Cry Out in verschiedener Gestalt

Neues von der Post-Avantgarde beim Forum neuer Musik


(nmz) -
Köln, im April – ein „Ort der Begegnung und der Debatte“. Für Festival-Kurator Frank Kämpfer bleibt das Forum neuer Musik beim Kölner Deutschlandfunk auch in seiner 14. Ausgabe mit einem gesellschaftspoli­ti­schen Anspruch verbunden. In diesem Jahr mit dem Focus auf Nachwehen, Folgelas­ten, Potenzialen von Postkolonialismus und Globalisierung.
Ein Artikel von Georg Beck

An Überraschungen hielt diese vierzehnte Forum-Ausgabe einige parat. Gleich, auf der Wahrnehmungsebene, einen eigentümlichen Querstand von Thema und Gefühl. So wusste man erst gar nicht, woher die beinahe heitere Gelassen­heit rührte, mit der die diesjährig recherchierten „News from the ‚Colonies‘“ unters Publikum kamen. Denn soviel immerhin war klar: Ein Festival, das nach künstlerischen „Reflexionen von Kolonialis­mus und Globalität“ fragt, das ein Programm über sämtliche Kontinente spannt, um sich nach der „Moderne andernorts“ zu erkundigen, ohne zugleich die völkerfreundliche Weltmusik-Karte zu ziehen, kurz, ein „Werkstattfestival“ mit nüch­ternem Blick für die Zurichtungen und Zumutungen des westlichen „Erfolgs­modells“, muss über die Werke, die es auslöst, zwangsläufig Einiges zurückbe­kommen. Aushalten lernen, könnte man auch sagen.
Wie auch anders? Was im Festivaltitel noch pointiert leicht daherkam, zeigte in nicht wenigen Fällen gleich unter der Oberfläche das Unerledigte, Unausgestandene. Schon beim eröffnenden multimedialen Paukenschlag war denn auch an ein Ausweichen kaum zu denken. Alan Hilario, in Manila geboren, in Ulm wohnend, hatte seine Video-Textoper „Schöner Götterfunken!“ 2006 bei den Weltmusiktagen in Stuttgart uraufgeführt, als „elektroakustische Neufassung“ vorgestellt. Der kolonialis­tische Blick, der Ende des 19. Jahrhundert die „Völkerschau“ erfindet, wird darin mittels wilder Gegenschnitte von Bild, Text, Perkussion, Live-Elektronik gnadenlos zerschreddert. Mit dem Brüderlichkeits-Versprechen aus Schillers Freudenode als unterlegtem Morsecode.

Unter der Oberfläche

Damit war eine Spur gelegt, die bis ins Schlusskonzert eine keineswegs nur historische Relevanz offenlegte und zugleich aufschlussreiche Blicke in Komponier­szenen gestattete, die unserem (europäisch/nordamerikanischen) Tunnelblick bislang wenig geläufig sind. Andererseits zeigte sich einmal mehr, dass auch ältere Werke der Neuen Musik ihre Kraft keineswegs eingebüßt haben, nur weil sie älter sind. Manche wachsen sogar mit der Zeit, verändern sich, zeigen neue, unerwartete Seiten, inklusive dramatisch-theatralischer Ausdrucksformen der außergewöhn­lichen Sorte. So war es am Ende der Schrei, der zum mehr oder weniger offenen Klang- und Geräuschzeichen dieses Festivals geworden war. Verteilt über den Gesamt­parcours von einem runden Dutzend Konzert- und Diskussions­veran­staltungen gab es den Cry Out (kein Text ohne Subtext) in verschiedener Gestalt: angekündigt, angedeutet, unterdrückt und letztlich auch ziemlich real.

Dabei konnte man sich noch nicht einmal darauf verlassen, dass derselbe auch drin sein würde, wo er drauf stand. „Cry Out“ jedenfalls, das klug und einfühlsam gebaute Ensemblestück des jungen schwarzafrikanischen Komponisten Andile Khumalo, hielt denselben konsequent unter einer wispernden, stetig gespannten Oberfläche verborgen. Musik, die (gegen die Erwartungen unseres „postkolonialen“ Bewusstseins) gerade nicht die große Geste sucht, keine schwarze Faust zeigt, die vielmehr auf einer sehr europäisch geschulten Material- und Instrumentalebene elementare Fragen eines südafrikanischen Komponisten von heute verhandelt: Wie kann das Individuum, hier die Bratsche, allen gegenläufigen Umständen im Ensemble zum Trotz, seinen Weg gehen?

