Eintagsfliegen, die es nicht ins Repertoire schaffen

Die Hütte brennt: Können die Opernhäuser weitermachen wie bisher ? · Von Bernd Feuchtner


(nmz) -
14,3 Millionen Menschen ab sechs Jahre in Deutschland machen als Amateure Musik und 5,4 Millionen singen in Chö­ren mit: Das Musikinformationszentrum (MIZ) des Deutschen Musikrates hat ein Plakat herausgebracht, auf dem man solche und andere schöne Daten zum Musikmachen finden kann, wunderbar! Ein anderes MIZ-Plakat feiert die Vielfalt der Opern-Programme in Deutschland: 860 Opern von 457 Komponist*innen wurden in den letzten fünf Spielzeiten vor Corona in den 80 Opernhäusern gespielt. Da müssen wir uns um den Neustart Kultur in der kommenden Spielzeit ja keine Sorgen machen. Wenn wir uns die Spielzeit-Ankündigungen ansehen, geht alles so weiter wie bisher.
Ein Artikel von Bernd Feuchtner

Aber – sind 860 Opern nicht vielleicht doch ein bisschen viel? Zu den 20 Blockbustern, die wir unverändert auf allen Spielplänen finden, ist dadurch keines hinzugekommen. Waren der Rest 840 Totgeburten? Keineswegs. Wenn wir nur die Uraufführungen von 2018/19 betrachten, der letzten kompletten Spielzeit vor Corona, dann waren Detlev Glanerts „Oceane“ (in Berlin), Johannes Maria Stauds „Die Weiden“ (in Wien) oder Anno Schreiers „Schade, dass sie eine Hure war“ (in Düsseldorf) attraktive Stücke. Auch unter den Erstaufführungen waren etwa mit George Benjamins „Lessons in Love and Violence“ (in Mannheim) oder David T. Littles „JFK“ (in Augsburg) echte Entdeckungen zu machen. Aber in keiner weiteren Stadt wurden sie nachgespielt. Uraufführungen in Deutschland, Österreich und der Schweiz laufen meist ins Leere, sie bekommen keine zweite Chance. Denn mit Zweitaufführungen kommt man nicht in die Presse, und die scheint Intendanten wichtiger als das eigene Publikum.

In jener letzten intakten Spielzeit 2018/19 besuchten im deutschsprachigen Raum 3,7 Millionen Menschen Opernaufführungen, hat der Deutsche Bühnenverein ausgerechnet. Die zehn meistgespielten Komponisten beanspruchten 70 Prozent des Spielplans. In der Gesamtstatistik des Bühnenvereins für 2018/19 sahen im deutschsprachigen Raum 70 Prozent aller Theaterbesucher „zeitgenössische Stücke“. In der Opernsparte aber machten Uraufführungen nur vier Prozent aus. Diese 215 Abende mit Uraufführungen erreichten nur zwei Prozent der Zuschauer: Nur halb so viele wie sonst schauten da also zu. Mehr als die Hälfte dieser Uraufführungen fanden im Studio statt: Das „normale“ Publikum bekam davon gar nichts mit. Im Gro­ßen Haus wurden 108 Vorstellungen mit 57.625 Zuschauern mit neuen Werken präsentiert gegenüber 114 Aufführungen mit 11.752 Zuschauern auf der kleinen Bühne. Zusammen waren das nur knapp 70.000 Zuschauer von Opern-Uraufführungen in der Saison 2018/19.

Neues sahen auch die knapp 27.000 Besucher von Erstaufführungen, das heißt von Stücken, die im jeweiligen Land noch nicht zu sehen waren. Aber da ist das Verhältnis noch schlechter: 38 Aufführungen im Großen Haus stehen 56 Vorstellungen im kleinen Haus gegenüber. Nicht zu vergessen die Uraufführungen neuer Operetten, die in die gleiche Statistik gerechnet wurden: 9 Aufführungen im Großen Haus (7.506 Besucher) gegen 12 im Kleinen Haus (1.963 Besucher).

