Am Rande der Glaubwürdigkeit

Kritisch-konstruktive Töne bei den Radiodays


(nmz) -
Vielleicht aus Angst, Werbekunden zu verlieren, wurden bei Vorträgen wichtiger Medientreffen in den vergangenen Jahren wesentliche Probleme kategorisch ausgeklammert, nach dem Motto „Augen zu und durch“.
Ein Artikel von Christoph Stechbarth

Nicht so 2009. Endlich wurde der Medienbranche im September beim Radioday in Köln und im Oktober bei den Münchner Medientagen ein Spiegel vorgehalten, der auch unbequeme Problemzonen sichtbar macht.

Mit der Keynote der 23. Münchener Medientage wurde vom Autor und Philosophen Richard David Precht vom Verlust der für eine gesunde Demokratie so wichtigen Öffentlichkeit gesprochen. Da Spartenkanäle im Internet und in den Medien seiner Meinung nach die Fragmentarisierung der Gesellschaft fördern und einzelne Mitbürger als „Massen-Eremiten“ in ihren Nischen-Segmenten bleiben, wird das Zusammengehörigkeitsgefühl immer mehr verwässert. Für die klassischen Medien wird es mit schwindenden Leser-, Zuschauer- beziehungsweise Hörerzahlen immer schwieriger, eine meinungsbildende Öffentlichkeit herzustellen und Vorbilder in der Gesellschaft hervorzuheben. Die Möglichkeiten, bei denen sich Mitmenschen über die gleiche veröffentlichte Information austauschen können, werden eingeschränkt, und unabhängige meinungsbildende Vorbilder gehen verloren, da sie durchs Internet wegen des geringeren Glaubwürdigkeitsfaktors nicht ersetzt werden können. Precht fordert vor den versammelten Entscheidungsträgern der Massenmedien, dass neue Solidaritäten auch zwischen öffentlich-rechtlichen und privaten Medienunternehmen entstehen und ehemalige Feinde zu Freunden werden müssen. Außerdem könnten systemrelevante Massen(leit)medien, die eine Meinungsführerschaft bilden, durch zu gründende Stiftungen und Strukturfonds nach amerikanischem Vorbild gestützt werden – quasi ein „sozialer Kit“ der Gesellschaft.

Beim diesjährigen Radioday sprach der Philosoph Peter Sloterdijk über den Mangel an starken Sendungen, an nicht-redundanten Nachrichten. Mit Hilfe eines Aphorismus’ von Franz Kafka beschrieb er treffend die Situation unserer modernen Medienverhältnisse: „Es wurde ihnen die Wahl gestellt, Könige oder der Könige Kuriere zu werden. Nach Art der Kinder wollten alle Kuriere sein. Deshalb gibt es lauter Kuriere, sie jagen durch die Welt und rufen, da es keine Könige gibt, einander selbst die sinnlos gewordenen Meldungen zu. (…)“

Da in der heutigen Mediengesellschaft fast jeder die Rolle des Übermittelns einnehmen möchte und es immer weniger Könige als mächtige, sinngebende Absender gibt, werden unwichtige, oft um ihrer selbst Willen erzeugte, schwache Nachrichten verschickt. Hierfür müssen Beispiele im Fernsehen nicht lange gesucht werden.

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