Unfreiwillige Tragik

„Ensemble 20/21“, das Hochschulorchester der Kölner Musikhochschule, musizierte unter David Smeyers mit großem Eifer und Ernst. Ebenso wie den „Postcolonial Song“ des Kevin- Volans-Schülers Michael Blake, eine Zentralfigur der „new music“ im heutigen Südafrika. Apropos. Noch immer geht es dort um den Wieder- und Neuaufbau einer nach dem Ende der Apartheid darnierderliegenden musikalischen Infrastruktur. Wobei nicht verschwiegen sei, dass andererseits gerade ein Andile Khumalo aus Michael Blakes hoffnungsvollem „Growing Composer“-Projekt hervorgewachsen ist. Und doch, eine gewisse Tragik liegt darin, dass ausgerechnet zu Apartheid-Zeiten – wenn auch nur als Feigenblatt und nur mit der Einschränkung: for whites only – eine hochsubventionierte Orchester- und Kompositionsauftrags­kultur vorhanden war. Jetzt aber, wo es endlich auch schwarzafrikanische Komponisten gibt, deren Werke aufgeführt werden können, liegt die Infrastruktur am Boden. Erst kürzlich ist das Johannesburg Symphony Orches­tra zu einem Teilzeit-Orchester herabgestuft geworden. Und ein festes, aus Steuermitteln finanziertes Neue-Musik-Ensemble ist in Südafrika noch reines Wunschdenken. Womit die Unterstützung aus Europa, auf allen Ebenen, eminente Bedeutung hat. Ein gegen den Zeitgeist kuratiertes Forum neuer Musik, das südafrikanischen Komponisten ein Podium bietet, entfaltet denn auch möglicherweise mehr Wirkung, als man in Köln ahnen konnte und kann. 

Differierende Modernen

Neben einem auf hohem Niveau stehenden Konzertgeschehen drehte sich dort viel um Bewusstseinsbildung. In weit gespannten Debatten und Roundtabels wurde heftig gerungen um (adäquate postkoloniale) Wahrnehmung einerseits, um (politisch korrekte) Positionsbestimmung andererseits. Wenn es diesbezüglich überhaupt ein Fazit geben kann, so wohl dies, dass beides noch weiterentwicklungsfähig ist. Manches nämlich, was heute in Afrika als „modern“ gilt, kollidiert doch entschieden mit dem Selbstbild einer sich aufgeklärt verstehenden Moderne hiesiger Provenienz. Andererseits sind Stand und Status afrikanischen Komponierens und unser Bild davon noch weitgehend zwei verschiedene Persepektiven. 

Umgekehrt ist ein europäisches Komponieren, das sensibel reagiert auf Ungerechtigkeiten und Gewalt an den Armutsrändern dieser Welt, keineswegs ausgestorben. Beeindruckend etwa Volker Heyn, dessen „Eclipse of Reason“ für Frauenstimme, Ensemble und Zuspiel auf eine schockierende Lektüreerfahrung des Komponisten zurückgeht. Was Heyn in Jean Zieglers „Das Imperium der Schande“ über Brasilias Müllberge und Müllkinder hatte lesen müssen, hat er einfließen lassen in eine knirschend-metallische Partitur mit zwei im Viertelton gegeneinander verschobenen Klavieren. Salome Kammer und das Ensemble Aventure musizierten ein sarkastisches „Ratten“-Libretto: dicht, hart, sardonisch.

Demhingegen präsentierte sich „White Rice“, Alan Hilarios Duo für zwei Spieler und vier Saxophone, in fast konventionellem Gewand, insofern Hilario (vielleicht etwas zu ausgiebig) den Bach-Coral „Aus tiefer Not“ zitierte. Andererseits – da war er wieder, der Schrei.

 Phantomschmerz

In solchen wie in den meisten anderen Fällen ließ der Veranstaltungsort Deutschlandfunk Kammermusiksaal Musiker und Publikum teils auf extreme Tuchfühlung gehen, was die Möglich­keiten zur Distanzierung klein hielt, diejenigen zu intensiven konzertanten Erfahrungen groß. Für alle Beteiligten keine leichte, aber eine lohnende Übung. Sichtbar der Ehrgeiz, sich dem zum Teil immensen Anforderungsprofil der Partituren adäquat zu zeigen. Wobei in diesem Zusammenhang die Anstrengungen des Deutschlandfunk hervorzu­heben wären, ein solches Programm in seiner ganzen Aktualität und Virilität zu stemmen. Der Erfolg zeigte sich nicht zuletzt in den kontroversen Debatten, denen sich das Forum-Publikum zu stellen bereit war.

