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Das Auge hört und urteilt mit

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Eine Studie belegt die Bedeutung des Visuellen für die Musikwahrnehmung
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Kann der visuelle Eindruck einer Musikdarbietung das Urteil eines Publikums im Vergleich zu einer nur auditiven Darbietung beeinflussen? Bislang widersprachen Akustik-Puristen vehement. Nun legen zwei Musikpsychologen der Hochschule für Musik, Theater und Medien, Hannover (HMTMH) neue Erkenntnisse vor. In ihrer Studie „When the eye listens” bewiesen Reinhard Kopiez und Friedrich Platz: Das Auge hört mit, es verursacht sogar eine bessere Bewertung des Gehörten. Prof. Kopiez erläutert im Gespräch mit der nmz die Ergebnisse seiner Meta-Analyse und fordert Konsequenzen.

Herr Professor Kopiez, Sie haben gemeinsam mit Ihrem Kollegen Friedrich Platz eine Studie mit dem Titel „Wenn das Auge Musik hört“ durchgeführt. Was genau haben Sie untersucht?

Wir haben erforscht, wie stark unsere Wertung von Musikerauftritten durch die sichtbare Komponente beeinflusst wird. Das Ergebnis ist relativ einfach: Ein Auftritt wird ungefähr um eine Schulnote besser bewertet, wenn wir die Spieler sehen und hören im Vergleich mit einer nur gehörten Darbietung.

Hat sie das überrascht oder war das Ihre Ausgangshypothese?

Wir ahnten schon, dass es in diese Richtung gehen wird, weil wir in der Musikgeschichte eine lange Tradition von Berichten haben, in denen es um Live-Auftritte geht. Es gab daher schon eine gewisse Vorannahme in unserer Studie über die Richtung des Effekts, allerdings wusste niemand bisher, wie stark quantifiziert dieser Einfluss sein würde. Wir können es nun konkret angeben: Es ist genau eine Schulnote. Dieses Urteilsverhalten ist für alle Genres beobachtbar. Auch konnten wir in der Reanalyse der Primärstudien keine Hinweise auf einen gegenteiligen Effekt der visuellen Komponente feststellen. Der förderliche Effekt erweist sich als äußerst robust und wird aufgrund der großen Gesamtstichprobe präzise und zuverlässig bestimmt.

Gibt es denn Jurys, die rein auditiv urteilen? Sieht man als Juror bei einem Wettbewerb nicht immer den jeweiligen Künstler spielen?

Nein, das ist leider nicht so, denn es wird unterschiedlich gehandhabt. Bei den Orchesterprobespielen finden die ersten Vorrunden häufig hinter einem undurchsichtigen Vorhang statt. Da sieht man keine Details, man weiß nicht, ob es sich um einen Mann oder eine Frau handelt, oder welche regionale Herkunft die Person hat. Es wird damit versucht, so etwas wie eine Unabhängigkeit vom Sehen herzustellen. Aber das Widersprüchliche ist dann, dass in den Endrunden tatsächlich die ganze audiovisuelle Person bewertet wird. Ich glaube, man muss auch beides bewerten, weil der Konzertbesucher am Ende auch für beides bezahlt. Die Spieler müssen visuell präsent sein, sie müssen akustisch präsent sein, sie müssen auch als Person auf der Bühne wirken können, ansonsten haben sie im Live-Konzertbetrieb kaum eine Chance.

Welchen Mehrwert leistet das Visuelle?

Ich vermute, ihr Effekt liegt in der Vermittlung von Authentizität, weniger in der musikalischen Ausdrucksvermittlung. Dieses Phänomen ist der Sprachforschung bereits als McGurk-Effekt bekannt. Man weiß, dass der visuelle Eindruck einen erheblichen Einfluss auf die auditorische Sprachverarbeitung hat. Darüber hinaus kann man über das Visuelle auch spieltechnische Besonderheiten vermitteln (etwa Handüberkreuzungen). Manche Instrumentalisten setzen sogar spezielle Live-Techniken ein, die im Studio keinen Sinn ergeben: So spielt beispielsweise David Garrett in der Luft und nicht – wie der Rest der Violinisten – auf dem Boden. Das Visuelle vermittelt womöglich mit non-verbalen Mitteln so etwas wie Raumdominanz und stellt damit eine wichtige Komponente der Gesamtinszenierung eines Auftritts dar, kurzum der Bühnenperformanz.

