Brücke zwischen Musik und Malerei

Das zweite „Hörfest Neue Musik“ Detmold stand unter dem Motto „Klangfarben – Farbklänge“


(nmz) -
Farbige Scheinwerfer senden Lichtkegel in die Weite des Raums. Auf einer Leinwand strahlt die Innenansicht der achteckigen Kapelle in Houston/Texas, die vierzehn Gemälde des Malers Mark Rothko beherbergt, zur Kontemplation einladende Ruhe aus. Fast verloren wirkt das aus knapp zwei Dutzend Sängerinnen und Sängern sowie drei Instrumentalisten bestehende Ensemble in der Halle des ehemaligen Flugzeughangars. Mit Morton Feldmans „Rothko Chapel“, aufgeführt im Hangar 21 auf dem Gelände des ehemaligen Fliegerhorstes am Stadtrand von Detmold, klingt das zweite „Hörfest Neue Musik“ aus.
Ein Artikel von Christine Longère

Vier Tage lang aufregende, Hörgewohnheiten sprengende Musik­erlebnisse. Für die im vorigen Jahr ins Leben gerufene „Initiative Neue Musik in Ostwestfalen-Lippe“ als Veranstalter Anlass zu einer stolzen Bilanz. In 13 Konzerten an 5 Veranstaltungsorten in Detmold wurden 32 Werke von 26 Komponisten aufgeführt. Beteiligt daran waren 33 professionelle Musiker und ein 23-köpfiger Projektchor, zu dem sich Musikstudenten und Laiensänger zusammenfanden. Dazu kamen 95 Schülerinnen und Schüler der Gymnasien Horn, Lage, Lemgo, Minden und Paderborn sowie der Detmolder Johannes-Brahms-Musikschule. 

„Klangfarben – Farbklänge“ lautete das Motto des Hörfestes. Dahinter stand die Absicht, durch die Fokussierung auf ein Leitthema dem Publikum Orientierung zu bieten angesichts der Vielfalt in der zeitgenössischen Kunstmusik. Der Brückenschlag zwischen den Genres Musik und Malerei weckte Verständnis für einen neuartigen, autonomen Umgang mit dem Material, für Klänge, die gelöst sind aus einengenden Systemen und Funktionalitäten. Aufmerksamkeit auf Bezüge und Entwicklungen lenkende Moderation erleichterte den Zugang.

Die Entdeckungsreise, zu der Hans Timm, Initiator der „Initiative Neue Musik“, die Festbesucher einlud, begann im Detmolder Sommertheater mit den von zwei Klavieren und zwei Schlagzeugern ausgeführten Schichtungen und Schwingungen, die den Streifzug „durch unausdenkliche Wälder“ des Österreichers Georg Friedrich Haas einleiteten, György Ligetis von Hajdi Elzeser faszinierend am Klavier interpretierten „Regenbogen“, Jörg-Peter Mittmanns „spektral“ genannten Klangbildern nach Gedichten von Georg Trakl. Sie führte über „Couleurs“ im Brahms-Saal der Musikschule, „Hell und Dunkel“ in der Pfarrkirche Heilig Kreuz und „Flackernde Schatten“ im Foyer des Landestheaters zu den „Farben der untergehenden Sonne“ im Hangar 21. 

Als fantasiereicher, vielfältige Impulse aufgreifender Komponist, exzellenter Oboist und künstlerischer Leiter des Ensembles Horizonte trug Mittmann zur hohen Qualität des Festivals bei. Wirkungsvoll setzten die jungen Tänzerinnen und Tänzer des Gymnasiums Lemgo, die unter Anleitung von Kirsteen Mair eine Choreographie zu seinem 2006 in Bielefeld uraufgeführten Stück „Railroad Turnbridge“ erarbeitet hatten, die musikalischen Variationen über ein minimalistisches Klangbild in Bewegung um. Ein Film des amerikanischen Malers und Bildhauers Richard Serra, der immer neue perspektivische Facetten und technische Details einer Eisenbahn-Drehbrücke zeigt, lieferte Mittmann die Anregungen für die Suche nach einfachen Strukturen, die durch allmähliche Verschiebung und Überlagerung ihren Zauber entfalten. 

Die Besucher kamen und gingen, Eintritt wurde nicht erhoben. In seiner lockeren Form war das viele Menschen unterschiedlicher Altersklassen einbeziehende Fest ganz dazu angetan, die Ohren für Neue Musik zu öffnen und bei dem einen oder anderen vielleicht sogar Begeisterung zu wecken. 

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