Alles auf Anfang in Lyon

Purcells „Dido und Aeneas“ in einer schrägen Erweiterung und Tschaikowskis „Zauberin“


(nmz) -
An der Oper in Lyon leistet sich Intendant Serge Dorny jedes Frühjahr ein kleines Festival. Diesmal unter dem Allerweltstitel „Leben und Schicksale“. Der Erfolg, den er damit in den letzten Jahren hat, bestärkt ihn darin, auch das nicht so Gängige bei den Stücken und Regisseuren zu pflegen. Die Höhepunkte 2019 lieferte das von Dorny geförderte ungarische Regietalent David Marton mit einer schräg erweiterte Version von Henry Purcells „Dido und Aeneas“ und das bislang in Deutschland verblüffenderweise ignorierte ukrainische Theatergenie Andriy Zholdak mit Tschaikowskis selten gespielter „Die Zauberin“.
Ein Artikel von Joachim Lange

Dido und Aeneas haben auf französischen Opernbühnen ihren Auftritt in der Grand Opéra von Hector Berlioz. Im zweiten Teil von „Les Troyens“. Mit Henry Purcells englischer Opern-Version ist man schon nach einer Stunde durch. Aeneas und seine Trojaner kommen hier wie dort bei ihrem göttlichen Auftrag, in Italien das untergegangene Troja neu zu errichten, in Karthago vom Wege ab. Der Held verliebt sich in die Königin und umgekehrt. Nützt aber nichts. Und weil Reichsgründung vor Liebe geht, bleibt sie als Kollateralschaden auf der Strecke. Bei Purcell ist das alles eine Nummer kleiner als bei Berlioz. Dafür mit Hexen und Geistern.David Marton fügt mit Juno und Jupiter nicht nur zwei Götter (in antiken Gewändern von Paola Kardum) hinzu. Auch die Rolle der geisterhaften Gegenspielerin Didos bzw. ihrer Liebe zu Aeneas ist diesmal in Gestalt der kalifornischen Jazz- und Performance-Künstlerin Erika Stucky personifiziert. Die Götter buddeln als Archäologen der Zukunft unsere Gegenwart als Vergangenheit aus. Die Liebesgeschichte zwischen Dido und Aeneas wird so zu einem klingenden Artefakt der Erinnerung. Als Exempel für das Scheitern einer Liebe über die jeweilige historische Bestimmung, also über die Kulturen hinweg.

Was Marton macht, ist eine ergänzende Überschreibung. Der finnische Gitarrist Kalle Kalima ergänzt nämlich Purcells Musik mit Eigenem, korrespondiert mit ihr, reagiert auf sie, funkt dazwischen, so dass der Abend immer wieder zwischen dem barocken Tonfall, für den Pierre Bleuse mit dem Orchester im Graben kundig sorgt, in den von fremdartig vertraut Heutigem wechselt. Didos Lamento „Remember me“, diese Frage nach dem, was bleibt, liefert das metaphorische Gegenlicht der Melancholie, durchzieht den Abend und klingt mal nach Purcell, mal nach Kalle Kalima und mal nach beiden zugleich. Dieser musikalischen Melange der Zeiten und Ebenen ist auf ihre Weise auch die Inszenierung verpflichtet. Die Götter arbeiten in einem Glashaus, das Bühnenbildner Christian Friedländer über einer Ausgrabungsstätte errichtet hat. Was sie hier finden und fein säuberlich freilegen sind die Versatzstücke eines digitalen Zeitalters, dessen Müll eine Riesen-Halbwertzeit hat. Sie finden eine Knochenhand, die noch immer eine Computermaus umklammert hält. Ein Smartphone wird als Faustkeil unserer Moderne bestaunt. 

So wie die Götter unsere Zukunft als ihre Vergangenheit finden, so sucht auch der Regisseur nach Purcells Fast-schon-Oper aus dem Jahre 1688/89. Findet sie auch, gräbt aber tiefer, bis er im Heute ankommt. Mit dem was er präsentiert. Und in der Art wie er es präsentiert. Samt imaginärem Baustellenschild, das Puristen ein Nähertreten nur auf eigene Gefahr empfiehlt. Marton liefert diesmal eine ziemlich perfekte, in sich geschlossene Castorfiade mit durchaus eigenem Ehrgeiz.

Am Ende dauert der Abend deutlich länger als zwei Stunden und vereint ebenso viel hinzugefügtes 21. wie ausgegrabenes 17. Jahrhundert. Mit tektonischen Bruchlinien zwischen den Zeitkontinenten, die zu sehen und zu hören sind. Wenn Alix Le Saux als Didon und Guillaume Andrieux als Énée aufeinander zu singen und sich nicht erreichen, woran auch Claron McFadden als Didons Vertraute Belinde nichts ändern kann. Oder wenn die Schauspieler Marie Goyette als Juno und Thorbjörn Björnsson als Jupiter staunend dazwischen gehen und ein tragödienperfekt gesprochener Virgil als Wortmusik abgefackelt wird. Oder, wenn Kalima für Abwechslung vor allem aber Erika Stucky, als hinzugefügte Venus und alles Geisterhafte auf sich vereinend, nach einer kurzen Schrecksekunde des Ungewohnten mit ihren Auftritten von dunkel röhrend bis schräg grotesk für eine ganze Reihe von Höhepunkten des Abends sorgen.

Dazu erweitern – in maßvoller Castorf-Manier – Livekameras die Grabungsperspektive und fügen kleine Nebenbühnenschauplätze als Hintergrundprojektion ein, wo sonst auch mal das Mittelmeer an die karthagische Küste schwappt. Doch die Geschichte ändert auch in der Perspektive einer göttlichen Archäologie nicht ihren Verlauf. Am Ende ist Didon einsam und allein. Was die Götter so berührt, dass die nicht nur ihre Artefakte wieder verbuddeln, sondern sich selbst gleich mit. 

Natürlich ist das ganze ein Experiment. Also ein Versuch mit Risiken und Nebenwirkungen. Oben drüber steht: „Didon et Énée, rememberd, Henry Purcell/Kalle Klima/ Virgil/ Interludes d’Erika Stucky“. Und genau das ist es. Nicht mehr. Nicht weniger.

Warum Tschaikowski selbst die „Zauberin“ (1887) für seine beste Oper hielt, kann man nach Andriy Zholdaks Inszenierung besser denn je verstehen. Der präsentiert sie als ganz großes Opernkino, bei dem sich alles zu einem opulent erzählten Ganzen fügt! Zur beherzten Aktualisierung kommen entfesselte szenische Fantasie und perfekte Personenführung. Der demnächst nach Wien an die Staatsoper wechselnde künstlerische Direktor Robert Körner hat für das Stagionehaus zudem eine von Elena Guseva in der Titelpartie angeführte Traumbesetzung beisammen, die keine Wünsche offen lässt. Mit Daniele Rustioni am Pult des Orchester der Opéra de Lyon ist ein solcher Coup natürlich Chefsache.


„Dido und Aeneas“ ist mit den Opernhäusern in Stuttgart und Antwerpen/Gent koproduziert und wird darüberhinaus auch zur Ruhrtriennale zu sehen sein. Der Autor reiste auf Einladung der Oper Lyon zu den Vorstellungen.

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