Der Saxophon-Klassiker

Das Raschèr Quartett – ein Porträt zum 40-jährigen Jubiläum


(nmz) -
In gewisser Hinsicht war das Saxophon bis weit ins 20. Jahrhundert ein Stiefkind der klassischen Musik. Erst das Raschèr Quartett etablierte es in nun 40-jähriger beharrlicher Kontinuität zum integralen Instrument klassischer Interpretationen. Und zwar als kompakter Klangkörper aus vier Universalsolisten, die primär Konzerte für Saxophonquartett mit Orchestern und auch Chören aufführen. In enger Zusammenarbeit mit zeitgenössischen Komponisten sind für das Raschèr Quartett bisher über 300 Werke dieses Formats entstanden. Ungewöhnlich und einzigartig ist diese Bilanz, weil das Raschèr Quartett als Pionier auf diesem Gebiet sukzessive geeignetes Repertoire, das so lange fehlte, für Saxophon-Ensembles folgender Generationen aufgebaut hat. Zurückblickend ist folgende Geschichte zu erzählen:
Ein Artikel von Hans-Dieter Grünefeld

Nachdem Adolphe Sax etwa 1842 in Paris das nach ihm benannte Saxophon erfunden hatte, wurde es zunächst in der Militär- und Kammermusik sowie gelegentlich in Symphonieorchestern verwendet. Doch zumindest als Soloinstrument wurde das Saxophon lange nicht so beachtet wie die Violine oder das Klavier, vielleicht weil es ab circa 1920 in dominanter Funktion vom Jazz absorbiert wurde.

Erst im Jahre 1932 brachte eine Konzertsensation den Durchbruch: Sigurd Raschèr (1907–2001), eigentlich Klarinettist deutscher Herkunft, lernte autodidaktisch das Saxophon und erwarb sich in sehr kurzer Zeit allgemeine Anerkennung im klassischen Bereich. Darauf reagierte zuerst Edmund von Borck, indem er ein Konzert für Altsaxophon und Orchester komponierte, dessen Uraufführung mit den Berliner Philharmonikern unter der Leitung von Eugen Jochum einen unerwarteten Erfolg hatte. Diese Resonanz veränderte bei Sigurd Raschèr eine Neigung zur Berufung für das Saxophon, sodass ihm Paul Hindemith, Alois Hába, Alexander Glasunov und andere Komponisten weitere Werke widmeten, die seine singuläre internationale Karriere als Konzertsaxophonist kennzeichneten.

Schließlich hatte Sigurd Raschèr die Idee zu einem anderen Novum in der Geschichte klassischer Ensembles: Er gründete 1969 ein Saxophonquartett1, das er bis 1977 leitete, als er sich zurückzog, um dann in Seminaren zu unterrichten. Zur ersten Besetzung gehörten Sigurd Raschèr selbst (as)2, seine Tochter Carina (ss) sowie seine Studenten Bruce Weinberger (ts) und Linda Bangs (bs). Wechsel gab es seitdem nur wenige: Statt Sigurd Raschèr übernahmen zunächst John Kelly (8 Jahre) und Harry White (11 Jahre) das Altsaxophon, das jetzt Elliot Riley spielt, Christine Rall, eine Schülerin von Carina Raschèr, ist nun am Sopransaxophon, Kenneth Coon am Baritonsaxophon und am Tenorsaxophon weiterhin Bruce Weinberger. Weil alle Mitglieder des Quartetts noch direkt von Sigurd und Carina Raschèr lernen konnten, sind sie Garanten für eine konzeptionelle Kontinuität: „Unsere Vorgänger sind sozusagen immer geistig anwesend und prägen den Zusammenhalt im Sinne einer gemeinsamen Aufgabe“, erklärt Christina Rall. Ebenso bewahrt die aktuelle Besetzung das originäre und homogene Klangprofil des Quartetts, indem sie, wie Sigurd Raschèr, Saxophone der US-amerikanischen Firma Buescher verwenden, die zwischen 1920 und 1940 gebaut wurden.

Das Raschèr Quartett hat sich zu einer Institution und Existenzgrundlage für seine Mitglieder entwickelt. Die Arbeit ist demokratisch organisiert: Christine Rall kümmert sich um die Finanzen und Reiselogistik, Kenneth Coon um die Website (www.rsq-sax.com) und um Werbematerial, Elliot Riley um Konzert-Moderationen und Bruce Weinberger um die Öffentlichkeitsarbeit und Akquisition von Konzerten und Kompositionen. Auch dabei ist ein unkonventioneller Stil typisch für das Raschèr Quartett, wie Bruce Weinberger exemplarisch erzählt: „Wir wollten gerne ein Werk von Luciano Berio. Als er 1986 in Salzburg war, habe ich mit ihm einen Termin vereinbaren können und wir haben uns zusammen Bach-Interpretationen mit dem Raschèr Quartett angehört. Er war sehr schnell begeistert, weil das Saxophon für ihn der menschlichen Stimme am nächsten klang. Drei Jahre später hatte Luciano Berio ,Canticum Novissimi Testamenti II‘ vollendet. Die Uraufführung fand 1989 in Paris mit dem Ensemble Intercontemporain unter der Leitung von Pierre Boulez statt.“ So – oder so ähnlich – hat Bruce Weinberger die meisten Kompositionen von bedeutenden zeitgenössischen Komponisten wie Sofia Gubaidulina, Cristobal Halffter oder Philip Glass erhalten. Die Saxophonklassiker vom Raschèr Quartett haben eben in 40 Jahren ihre eigenen Maßstäbe geschaffen und erwarten optimistisch eine Zukunft mit neuen Premieren.

Aktuelle CD mit dem Raschèr Quartett:
Giya Kancheli: Little Imber ECM 1812

(1) Zum Vergleich im Jazz: The World Saxophone Quartet wurde 1977 von Hamiett Bluiett (bs), Julius Hemphill (as), Oliver Lake (as) und David Murray (ts) gegründet.
(2) Abkürzungen: (ss) Sopransaxophon, (as) Altsaxophon, (ts) Tenorsaxophon, (bs) Baritonsaxophon

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