Wiedehöpfin wurde in Dresden gefeiert - Nikolaus Lehnhoff inszenierte Henzes „L'Upupa“


(nmz) -
Musiktheater lebt nur auf der Bühne. Mit anderen Worten: Oper muss aufgeführt werden, hör- und sehbar sein. Das sind Binsenweisheiten, die für zeitgenössisches Schaffen nicht minder gelten. Der deutsche Komponist Hans Werner Henze hat das Glück, dass seine Werke inzwischen nahezu Allgemeingut sind. Er hat sich selbst immer mal wieder neu erfinden können, und seine Musikentwicklungen treffen nahezu kontinuierlich auf offene Ohren.
04.06.2009 - Von Michael Ernst

Ein Märchen – und wie schön das klingt! Keine Mutter kommt darin vor, kaum auch sonst eine Frau. Zwar ist in der gesamten zweiten Hälfte des Stücks eine Prinzessin präsent, die aber eher als Unterpfand denn als ein Wesen aus Fleisch und Blut. Das Weibliche also, in aller Flüchtigkeit Schöne und friedvoll Begehrenswerte, es offenbart sich vor allem in der Titelheldin. Die gar nicht auftritt, auf der Flucht ist, gefunden, gefangen, wieder freigelassen werden soll. Wie reizend! Doch „L’Upupa“ trägt „Und der Triumph der Sohnesliebe“ im Untertitel, darin sacht einen moralischen Lern- und Reifeprozess andeutend. Ohne den Verlust holder Weiblichkeit – wie stets wird sie nach eigenem Wunsch ihres Bleibens und Ziehens gar nicht gefragt – wäre das Drama kein Drama und bliebe der Triumph somit aus. Wer also ist „L’Upupa“?

Wir haben es in dieser 2003 zu den Salzburger Festspielen uraufgeführten Oper mit einem deutschen Lustspiel zu tun, wie der Komponist und – in diesem Falle auch – Librettist Hans Werner Henze betont. Auch wenn die anregende Vorlage dazu, elf Tableaux aus dem Arabischen, anderer Märchenwelt entstammt: Dieses kunstvolle Solitär hat, wie sonst nur Aristophanes’ Komödie „Die Vögel“, dem rar gewordenen Wiedehopf, hier: der Wiedehöpfin die zentrale Rolle zugewiesen.

Der alte Großwesir von Manda hatte bislang täglich dieses goldgefiederte Vogelweibchen zu Gast. Seit er einmal die Hand nach dem Tier ausgestreckt hat, blieb es fort. Die Freiheit der Upupa ist fortan das Leid des Alten. So schickt er seine drei Söhne aus, ihm den Vogel der Sehnsucht zurückzuholen. Unterschiedlicher können drei Söhne kaum sein: Adschib gilt als Nichtsnutz, Gharib gibt sich schlitzohrig, nur Al Kasim macht sich tugendhaft auf den Weg, um Vaters Leid zu lindern. Der freilich leidet bald mehr unter seiner Habsucht und den Ängsten um die Söhne, die er wegen des Vogels womöglich großer Gefahr ausgesetzt haben mag.

Das Trio trennt sich am Großen Tor, einem Schicksalsort; die beiden tumben Toren nisten sich dort auch gleich ein, soll doch der Tugendheld Arbeit und Risiken meistern. Das tut er auch, nicht ohne die Hilfe eines engelhaften Dämons besteht er Momente dramatischer Bedrohung. Wundersam wendet sich jeweils das Blatt, erst bekommt er den Vogel, für den er jedoch eine Prinzessin erretten soll, dann verliebt er sich in diese und sie sich in ihn; beiden wird diese Liebe auf den ersten Blick und für immer erlaubt, allerdings sollen sie eine Zauberkiste herbeischaffen. Kiste und Prinzessin sind eigentlich Unterpfand für die Wiedehöpfin, doch Al Kasim und sein Dämon ziehen nach ausgestandenen Zitterpartien gemeinsam mit Braut und Schatz und Vogel gen Heimatreich.