Welche Konsequenzen leiten Sie aus diesen Befunden ab? Plädieren Sie für mehr Bühnenperformanz in der Ausbildung?

Ja, das ist auf jeden Fall ein Bereich, der noch nicht voll entwickelt ist! An den Hochschulen, an denen die Musikerausbildung stattfindet, ist es häufig sogar so, dass man sehr viel Zeit in das instrumentale Training investiert, dort die großartigsten Ideen entwickelt, aber dann kommt der Moment, in dem der junge Musiker die Bühne betreten muss und relativ allein gelassen ist. Ich glaube, dass man an der Stelle viel professioneller agieren könnte. Es wäre schon viel erreicht, wenn sich Studierende der Instrumentalklassen ihrer häufig nicht vorhandenen Bühnenpräsenz bewusst wären. Man könnte überlegen, wie man mit Hilfe von Schauspielern und deren Bewegungslehre eine Bewusstheit für die Körpersprache entwickelt. Also für das Gehtempo, für den eingenommenen Stand, dafür, wie die Spielposition erreicht wird, oder wie der Kontakt zum Publikum aufgenommen wird. Bisher sind das mehr oder weniger Zufallsprozesse. Wir plädieren dafür, das Wissen anderer Disziplinen, etwa der Bewegungslehre zu verwenden, um die Person als ganze Person zu entwickeln.

Ist hier auch Training gegen Lampenfieber gemeint?

Eher nicht. Wir denken eher daran, die Stärken zu verstärken damit die künstlerische Person wirksam und sichtbar wird. Worum es in dieser Live-Situation geht, ist doch letztlich Persuasion. Ich will jemanden überzeugen, und zwar mit dem, was ich an Ideen habe und mit den Mitteln, die mir zur Verfügung stehen. Daher sollte herausgefunden werden: Was sind meine persönlichen Wirkungsmittel, mit denen ich arbeiten kann? Intervention gegen Lampenfieber überlassen wir den Kollegen aus dem musiktherapeutischen Bereich.

Welchen Umfang sollte die Schulung der Bühnenperformanz im Curriculum einnehmen?

Man sollte sehr früh, gleich im ersten Semester, damit anfangen. Es ist ja ein Bewusstheitstraining, weshalb es ein fester Bestandteil des Curriculums sein sollte.

Gibt es im Ausland schon Erfahrung mit dem Training der Bühnenperformanz?

Soweit ich sehe, ist das bisher nicht der Fall, allerdings ist das Performanztraining im Bereich der populären Musik schon viel weiter, denn dort gibt es das Bühnencoaching als festen Bestandteil der Ausbildung. Dort geht man viel offensiver mit dieser Herausforderung um: in der Rock- und Popmusik kann man sich überhaupt nur noch durchsetzen, wenn man ein gutes Live-Konzept hat, das zur Band, zum Performer passt.

Also Dieter Bohlen & Co auch für Klassik und Jazz?

Nein, denn so geht das natürlich nicht in jedem Bereich. Das Konzept ‚Bühnencoach‘ funktioniert nicht normativ. Das Neue, das wir hinzufügen, ist der Begriff der „Angemessenheit“. Die Bühnenperformanz muss sowohl an die Erwartungen des Publikums als auch an das Genre angepasst sein. Das sieht im Klassikbereich anders aus als in der Jazzmusik und in der Kammermusik anders als beim Klavierabend. Da ist viel Fingerspitzengefühl gefragt.

Was raten Sie Musikern, die Ihre universitäre Ausbildung abgeschlossen haben, die sich aber gerne weiter entwickeln würden? Gibt es Workshops?

Ja, die gibt es tatsächlich. Man sollte sich dabei am Schauspiel orientieren. Dort spielt die Bewegungslehre als ein Mittel der Kommunikation neben dem gesprochenen Wort eine zentrale Rolle. Schauspieler arbeiten viel bewusster mit dem Einsatz von Körpersprache, Mimik, Gehgeschwindigkeit, also vielen kleinen Mikrosignalen, die den Eindruck von Professionalität vermitteln und auf die Zuschauer ganz schnell anspringen.

Kann das auch jemand, der kein Charismatiker ist?

