Frage nach der Wahl der Mittel

Nucleus – das Kerngeschäft der Münchener Biennale


(nmz) -
Die Münchener Biennale geht neue Wege. Unter dem Label Biennale Special werden so viele Münchener wie wohl nie zuvor beteiligt sein. Acht Komponist/-innen haben sich über den Kern eines neuen Musiktheaterstücks Gedanken gemacht und werden jeden Abend eine ihrer Kürzestopern präsentieren.
Ein Artikel von Christoph Reiserer

Was ist der Nucleus, der Kern einer Oper, das Wesentliche, auf das es ankommt? Kann man es komponieren und präsentieren? Vielleicht steckt etwas Romantik in diesem Vorhaben: Fragmente und künstliche Ruinen, die in ihrer Unfertigkeit und vermeintlichen Verfallenheit für ein nicht (mehr) sichtbares Ganzes stehen, kamen damals auf. Das vollendete Werk wird nicht gezeigt, es kann höchstens in einer sehnsüchtigen inneren Vorstellung entstehen. Bei Nucleus könnte es sich um Ähnliches handeln. Ein Teil steht für das Ganze, aber nicht ein Detail, ob wichtig oder eher nebensächlich, sondern der Kern, der natürlicherweise alles als Anlage in sich birgt. Bilder kommen einem hierzu viele in den Sinn: Der Kern, der seine Kraft der Pflanze gibt und leer zurückbleibt oder das harte, schwer verdauliche Innere. Auf jeden Fall keine leichte Aufgabestellung für die Komponist/-innen.

Hintergrund für das Konzept von Angela Dauber und Karl Wallowsky ist aber vor allem auch der pragmatische Wunsch, vielen Werkideen, die eventuell nur mit hohem finanziellem Aufwand zu realisieren wären und deshalb vielleicht nie auf die Bühne kämen, zu einer Öffentlichkeit zu verhelfen. Unabhängig davon, ob das Projekt künstlerisch gelingt oder nicht, die Grundfragestellung nach der Wahl der Mittel wird dadurch aufgeworfen: Den drei aufwändigen Hauptproduktionen werden kleine Low-Budget-Produktionen direkt – in unmittelbarer zeitlicher und räumlicher Nähe – gegenübergestellt. Das kann man nach dem Desaster der teuren „Amazonas“-Produktion auf der letzten Biennale als Selbstreflexion deuten, vielleicht ist es aber auch nur einer politischen Forderung geschuldet. Es wird sich herausstellen, ob die Kurzopern nicht als kleines, eher lästiges Beiwerk empfunden werden oder als eine andere Form und Herangehnsweise oder vielleicht gar als Intervention in den hochsubventionierten bürgerlichen Kunstbetrieb. Fraglich ist, wie die „Main Acts“ damit umgehen. Absprachen gibt es laut einiger Beteiligter jedenfalls nicht.

Beteiligt sind Komponist/-innen, die einen starken Bezug zu München haben oder in der letzten Zeit dort einige Projekte realisiert haben. Sie lösen diese Aufgabe alle auf recht unterschiedliche Weise.

Thomas Meadowcroft vereint alle Aufgaben in seiner eigenen Person und macht eine Soloperformance. Nikolaus Brass konzentriert sich auf die puren körperlichen Mittel von Sologesang und Tanz. Eva Sindichakis erzählt eine sehr sehr kurze Geschichte, Alexander Strauch wagt dagegen eine auf 15 Minuten komprimierte vollständige Oper. Bei Stefan Schulzki bleibt durch die Reduktion ein Lied übrig. Michael Emanuel Bauer präsentiert seine Akteure innerhalb einer Art Klanginstallation. Minas Borboudakis komponiert und präsentiert ein Fragment und Manuela Kerer schließlich verlegt den Fokus vom Kern auf die Wurzel. 

Am 17. und 18. Mai werden alle Werke dann an einem Abend im  „Schwere Reiter“ gezeigt. Acht Opern – wenngleich als Kerne deklariert –, da gibt es sicher einiges zu knacken für das Publikum. Aber vielleicht gelingt es Brigitta Trommler, der Regisseurin des Abends, ja, allen Beiträgen Raum in der Auffassungsfähigkeit zu schaffen. Auch an diesem Programmteil wird sich zeigen, wie es mit der Münchener Biennale weitergeht, ob sie nicht nur international, sondern auch lokal sein kann und ob sie alternativen Formen des Musiktheaters einen Platz bietet.

Christoph Reiserer, Vorsitzender der MGNM

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