Was vielleicht auch damit zu tun hatte, dass mit der erfolgten Öffnung ins Post-Koloniale tatsächlich ein weiterer Schritt in Richtung Post-Avantgarde getan war, woraufhin zurückliegende Forum-Ausgaben sich bereits stetig orientiert hatten. Nach dem Abebben eines Phantomschmerzes, genannt: Avantgardeverlust, zeigt sich doch mehr und mehr, dass es nicht unbedingt schrecken muss, wenn die Welt (der Neuen Musik) nicht mehr in Zentrum und Peripherie aufgeteilt ist und wir uns folglich einer Vielzahl kompositorischer Ansätze gegenübersehen. So kann es sich dann aus- und herausbilden, das Gefühl, frei zu sein auch von den Fesseln einer falschen Sicherheit. Und damit einen Status von Gelassenheit befördern, ein von sich selbst zurücktretendes Kommentieren – allerdings bei stets zuspitzendem, (heraus)forderndem Wort. Die (selbst)ironisch gekörnte Prise Nachdenklichkeit inklusive.

Gerade erst nämlich hatte das Ensemble der „Internationalen Ensemble Modern Akademie“ mit einer kuragierten Aufführung von Kagels „Exotica“ das Forum-Publikum gründlich gespalten, in einen heftigen Debattenrausch versetzt und dem Forum 2013 „News from the ‚Colonies‘“ seinen kathartischen Höhepunkt beschert – als vor dem Schlusskonzert im Deutschlandfunk Kammermusiksaal Kurator Frank Kämpfer wie gewohnt ans Saalmikrofon trat, um laut über das „vielgestaltige, verrätselte Labyrinth unseres Forum neuer Musik“ nachzudenken.

Dass das Programmieren neuer (oder auch alter) Kunst-Musik selber eine Kunst ist, ist geläufig. Dass darauf aber auch zutrifft, was der große Weltweise der (damals groß geschriebenen) ‚Neuen‘ Musik einst vom Kunstmachen und vom Künstlersein gemutmaßt hatte, vielleicht weniger: etwas machen, von dem man nicht weiß, was es ist oder werden wird. Mit anderen Worten und herunter­gebrochen aufs Planungsgeschäft eines Festival­kurators: Ein Programm sollte Überraschungs­momente bereithalten. Am besten solche, die erst beim Auspacken gelüftet und damit kenntlich werden.

 Betroffenheit

Dass ausgerechnet Kagels für die Olympischen Spiele 1972 entstandener Parforceritt durch den Kosmos „außereuropäischer Instrumente“ zu einer solchen die Gemüter erhitzenden wie die Geister spaltenden Überraschungsveranstaltung werden sollte, war vielleicht weniger dieser Partitur in die Wiege gelegt als vielmehr dem „postkolonialen“ Blick, mit dem wir zwischenzeitlich darauf schauen.

Dass dieses fünfzigminütige abendfüllende Instrumentaltheater noch vierzig Jahre später von ebenso zuspitzendem wie kathartischem Effekt sein könnte, hätte sich ihr Komponist wohl kaum träumen lassen. Sicher auch nicht, dass die Komposition nach der Kölner Aufführung selber in der Kritik stehen würde. Dabei war die Intention des Komponisten doch gewiss und eindeutig darauf gerichtet, die „Dominanz westlicher (Musik)Kultur in Frage zu stellen“. In diesem Fall durch den Kunstgriff, sechs singende Instrumentalisten mit wenigstens 200 außereuropäischen Musik­instrumenten zu beschäftigen. Und doch legte sich in Köln darüber so manche Stirn in Falten. Geht es in Ordnung, die Musikkulturen der Welt ihres Kontextes zu entkleiden, sie nach Gutdünken in bunter Reihe herbeizuzitieren und ebenso schnell wieder beiseite zu legen? Hat der postkoloniale Blick seinerseits einen kolonialen Restkern? – Die jungen IEAMA-Musiker focht dies nicht weiter an, absolvierten sie ihre Aufgabe doch mit großer Intensität, ohne Distanzieren, Lavieren, ohne Indifferenz. Ihnen galt’s der Kunst und damit der in Abrede gestellten Würde. Soviel nämlich war spürbar gerade im Wechsel von theatra­lischsten, herausgeschrieenen Fortissimo-Aktionen zu hochexpressiven Pianissimo-Passagen. Fein ausbalanciert zudem die Mischung aus Zuspiel und Live-Elektronik.

So steuerte schließlich alles auf den kathartischen Kulminationspunkt zu, mit dem der ganz famose Dirigent Vimbayi Kaziboni im Schlusstakt erst die große Trommel vor ihm traktierte, um dann, zum Publikum gewandt, den Kammermusiksaal mit einem gewaltigen Urschrei zu erschüttern. Atemlose Stille. Und Betroffenheit beim (weißen) Publikum, dass es ausgerechnet ein schwarzer Mann ist, der außer sich geraten muss.

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