Als sie die Pforte passieren, an der die Brüder es sich gut gehen ließen, wird das Motiv von Kain und Abel bemüht, geraten die Guten in einen tiefen Brunnen und wollen die Bösen den Dank des Vaters ganz für sich. Der aber ist entsetzt ob des vermeintlichen Todes und lässt den Vogel frei. Mit den überraschenden Wendungen des Märchens ist es damit noch lang nicht genug: Al Kasim und seine Prinzessin werden vom Dämon aus dem Brunnen befreit, der wünscht sich als Dank einen Apfel. Zuvor zieht das gerettete Paar zum Vater, der daraufhin die schlechten Söhne verstößt und sich nun ganz auf die Hochzeit des einzig liebreichen Nachkommen freut. Aber der denkt gar nicht daran, sondern macht sich auf, dem Dämon den Apfel zu bringen. Wie es weitergeht, bleibt offen, denn hier fällt der Vorhang.

Was sich aber bis dahin auf der Bühne der Dresdner Semperoper abgespielt hat, ist geradezu phänomenal. Regisseur Nikolaus Lehnhoff lässt der Märchenwelt freien Lauf und schickt seine Figuren in psychologisch stimmige und dramatisch mitreißende Konstellationen, Bühnenbildner Roland Aeschlimann stülpt dem anspielungsreichen Geschehen mit zwei gegenläufig drehenden Rundtreppen noch die Metapher des ewigen Auf und Ab, das doch ein Im-Kreis-Gehen bleibt, über. Und die Kostümbildnerin Andrea Schmidt-Futterer versieht das Ensemble mit einer eindrucksvollen Staffage, in der geisterhafte Bedrohung ebenso wie mystischer Zauber reflektiert sind.

Ein Fest fürs Auge – und für die Ohren. Die Staatskapelle musiziert unter Leitung von Stefan Lano (der bereits vor zwei Jahren gemeinsam mit Nikolaus Lehnhoff „Dead Man Walking“ von Jake Heggie herausgebracht hat) so becircend wie präzise. Vor allem jedoch ist das kleine, aber feine Sängerensemble sensationell. Acht Soli und ein versteckt agierender Chor geben die in einem breiten Spektrum angelegten Temperamente trefflich wider. Da sind Stimmgewalt ebenso wie Witz vereint, findet sich wutvoll Drohendes neben lieblichem Säuseln. Markus Butter als Al Kasim und John Mark Ainsley als Dämon ernten zu Recht heftig Applaus, auch Claudia Barainsky als Prinzessin Badi’at darf sich für ihre flexible Spiel- und Sangeskunst feiern lassen, Christa Mayer überrascht als Sultan Malik mit vokalen Todespfeilen, die Bösbrüder Adschib und Gharib werden von Jacek Laszczkowski persiflierend bis in höchste Höhen und von Georg Zeppenfeld geradezu terrortief gegeben. Ans Herz geht die subtile Gestaltungs- und Sangeskraft von Wolfgang Schöne als bekehrter Upupa-Liebhaber und Vater. Den Widersacher Dijab gestaltet Jacques-Greg Belobo in der Balance von erwartungsgemäßer Widerwärtigkeit mit überraschend menschlichen Zügen.

Hans Werner Henze, der längst mit „Phädra“ ein weiteres Zeugnis seines Wandlungs- und Gestaltungsvermögens abgelegt hat, arbeitet indes an weiterem Spätwerk. Trotz ersichtlicher Angestrengtheit ließ es es sich nicht nehmen, zur Premiere von „L’Upupa“ nach Dresden zu reisen. Das Premierenpublikum huldigte dem Meister mit stehenden Ovationen. Er erwiderte der gelungenen Produktion sichtlich gern seine Zustimmung mit einem Applaus aus der Loge. Das klingt nun schon wieder wie ein anderes Märchen.
 

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