Der letzte virtuose Meister seines Genres

Zum 100. Geburtstag des Pianisten und Kabarettisten Georg Kreisler (1922–2011)


(nmz) -
Georg Kreisler, der letzte Altmeister des Kabaretts, wurde vor 100 Jahren, am 18. Juli 1922, geboren. Vor knapp 20 Jahren verabschiedete er sich von der Bühne und dem Konzertsaal, aber vergessen ist er keinesfalls, dazu sind seine literarischen und nichtliterarischen, seine spöttisch-satirischen Hinterlassenschaften zu originell. Er konnte hinreißend Klavier spielen, hatte ein freches Mundwerk und fürchtete sich vor nichts und niemandem.
Ein Artikel von Dieter David Scholz

Georg Kreisler hat viel mit Thomas Bernhard gemeinsam: Beide hatten einen ausgeprägten Sinn für Ironie, Satire, aber auch Melancholie und Weltschmerz. Beide rechneten mit bürgerlichem Kleingeist und nationalem Wahn, mit Religion, Staat, vor allem aber mit Österreich und den Österreichern schonungslos ab. Kreislers Lieder vom „Tauben vergiften im Park“, „Der Tod, das muss ein Wiener sein“, „Oper, Burg und Josefstadt“ oder „Wien ohne Wiener“ bezeugen es.  Kreisler liebte das Negative, das Unangepasste, das Subversive und Bitterböse, aber nicht um des Bösen willen. „Kunst ist nicht zum Trost da, die Kunst ist negativ, um Positives zu bewirken“ bekannte er einmal in einem Interview.

Eigentlich wollte Kreisler schon als Kind (wie Thomas Bernhard, der aus Mangel an Talent Schriftsteller wurde, aber die Musik zum roten Faden seines literarischen Œuvres machte) Musiker werden, speziell Dirigent. Aber daraus wurde nichts. Umso scharfzüngiger durchleuchtete er später die Musikszene kabarettistisch. Sein Lied vom „Musikkritiker“ oder auch sein Karajan-Song „Ich bin das Faktotum der heutigen Opernwelt“ (eine glänzende Rossiniparodie) lassen keine Zweifel an seinem musikalischen Talent.

Er war ein virtuoser Meister nicht nur des Klavierspiels, sondern auch der Sprache, Mimik, Gestik und des Umgangs mit Stimme. Er war ein Wortgewaltiger und schlüpfte in dutzende verschiedene Sprachmasken, vom authentischen österreichischen Tonfall über den jiddischen und böhmischen bis hin zum schweizerdeutschen. Seine Lieder konnten surrealistisch sein, hintergründig, schmerzhaft beißend, aber auch gefühlvoll und lustig. Harmlos, sentimental oder bloß unterhaltend waren sie allerdings nie. Es war stets „Protest nach Noten“.

Kreisler galt als Nestbeschmutzer und er hatte den Ruf eines Anarchisten. Er stand dazu. Sein „Kapitalistenlied“ lässt keinen Zweifel an seiner Gesinnung, ebenso wenig „Meine Freiheit, Deine Freiheit“, „Sie sind so mies“, „Ihr wisst gar nichts“, oder „Wir sind alle Terroristen“.

Kreisler wurde der große Grantler des Musikkabaretts, so wie Bernhard der Grantler der österreichischen Literatur wurde. Mit tiefsinnigem, schwarzem Humor und ungeheurem Sprachwitz, aber auch mit eminenter Musikalität hat Kreisler das deutschsprachige Kabarett seiner Zeit sowohl als Verfasser wie als Interpret geprägt wie kein anderer.

In Wien war er auf Hans Weigel, Gerhard Bronner, Peter Wehle, Helmut Qualtinger und Carl Merz getroffen. Er trat in der Marietta-Bar in der Wiener Innenstadt auf und wurde zeitweise Mitglied des „Namenlosen Ensembles“. Das Wiener Publikum war allerdings von Liedern wie „Tauben vergiften“ nicht nur amüsiert. Eine Zeit lang durften seine Lieder im Österreichischen Rundfunk nicht gesendet werden.