Ja, ich denke, alle können davon profitieren, denn am Ende wissen wir ja gar nicht, was Charisma eigentlich genau ist. Für viele scheint es so zu sein, als sei das ein „Gnadengeschenk“ des Himmels. Wir vertreten da eine nüchterne Position und glauben eher, dass man durchaus lernen kann, Leute mit den persönlich verfügbaren Mitteln zu faszinieren.

Was bedeutet das Ergebnis Ihrer Studie für den Einsatz von YouTube? Sollten Musiker in gute Videos investieren, um an Gigs zu kommen?

Ja, da gehen wir sogar noch einen Schritt weiter. Bei Bands ist es ja häufig so, dass hier nicht nur die Einzelperson wirkt, sondern dass der gesamte Raum ‚Bühne‘ genutzt werden muss. Die Stage Performance und das Show-Konzept müssen gut bedacht werden. Da kann man viel von großen erfolgreichen Bands, die schon lange im Geschäft sind, lernen.

Welche Forderungen ergeben sich aus Ihren Befunden für die Ausstrahlung von Konzerten etwa durch den Öffentlich-Rechtlichen Rundfunk?

Bei Fernsehübertragungen von Musik, unabhängig vom Genre, sollten die Aufnahmeleiter darauf hinwirken, dass häufig auch Details eine große Rolle spielen, so etwa die Mimik des Spielers oder das Aufzeigen von – wie wir das nennen – Signalen des Engagements: Das kann das Schwitzen sein, das mir als Zuschauer zeigt, dass jemand hundertprozentigen Einsatz gibt, das kann aber auch schon der Gang zur Spielposition auf der Bühne sein.

Haben Sie in Ihrer Studie etwas darüber herausgefunden, ob das Outfit der Musiker eine Rolle spielt?

Ja, das spielt es, aber nicht normativ. Kleidung muss angemessen sein. Natürlich wird keine klassische Geigerin auf der Bühne im Nachtclubdress spielen, das geht eben nicht. Beim Jazz kann zum Beispiel das Legere auch das Angemessene sein, das von der Mehrheit des Publikums auch geschätzt wird. Das wissen wir aber noch nicht genau, weil das Jazz-Publikum in dieser Hinsicht noch relativ wenig untersucht ist.

Sie planen bereits eine neue Studie, in der untersucht werden soll, wie das Konzertpublikum Musiker bewertet. Sie vermuten, dass es verschieden Typen unterscheidet.

Ja, es gibt schon Hinweise darauf. Wir können bisher nur sagen, wie es in der klassischen Musikkultur bei Geigensolisten funktioniert. Es geht in unserer Studie um einen Violin-Wettbewerb, bei dem wir die Teilnehmer und ihre Auftritte videografiert haben. Grob gesagt, können wir zwei große Gruppen unterteilen: die mit dem akzeptablen Auftritt und die mit dem weniger akzeptablen. Die unterscheiden sich in relativ wenigen, aber gut sichtbaren Merkmalen. Beim Geigespiel zum Beispiel sind schwitzige Finger in der linken Hand ein Problem. Wenn sich aber die Spieler zur Beruhigung immer an die Hosennaht fassen oder ans Kleid, um ihre linke Hand abzuwischen, dann sind das keine besonders guten Signale. Sie vermitteln eher Unsicherheit und fehlende Dominanz, der Spieler ist nicht so richtig Herr der Situation. Das ist etwas, was nicht angemessen ist.

Das heißt, man sollte eher ein Taschentuch verwenden?

Ja, ein Taschentuch ist kein Problem. Angemessene Hilfsmittel wie ein kleines Tuch sind in Ordnung und dem Publikum durchaus vermittelbar. Das ist bei Pianisten auch der Fall, das versteht das Publikum.

Welche anderen Signale gelten als souverän?

Einen großen Effekt erzielen Spieler mit einer stabilen Standposition. Also weder zu breit – wie bei John Wayne – noch zu schmal. Man muss dem Zuschauer das Gefühl vermitteln, dass man eine Erdung hat. Das sind Signale, die werden als souverän und resolut vom Publikum eingestuft. In der Regel werden diese resoluten Spieler auch positiver bewertet und man möchte ihnen länger zuhören.

 

Interview: Elvira Steppacher

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