Das neue Dach der Amateurmusik

Der Bundesmusikverband Chor & Orchester begeht seinen zweiten Geburtstag


(nmz) -
Für den Dachverband der Amateurmusik stand der Großteil seines Verbandslebens bisher im Zeichen der Krisenbewältigung – Grund genug für einen besonderen Wunsch: Bald wieder richtige musikalische Klangumarmungen und ein echtes Ständchen.
Ein Artikel von BMCO

Am 29. März 2019 fand die Gründungsversammlung des Bundesmusikverbands Chor & Orchester (BMCO) statt. Erstmals waren alle Amateurmusikverbände auf Bundesebene unter einem eigenen Dach vereint: Blasorchester und Bigbands, Konzertchöre und Kantoreien, Sinfonieorchester und Spielmannszüge, Vokal­ensembles und Jazzcombos, Kinder-, Jugend- und Seniorenchöre und -orchester, Zupf- und Akkordeonorchester, Auswahlensembles, Gospel-, Pop-, Jazz- und Posaunenchöre – das Spektrum der Amateurmusik ist ebenso aus­differenziert wie die favorisierten Musikstile, das Repertoire, der Probenturnus, die Auftrittsformate und vieles mehr. Vom klassischen Konzert über Gottesdienst bis zum Flashmob: Chorszene und Orches­terkultur sind so bunt und so vielfältig wie unsere Gesellschaft. Sie alle verbindet die Leidenschaft für das Musizieren sowie das gute Gefühl, in der Gemeinschaft mit anderen Menschen aktiv zu sein. Sowohl Chormusik in deutschen Amateurchören als auch instrumentales Laien- und Amateurmusizieren sowie weitere Formen der Amateurmusik sind im bundesweiten Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes der deutschen UNESCO-Kommission eingetragen.

Zum Zeitpunkt der Gründung konnte noch niemand ahnen, dass ein Jahr später ein in dieser Form noch nie dagewesener Einschnitt des amateurmusikalischen Schaffens beginnen würde, der sich mit Ausnahme weniger Lockerungen im Sommer 2020 bis heute hinziehen würde. Unter dem Brennglas der pandemischen Herausforderungen hat sich bereits in den ers­ten zwei Jahren des BMCO mehr als deutlich gezeigt, wie sehr ein starker und geschlossen auftretender Dachverband der Amateurmusik der Szene helfen kann.

Die Gründung erfolgte in der Annahme, dass die verschiedenen Sparten trotz der einzelnen fachspezifischen Inhalte durch die abgestimmte Vertretung gemeinsamer, übergreifender Interessen jeweils gewinnen würden und insbesondere die Lobbyarbeit eines gemeinsamen Verbandes als zentralem Ansprechpartner für die Amateurmusik effektiver erfolgen könnte. Die vergangenen zwei Jahre bestätigen, dass die Gründung der richtige Schritt war: Bereits im Jahr 2019 konnte der BMCO im Schulterschluss mit seinen Mitgliedsverbänden verhindern, dass die Deutsche Rentenversicherung die Beschäftigung von Dirigent*innen als Scheinselbstständigkeit einstuft. Und die meist ehrenamtlich getragene Amateurmusik hat über den BMCO nun den einzigen Platz des gesamten Kulturbereichs im Stiftungsrat der im Jahr 2020 neu errichteten Deutschen Stiftung für Engagement und Ehrenamt. Weder wäre die Amateurmusik ohne die Arbeit des BMCO in der ersten Kulturmilliarde bedacht worden, noch wären jetzt so deutliche Verbesserungen für die zweite Kulturmilliarde erreicht worden. Und nicht zuletzt können Dauerthemen wie GEMA, Künstlersozialabgabe oder das Transparenzregister nun über den BMCO für die gesamte Amateurmusik diskutiert und kommuniziert werden. All das entlastet auf der einen Seite die Mitgliedsverbände und findet auf der anderen Seite zudem mehr Gehör bei den entscheidenden Stellen.