Georg Kreisler wurde als Sohn eines angesehenen jüdischen Rechtsanwalts in Wien geboren, er spielte hervorragend Klavier, wollte Musik studieren, aber die Nazis zwangen ihn und seine Eltern zur Emigration. In Hollywood tingelte Kreisler als Pianist, Arrangeur und Dirigent von Musicals, er ging (als mittlerweile amerikanischer Staatsbürger) zum Militär und wurde als Dolmetscher nach Europa geschickt. In die USA zurückgekehrt, war er in Hollywood beim Film beschäftigt. Sein Erfolg ließ zu wünschen übrig, weshalb er im Oktober 1946 nach New York umzog. Dort trat er als Unterhalter in Nachtclubs auf und ging als Interpret eigener, in englischer Sprache verfasster Lieder auf Tournee durch die USA. Ebenfalls ohne Erfolg. Seine Kulturkritik stieß nicht auf offene Ohren des amerikanischen Publikums. Ab 1950 bekam er zwar ein Angebot, in der New Yorker Monkey Bar zu singen, und trat dort allabendlich auf. Und doch kehrte der vertriebene Europäer aus dem Exil zurück nach Wien, und wurde, wer er ist: der im deutschsprachigen Raum überragende politische Satiriker, unangepasste Gesellschaftskritiker, unerschrockene und enorm vielseitige Kabarettist Georg Kreisler. 

1958 zog er nach München, wo er, mit seiner inzwischen dritten Ehefrau, Top­sy Küppers, Chansonabende gab. 1972 spielte er mit dem Gedanken, nach Israel auszuwandern. Ab 1977 trat er mit seiner neuen Lebensgefährtin und späteren Ehefrau Barbara Peters auf, hauptsächlich bei den Berliner „Wühlmäusen“ und den „Stachelschweinen“. 1988 zog er von Berlin in die Nähe von Salzburg, er lebte von 1992 bis 2007 in Basel und von Mai 2007 an wieder in Salzburg, wo er 2011 verstarb. Er war ein Nomade. Heimisch war er nirgendwo, weder in Wien, noch in Amerika, in Deutschland oder in der Schweiz. Er war ein Heimatloser, immer und überall ein Fremder, wie er in seiner Autobiografie schrieb. Das machte ihn frei. Alle Menschen, so schrieb er, sind Einwanderer, Fremde, Flüchtlinge, vor dem Leben, der Politik, der Wirklichkeit. Nur um die ging es ihm in seiner Kunst. „Von der Wahrheit muss man schweigen“. Hunderte von Liedern und Chansons, Büchern, Gedichten und Liedern hat er hinterlassen, aber auch Musicals, Hörspiele, Operetten und -bearbeitungen, Theaterstücke und zwei Opern.  Er war ein Antäus des heiter-­satirischen Genres und mehr als alle anderen seiner Kollegen ein Großmeister des schwarzen Humors und des Wiener Schmähs (was Wunder bei seiner Herkunft). Er kann sich auch darin auf eine lange Tradition stützen, von Nestroy bis hin zu Thomas Bernhard. Kreisler war eine Institution, aber nie frei von Selbstironie: „Ich glaube nicht, dass ich mir sympathisch wäre, wenn ich mich auf einer Cocktailparty träfe“, schrieb Kreisler in seiner Autobiografie. Er sei immer ein Narr gewesen, sagte er einmal in einem Interview. Er hatte und nutzte seine Narrenfreiheit. Er ist immer gegen den Strom geschwommen, hat sich den Mund nie verbieten lassen, trotz mehrfacher Plagiatsvorwürfe.

Die „alten bösen Lieder“, die er noch bis 2001 auf seiner Abschiedstournee sang, setzen ein zuhörendes, denkendes, gesellschaftskritisches und politisch waches Publikum voraus. Sind diese Voraussetzungen in unserer heutigen Spaßgesellschaft noch gegeben? Wie auch immer: Seine Hinterlassenschaft hat uns noch viel zu sagen, denn: „Es gibt zwei wichtige Sünden. Patriotismus und Antisemitismus“, wie es in seiner Autobiografie heißt. Dagegen kämpfte er mit seiner Kunst lebenslang an. Er war der wohl letzte überlebende Dinosaurier seiner Kunst, ein Thomas Bernhard des Kabaretts.

 

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