Bei schwierigen Kindern in die Lehre gehen

Gespräch mit dem Komponisten Hans-Joachim Hespos über seine Oper „iOpal“ und die Arbeit an der Schule


(nmz) -
Die Oper „iOpal“ des Komponisten Hans-Joachim Hespos wurde von der Zeitschrift „Opernwelt“ zur Opern-Uraufführung des Jahres ernannt. Neben seiner Komponistentätigkeit hat Hespos 20 Jahre als „universal dilettantischer Pauker“ an Hauptschulen in Norddeutschland unterrichtet und darüber hinaus in einigen Projekten mit Schülern und Laien musikszenische Aufführungen initiiert. In einem Restaurant im Hauptbahnhof Bremen führte Tobias Daniel Reiser mit ihm ein entspanntes Gespräch über Musikunterricht, Musikpädagogik, Musikdidaktik und zeitgenössische Musik an Schulen.

neue musikzeitung: Was bedeutet Musikpädagogik oder Musikdidaktik für Sie?
Hans-Joachim Hespos: Ganz einfach: Es geht darum, Kinder, Jugendliche, Erwachsene, je nachdem, wen man vor sich hat, zu verlebendigen, zu schocken, zu kitzeln, zu kneifen, neugierig zu machen, damit die Erfindungskanäle wieder gangbar gemacht werden. Es geht darum, Leute zu verlebendigen, damit sie Ideen bekommen. So lange muss man sie triezen, auf die unterschiedlichste freundliche oder weniger freundliche Art.

nmz: Würden Sie das auch als Lernziel beschreiben?
Hespos: Das ist das oberste Lernziel! Ob es nun an Wagner festgemacht wird, an den Beatles, den Rolling Stones oder an irgendeiner Salsageschichte, das ist völlig schnurz.

nmz: Es geht also ums Verlebendigen, darum, dass die Schüler wachwerden?
Hespos: Und darum, dass sie Ideen bekommen. Auf einmal sieht die Welt bunt aus, und dann kann ich mich mit ihr auseinandersetzen, dann akzeptiere ich auf einmal, was in Mexiko los ist, in Afrika, bei den Aborigines in Australien oder was im Mittelalter los war.

nmz: Wie sehen Sie das Verhältnis von allgemeinen und musikbezogenen Erziehungszielen?
Hespos: Es ist dasselbe, absolut dasselbe! Noch viel wichtiger als Musik an allen Schulen ist Theater, damit die Leute ihre Probleme spielen. Damit sie endlich wissen, was ihnen quersteckt, und damit sie das in den Griff bekommen und ausleben.

nmz: Welche Formen von Theater würden Sie bevorzugen?
Hespos: Das kann man allgemein nicht sagen. Das ist ja der große Unsinn von Didaktikern und Methodikern, dass die alle wissen, wie es geht. Ich kann es nur wissen, wenn ich vor der Klasse stehe und weiß, was für Typen ich da habe, welche Schniefies, welche Probleme. Dann kann ich festlegen, ob ich eine Woche lang Erdkunde mache, Heimatkunde, eine Woche lang Sport betreibe. Das heißt, für mich sind diese Disziplinen, die Fächer, immer nur das Medium, um an Maria und Axel heranzukommen, ihnen die Chance zu geben, sich selbst zu erkennen – und ihnen über dieses Medium die Möglichkeit zu geben, das zu gestalten.

nmz: Sie haben lange Jahre unterrichtet, aber bewusst nie Musik. Warum?
Hespos: Das hat private Gründe. Ich bin Musiker, ich bin Komponist. Und wenn ich morgens um 8 Uhr schon anfange, Musik zu unterrichten, dann wird da mittags, wenn ich am eigenen Notenblatt sitze, nichts mehr daraus, dann bin ich nämlich müde. Für die eigene schöpferische Arbeit muss man sehr frisch sein. Wenn ich mich aber schon vorher in dem Ressort müde gelaufen habe, dann geht das nicht.

nmz: Welche Erwartungen und Wünsche haben Sie an Musiklehrer an allgemeinbildenden Schulen?
Hespos: Ganz prosaisch gesagt: Sie mögen bitte bei den schwierigsten Kindern in die Lehre gehen (lacht).