Der BMCO und seine Mitgliedsverbände agieren dabei natürlich nicht allein. Der BMCO ist unter anderem Mitglied in der Bundesakademie für musikalische Jugendbildung, der Bundesvereinigung Kultureller Jugendbildung und nicht zuletzt dem Deutschen Musikrat. Je nach Thema und Anliegen wird hier auf unterschiedliche Weise zusammengearbeitet, immer dem Grundsatz folgend, dass man gemeinsam stärker ist. 14 Millionen Menschen musizieren in Deutschland in ihrer Freizeit. Allein im BMCO sind 100.000 Ensembles erfasst, welche zumindest vor dem ers­ten Lockdown für circa 1.400 Konzerte und Aufführungen verantwortlich waren – jeden Tag.

Der BMCO sieht sich bei seiner Arbeit vor allem als Dienstleister: Für die Mitgliedsverbände und die Basis im Bereich der Vernetzung, des Wissenstransfers, der Bündelung von Interessensvertretung und als finanzieller Förderer; für die Politik als Berater und gegebenenfalls mahnende Stimme; für andere Organisationen und Institutionen als Zulieferer und Partner, der gerne über den Tellerrand hinausdenkt. Neben der politischen Interessensvertretung ist der BMCO auch als Projektträger tätig. Weit über 80 Prozent des Jahresbudgets besteht aus Förderprogrammen, welche Mittel an die lokale Ebene weiterleiten. Finanziell werden diese Programme insbesondere durch die Kulturstaatsministerin, aber auch das Ministerium für Bildung und Forschung sowie das Ministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend gefördert. Für die inhaltliche Umsetzung der Förderprogramme ist der BMCO verantwortlich, um in Kenntnis der lokalen Bedürfnisse möglichst passgenaue Angebote entwickeln zu können.

Die Amateurmusik berührt alle gesellschaftlichen Bereiche: Gesundheit (gemeinsames Muszieren stärkt nachweislich das Immunsystem und beugt dementieller Veränderung vor), Wirtschaft (allein 1.400 Konzerte pro Tag, zzgl. Tourneen, Probenarbeit, Vereinsfeste, etc.), Zusammenhalt (Musik verbindet alle Menschen, unabhängig von Sprache oder sozialem Milieu) und Bildung (gemeinsames Musizieren stärkt und entwickelt die Persönlichkeit). Das sind nur einige der Gebiete, in denen die Amateurmusik – nach dem Sport die größte Volksbewegung – wirkt. Insbesondere in ländlichen Räumen hält die Amateurmusik die Gemeinschaft vor Ort zusammen und prägt das Zusammenleben. Dabei sind die meist in Vereinsform organisierten Ensembles Nährboden der Demokratie und Ursprung vieler Karrieren von Führungskräften sowie lebenslangen Freundschaften und Eheschließungen.

Natürlich belastet und bedroht die Pandemie auch die Amateurmusik. Neben den aktuellen ökonomischen Zwangslagen wird das Ökosystem Amateurmusik vor allem in den kommenden Jahren unter den Auswirkungen zu leiden haben und besonderer Pflege bedürfen: Ganze Jahrgänge von Sing-, Streich- oder Bläserklassen fallen weg, Talente konnten nicht gefördert werden und verkümmern. Am anderen Ende der Alterspyramide werden viele nach der Zwangspause nicht wieder einsteigen. Dirigent*innen und Dozent*innen haben andere berufliche Standbeine entwickeln müssen, der Beruf hat an Attraktivität eingebüßt und es wird auch dort weniger Nachwuchs geben. Alle Ensembles müssen mit massiven qualitativen Einbußen rechnen – denn Musizieren ist ähnlich wie Sport: Das Wissen und die grundsätzlichen Fähigkeiten sind nach so einer Zeit noch da, aber das tägliche Training unter echten Bedingungen ist durch nichts zu ersetzen.

Der BMCO hat sich daher von Anfang an – und erfolgreich – stark dafür gemacht, dass die Amateurmusik mehr ist als nur reines Freizeitvergnügen. Demzufolge sollte sie auch bei den Öffnungsszenarien dem Sport mindestens gleichgestellt sein. Die über 100.000 Ensembles wollen in Anbetracht der lokalen Bedingungen vor Ort verantwortlich proben können – es geht der Amateurmusik nicht zuvorderst um Massenveranstaltungen oder um Publikumsströme. Was fehlt und benötigt wird, ist ein Teil dessen, was Amateurmusizierende wie die Luft zum Atmen brauchen: die gegenseitige Umarmung mit Klang!

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