Um zu diesen Zahlen zu gelangen, muss man die Statistik des Bühnenvereins allerdings erst kritisch durchforsten. Denn dort tauchen unter den Ur- und Erstaufführungen Stücke auf wie Sieberts „Untergang der Titanic“, das schon 1979 an der Deutschen Oper Berlin uraufgeführt wurde, oder eine Kinderoper nach Flotows „Martha“ und Werke von Tschaikowsky, F. J. Beck, Bizet, Faccio, Goldschmidt und Magnard, die man auch mit dem größten Wohlwollen nicht als zeitgenössisch bezeichnen kann. Damit mogelte der Bühnenverein nochmal 65 Vorstellungen mit fast 30.000 Zuschauern in die Statis­tik der neuen Stücke.

Wozu diese Erbsenzählerei und das Misstrauen? Weil es sich um einen fatalen Trend handelt. Zwar steigt die Zahl der Uraufführungen stetig, doch die Zahl derjenigen, die neue Stücke sehen, sinkt drastisch. In der Mehrzahl wird nur noch für ein Spezialistenpublikum produziert. Der „normale“ Besucher hielt die neuen Stücke schon länger für so etwas wie den Zoll, den man dem Zeitgeist schuldet, und erwartete nicht im Ernst, dass eines dieser Werke überlebt. Und so kommt es dann ja auch meist. Inzwischen aber bekommt er die neuen Stücke in seinem Abo nicht einmal mehr zu sehen. Als ich bei einer Podiumsdiskussion in Wien das kümmerliche Los der neuen Oper auf der Kammerbühne beklagte, entgegnete eine hoch verehrte Intendantin: „Dort ist sie wenigstens mal voll.“ Die Frage stellt sich aber doch andersherum: Warum werden nicht im Großen Haus diejenigen neuen Opern gezeigt, die dem Publikum gefallen würden? Berlin hat drei Opernhäuser, aber die Opern von John Adams oder Philip Glass beispielsweise waren dort noch nie zu sehen. Anderswo produzierte publikumswirksame Opern werden nicht nachgespielt.

Das ist auch für die Komponisten eine fatale Situation: Sie schreiben sich einen Wolf, weil die Häuser immer nur nach Uraufführungen verlangen, können davon aber nicht leben. Tantiemen fließen erst ab der zweiten Inszenierung – die nicht kommt. Außerdem wird erst nach der Uraufführung die musikalische Dramaturgie der neuen Oper erkennbar, deshalb kann man ihr in der Zweitproduktion besser gerecht werden. Oder kann andere Facetten des Werkes entdecken.

Viele Intendanten sind mit dem Trend zur Verzwergung einverstanden, weil sie selbst dafür verantwortlich sind. Damit verliert das Opernhaus den Kontakt zum Leben, verpasst die Erneuerung des Repertoires und gewinnt kein neues Publikum dazu. Die Zahl der Opernbesucher in den deutschsprachigen Ländern ist seit 1999/2000 um mehr als 20 Prozent gesunken: von 4,7 Mio. auf 3,7 Mio. Zuschauer. Die zwanzig Opern mit den meisten Inszenierungen, den meisten Aufführungen und den meisten Zuschauern sind aus dem 19., wenn nicht sogar aus dem 18. Jahrhundert. Das Opernhaus wird zum Museum.

Vergleicht man die Zahl der Opernaufführungen in der Spielzeit 1965/66 (13.993) mit der der letzten Vor-Corona-Saison (7.081), so hat sich die Zahl der Vorstellungen in dieser Zeit sogar halbiert – trotz der Studio-Schwemme. Da muss man schon sagen: die Hütte brennt. Und gerade die vom MIZ bejubelte Vielzahl von Stücken ist Teil des Problems. Die vielen Eintagsfliegen vermögen nicht ein einziges repertoirefähiges Stück aufzuwiegen.

Die Freiheit der Kunst ist eine wichtige Sache und die experimentellen Stücke machen auch immer mal Spaß, doch ein Theater muss auch seinem in der Mehrheit nicht-akademischen Publikum etwas Neues bieten. Dass dieses Mehrheitspublikum neue Opern erleben will, sieht man ja am Barockboom: Wenn es keine verdaulichen Uraufführungen bekommt, freut es sich eben, wenn in uralten Notenschränken das Unterste zuoberst gekehrt wird, und es staunen darf, was für Schätze da zutage treten. Georg Friedrich Händel hat es mittlerweile sogar unter die zehn meistgespielten Komponisten geschafft – gebührte nicht auch einem Lebenden ein solcher Platz?

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