nmz: Wie sehen Sie das Verhältnis von Musiktheorie und praktischen Bereichen des Musikunterrichtes?
Hespos: Auch das kann man nicht allgemein sagen. Ich hatte zum Beispiel in meinem Projekt „SCALA“ (eine musikszenische Arbeit mit einer gymnasialen Oberstufenklasse Musik Leistungskurs; Anm. d. Verf.) eine ganz widerborstige Schülerin, die aus sehr schwierigen Verhältnissen kam, die aber hervorragend Saxophon spielte, wunderbar improvisierte und kaum Noten lesen konnte. Sie wollte Saxophonistin werden und hat sich in dem gesamten Arbeitsprozess querulant und unintegrativ, aber mit großem Reiz und großem Charme verhalten. Sie war eine ganz wichtige Person im gesam-ten Team, weil sie außerhalb stand.
Daran sehen Sie: Man kann nicht ins Blaue hinein planen, man muss die Gegebenheiten nehmen und sich daraufhin etwas einfallen lassen. Mit dieser Person bin ich das ein und andere Mal ins sehr intensive Gespräch gegangen. Da kann man deutlich machen, dass ein gewisses Grundhandwerk zu erlernen ist. Außerdem gehören neue Blastechniken dazu, die Art und Weise, wie man sich auf der Bühne bewegt. Und man muss Noten lesen können. Ich will ja schließlich auch sehen, was andere Leute gemacht haben. Ich habe meinen Studenten immer empfohlen: Trainiere dich, trimm dich, mach dich. Aber bitte vergiss alles, was du kannst, wenn du anfängst, Musik zu schreiben. Ich habe ganz bewusst gesagt: „Vergiss‘, was du kannst, und mach‘ nicht, was du kannst. Denn das ist langweilig, das kannst du ja schon.“ (lacht) Man muss seinen Beethoven, seinen Schumann und seinen Bartók und so weiter natürlich kennen. Aber nicht im Sinne einer komplexen Wissenschaftlichkeit, einer Vollständigkeit oder einer Zitierbarkeit in Form eines herumtragbaren Wissens, sondern eher als diese lückenhafte Unruhe.

nmz: Sehen Sie Musik auch als soziale Kunst, sozialen Lernbereich an oder welche Rolle spielt Soziales in der Musik?
Hespos: Das Soziale ist etwas ganz Entscheidendes in der Musik. Wir kennen es aus dem Jazz. Darum schreibe ich stets komplexe Partituren, die jeder Musiker bekommt. Alle müssen am Gesamtprozess beteiligt sein und zwar arbeitsgemeinschaftlich. Dazu brauchen sie die gesamte Information in Form der Spielpartituren. Wir müssen uns, auch wenn wir nicht musizieren, weiter kennenlernen, weil wir als Team eine besondere Kraft entwickeln wollen, die für die Aufführung sehr wichtig ist. Das ist die soziale Komponente mit der Zielsetzung, dass etwas Interessantes daraus wird.

nmz: Dann geht es nicht darum, eine glückliche Gemeinschaft zu sein, sondern alle Reibungen gehören mit dazu?
Hespos: Absolut. Der ganze Schweinkram und die ganze Sauerei, die wir als Menschen herumtransportieren, die kommt mit auf den Tisch und damit muss man umgehen können. Das ist für mich natürlich ein gewisser Vorteil, weil ich diesen Krempel aus der Hauptschule kenne. Als Komponist müsste man vielleicht noch Organist sein, um mit den akustischen Phänomenen wirklich direkt in Kontakt zu kommen, und man muss als Komponist Hauptschullehrer sein, in den Tiefen des menschlichen Drecks herumgewühlt haben. Dann fängt das Leben erst richtig an, Spaß zu machen (lacht).

nmz: Spielt Didaktik für Sie eine wichtige Rolle in der Vermittlung von Musik?
Hespos: Nein, weil die Didaktik von theoretischen Überlegungen und von Absichten her kommt. Das ist zu wenig, man muss es auch immer wieder selbst machen. Man muss nicht Didaktik, sondern Werkstatt reinbringen, Menschenwerkstatt, Arbeitswerkstatt und Themenwerkstatt. Die Leute müssen selbst etwas tun. Wer als Lehrer selber arbeitet, tut mir leid. Die Schüler müssen arbeiten (lacht).

nmz: Wieviel selbstbestimmtes Lernen würden Sie einräumen?
Hespos: 99,9 Prozent (lacht).

nmz: Und die restlichen 0,1 Prozent?
Hespos: Das sind Anregungen, Schwierigkeiten und so weiter. Man muss Korrekturen geben, Nein sagen, aufmerksam machen, stoppen, berichten: „Warum hast du den in der Klasse angespuckt?“ und all so ein Kram. Auch Gewalt in der Schule und Asozialitäten sind Dinge, die wichtiger sind als drei mal sieben oder Konjugation oder irgendwelcher anderer Schwachsinn.

