Dessous, die sie zerlegen und ausziehen. Auch dies ist ein Topos des Regietheaters, seit in Hans Neuenfels’ erster Opernregie der Graf (Luna in „Trovatore“, nicht Heinrich in „Irrelohe“) als „postpubertärer Onanist“ (Neuenfels) gedeutet wurde, der sich an einer als Objekt seiner Begierde (Leonore) gedressten Puppe zu schaffen machte. Zu denken ist aber auch an jene anatomische Puppe, die sich Oskar Kokoschka nach der Trennung von seiner Geliebten Alma Mahler hat anfertigen lassen. In Kaiserslautern hat der Graf aber auch Züge von Blaubart.

Eva fügt sich, am Boden räkelnd, in die Trümmerlandschaft weiblicher Torsi, und Heinrich betatscht statt ihrer eine gertenschlanke Puppe. Erst wenn Beide sich zu einem von Evas Worten und Tönen vorgegebenen Duett finden, in der erklärten Absicht einer sich über den Sexus zur Parareligion erhebenden, reinen Liebe, stehen sie sich vor der lodernden Flamme als Silhouetten frontal gegenüber.

Der entscheidende, drohend tödliche Brauttanz Evas mit dem ihr angetrauten Grafen Heinrich kann jedoch nicht stattfinden, da Chordamen die – sich vordem im Spot selbst im Unterrock in Szene setzende – Eva in ein hoch artifizielles Hochzeitskleid schnüren, das keinerlei Tanz zulässt. Heinrich tötet Peter inmitten der Müllsäcke, während Christobald – anstelle des Schlosses – seine eigene Fiedel verbrennt.

Darstellung

Einige Auf- und Abtritte erfolgen durchs Publikum, die Zündler aber kommen – als Instrumentalisten mit Klarinette, Horn und Kontrabass – direkt aus dem Orchestergraben; so zwingend diese Lösung hier erscheint, verlieren sie dabei einerseits an Gespenstigkeit (wie in Wien), andererseits an (zeit-)politischer Brisanz (wie in Bonn). Gut ausgespielt hingegen ist das Psychogramm der Wirtin, die noch immer ihren nie benutzten Brautschleier mit sich führt. Katja Boost singt die alte Lola exquisit, sie tanzt und wälzt sich dabei am Boden.

Mit Wieland Satter trefflich besetzt ist ihr Sohn Peter, der hier manisch – mit Brautschleier und Stöckelschuhen – in die Rolle seiner Mutter schlüpft, wobei seine rot geschminkten Lippen auch die Assoziation an einen rächenden Bajazzo schaffen. Mühelos bewältigt Heiko Börner die extrem schwierige Tenorpartie des Heinrich, und hinreißend singt und spielt (auch als mimender Soloviolinist glaubhaft) Uwe Eikötter den Christobald. Die kleineren Partien sind mit Kaiserslauterner Solisten – Daniel Kim (Fünkchen), Daniel Böhm (Strahlbusch), Alexis Wagner (Ratzekahl) und Vladimir Gerasimov (Pfarrer) – sowie mit den Chorsoli Peter Hamon (Müller), Hubertus Bohrer (Förster) und Radoslaw Wielgus (Anselmus) gut besetzt. Adelheid Fink als Eva überzeugt zwar durch ihren Einsatz an exzentrischer Darstellung, doch lässt sie in der dramatisch forcierten Höhe noch einige Wünsche offen.

Der von Ulrich Note einstudierte Chor und Extrachor hat eine Reihe stummer, die Bühne umkreisender Auftritte, bevor er sich akustisch einbringen darf. Überwältigend dann der Klang des hier nicht hinter, sondern am hinterem Ende der Bühne ausgeführten Kirchen-Hochzeitsgesanges, emphatisch intoniert.

Makellos spielt das Orchester des Pfalztheaters. GMD Uwe Sandner hat von seiner ungewohnten Position aus Bühne und Fernorchester trefflich im Griff und überzeugt mit seiner Lesart, struktureller Disposition mit der Liebe zur opulent schwelgerischen Klangentfaltung und zu absurd überspitzten, morbiden Walzerklängen. Das Cembalo, zusammen mit dem umfangreichen Instrumentarium von 9 Schlagwerkern aus einem anderen Raum des Theaters zugespielt, war in den vergangenen drei Dezennien noch in keiner der Aufführungen inmitten von Schrekers Mischklang so deutlich zu hören wie hier, als einem klanglich bizarren Verweis auf den sprechenden Star des Hochzeitsgeigers.

Als Motto seiner Oper mit erstmals eingesetztem, allerdings blutbeflecktem Happyend, hat Schreker die Schlusszeile aus Richard Dehmels Gedicht „Venus Homo“ gewählt. Den Vers „Aus dumpfer Sucht zu lichter Glut“ kannte der Musikdramatiker vermutlich aus der Vertonung seines Wiener Kollegen und Freundes Erich J. Wolff, dem Eröffnungs-Lied von Opus 8, „Drum sollst du dulden Mensch“.

Im Publikum, darunter auch Besuchern der zum Teil bis aus Übersee angereisten Schrekergemeinde, herrschte am Ende des Premierenabends großer Jubel: ungeteilter Zuspruch für alle beteiligten und viele Bravorufe.

  • Weitere Aufführungen: 11., 14., 24. März, 18. April und 8. Mai 2015.

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