nmz: Das bedeutet, dass der Lehrer vor allem im sozialen Bereich eingreifen sollte?
Hespos: Ja, er muss sozusagen das Leben in die Schule mit hineinbringen und das Leben, so wie es erscheint, sehr wichtig und ernst nehmen und zum Unterrichtsgegenstand machen. Das kann ich ja jederzeit mit allen Schulfächern verbinden. Wenn aber ein Lehrer mit seinen persönlichen Dingen nicht fertig ist, dann kann er auch den Schülern nicht helfen.

nmz: Würden Sie zeitgenössische Musik in der Schule einsetzen?
Hespos: Das ist natürlich überhaupt kein Thema. Es gab eine schlimme Komposition von mir, das war das Flaggstück meiner ersten Schallplatte „Palimpsest“. „Viehisch gebrüllt, brutal gesteigert“, heißt es in der Partitur. Das war der Schrei der 70er-Jahre mit Joan Carroll (Gesang) und Siegfried Fink (Schlagzeug). Mit diesem Ding bin ich im ersten Schuljahr aufgetreten. Das habe ich den Leuten von der Platte untergejubelt und ihnen gesagt – weil Aufmerksamkeit über so lange Zeit ein Problem ist –, sie dürfen während des Hörens etwas malen, damit sie ruhig sind. Sie haben das wunderbar gemacht. Ich liebe es ja unvorbereitet und dann deftig heftig. Wenn ich also viel erkläre und mich entschuldige, dass ich da bin, dann habe ich Pech gehabt. Aus! Dann bin ich ein Fall für den Psychiater, aber wir sind ja das Gegenteil. Wir schreiben ja Partituren. Insofern hat der Psychiater keine Chance. Der ganze Mist kommt ja in die Partitur. Und das kriegen die Zeitgenossen frisch, rechts und links um die Ohren (lacht). Es kommt darauf an, wie man all das präsentiert. Möglichst unvorbereitet und baff, aber hochkonzentriert. Hinterher muss man natürlich in der Lage sein, in Gesprächen die Tränen, die Unfälle, die Exkremente und so weiter aufzufangen. Das gehört ja mit zu diesem Planeten. Es ist Wirklichkeit auf dieser Erde, es ist also da. Jetzt muss ich mich nur vernünftig darüber unterhalten. Und nicht wie der Zoobesucher bei Tucholsky, der eines Tages ein Dromedar sieht, so ein Ding mit zwei Höckern, staunt und sagt: „Das ist nicht wahr.“ (lacht)

nmz: Wie unterscheidet sich die Arbeit mit einem Opernensemble von der mit einer Klasse?
Hespos: Ein Opernensemble ist ungleich und hoffnungsloser versaut: von Vorurteilen, von „kann ich, weiß ich, haben wir alles schon gemacht und ist überhaupt nichts Neues“ bis hin zur nicht mehr zu überbietenden Trägheit, Faulheit und ähnlichen Geschichten.

nmz: Sehen Sie einen Unterschied in der Art und Weise des Herangehens?
Hespos: Nein. Die Erwachsenen in dieser Formation sind, wie ich es vorhin schon beschrieben habe, nur das 36. oder 37. Schuljahr. Sie sind auch nur hilflose Menschen, die ein bisschen größer geworden sind. Die meisten werden ja nicht erwachsen, die meisten werden ja nur groß, oder älter (lacht).

nmz: Heißt das, dass die Erfahrungen, die Sie als Lehrer gesammelt haben, Ihnen bei der Arbeit mit professionellen Ensembles von Nutzen waren?
Hespos: Absolut, absolut. Man kann mich nicht beleidigen, man kann auf mich zukommen, man kann machen, was man will. Ich habe allerdings das Ziel im Auge und da wollen wir hin, und da kommen wir auch hin. Früher oder später (lacht).

nmz: Würden Sie ihre neue Oper „iOpal“ mit Schülern machen?
Hespos: Ich würde gar nicht mal mit „iOpal“ anfangen, sondern eher einen Jahrmarkt besuchen. Irgendetwas, wo auf engem Raum die unterschiedlichsten Dinge stattfinden: Vorne, hinten, unten, oben, schnell, langsam, laut und leise. Und dann kann man den Schritt in diesen Kunstjahrmarkt machen. „iOpal“ ist auch ein Jahrmarkt. Man weiß nie, was passiert. Und es passieren in dieser Inszenierung mit Johannes Harneit und Anna Viebrock allerlei Dinge, die man normalerweise im Opernhaus nicht erwartet.

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