Gesamtkunstwerk aus Musik und Bildern

Helmut Oehring und Iris ter Schiphorst feilen an einer Filmmusik


(nmz) -

Fast 75 Jahre nachdem Walter Ruttmanns Film „Berlin. Sinfonie der Großstadt“ in die Kinos kam, arbeitet Thomas Schadt an einem Remake des Stummfilmklassikers. Anders als beim Original, zu dem Edmund Meisel nachträglich eine Musik geschrieben hatte, soll nun die Filmmusik bereits parallel zu den Dreharbeiten entstehen. So feilen die Berliner Komponisten Helmut Oehring und Iris ter Schiphorst seit einem halben Jahr an einer Partitur, die anschließend vom Sinfonieorchester des SWR eingespielt werden wird. Film und Musik feiern im April 2002 in der Oper Unter den Linden Premiere. Lasse Ole Hempel traf Iris ter Schiphorst in Berlin zu einem Gespräch.

Ein Artikel von Interview: Lasse Ole Hempel

Fast 75 Jahre nachdem Walter Ruttmanns Film „Berlin. Sinfonie der Großstadt“ in die Kinos kam, arbeitet Thomas Schadt an einem Remake des Stummfilmklassikers. Anders als beim Original, zu dem Edmund Meisel nachträglich eine Musik geschrieben hatte, soll nun die Filmmusik bereits parallel zu den Dreharbeiten entstehen. So feilen die Berliner Komponisten Helmut Oehring und Iris ter Schiphorst seit einem halben Jahr an einer Partitur, die anschließend vom Sinfonieorchester des SWR eingespielt werden wird. Film und Musik feiern im April 2002 in der Oper Unter den Linden Premiere. Lasse Ole Hempel traf Iris ter Schiphorst in Berlin zu einem Gespräch.
nmz: Wie läuft die Zusammenarbeit mit Thomas Schadt? Ist es so, dass Sie sich als Komponistin nach den Bildern richten, die sie vorgesetzt bekommen, oder geben Sie vielmehr selbst musikalische Themen vor?

: Beides, sonst würden wir das Projekt zeitlich gar nicht bewältigen können. Wir mussten im September fertig werden, weil nur so die ganze Musiklogistik funktionieren kann. Unsere Komposition wird als Partitur erscheinen und fast siebzig Stimmen umfassen. Dann müssen die Einzelstimmen noch bearbeitet werden. Das Ganze hat schließlich bis Ende des Jahres beim Orchester zu sein. Das heißt, wir müssen unsere Arbeit früher fertig haben, als Thomas Schadt. Insofern können wir uns nicht nur auf sein Material beziehen, sondern müssen selbst auch Vorgaben machen.

: Wie unterscheidet sich Ihre Arbeitsweise von der des Filmregisseurs Schadt?

: Wir als Musiker müssen einer musikalischen Dramaturgie gehorchen. Wir versuchen nicht eine Filmmusik zu schreiben, die möglichst dezent den Bildern den Vorrang lässt. Das Endprodukt soll ein komplexes Gesamtkunstwerk werden, das erst durch die Kraft der Bilder und der Musik zu einer dramatischen Erzählweise kommt. Insofern können wir nicht so kleinräumig denken wie es zum Teil der Film tun muss, mit Schnitten zum Beispiel, sondern wir müssen immer versuchen, an den großen sinfonischen Bogen zu denken.

: Sehen Sie sich in einer sinfonischen Tradition?

: Ja, durchaus. Der Titel ist schon auch verbindlich für uns. Wie das im Einzelnen realisiert sein wird, das wird sich noch erweisen. Das ist auch wieder von den Bildern und der Form abhängig, die der Film dann haben wird.

: Meinen Sie, dass die Musik in diesem Projekt einen ähnlichen Stellenwert wie die Bilder bekommen kann?

: Das muss sie haben, sonst schlägt das Projekt fehl. Wie schon gesagt, soll das Projekt ja im besten Sinne ein Gesamtkunstwerk werden, daher muss die Musik den gleichen Stellenwert bekommen wie die Bilder. Zuschauer und Zuhörer, die die Vorstellung haben, eine reine Filmmusik präsentiert zu bekommen, werden von dieser Sinfonie irritiert sein. Denn wenn das Thema Berlin heißt, darf sie nicht wohlgefällig die Bilder lediglich unterstützen, sondern sie muss eigene Akzente setzen, eine eigene Aussage machen. Auch zu diesem Themenkomplex Berlin – was ist das heute, was klingt heute? Was sind das für Sounds in dieser Stadt? Das muss natürlich mit da rein, alles andere wäre Käse. Darum gibt es neben der klassischen Besetzung eines Sinfonieorchesters einen E-Gitarristen, einen E-Bassisten und einen Drummer, so dass wir auch die Möglichkeit haben, das Genre zu wechseln, was für diese Stadt ja wichtig ist. Dazu wird das gesamte Orchester elektrisch verstärkt, das heißt jedes Instrument wird mit einem Extra-Mikrofon abgenommen. Es wird einen Circle-Surround-Klang geben. Im Kino ist das leicht zu bekommen – das aber für ein Orchester live herzustellen, ist ein sehr schwieriges Unterfangen. Zum einen können wir durch die elektrische Verstärkung den Klang als Ganzes beeinflussen, um etwa die Tonhöhe zu variieren. Zum anderen ist der traditionelle Orchesterklang, wie er in einem normalen Konzerthaus zu hören ist, ein Sound, der ins 19. Jahrhundert gehört und dafür auch geschaffen ist. Aber unsere Hörgewohnheiten sind ja mittlerweile komplett anders, durch Hi-Fi und Dolby-Surround zum Teil total verwöhnt. Wenn wir diese 69 Musiker einfach spielen lassen würden, ohne an Verstärkung zu denken, gäbe es Enttäuschungen, weil jeder andere Klangvorstellungen hätte und denken würde: Was ist das denn? Man muss heute dem Rechnung tragen, dass sich unser Hören verändert hat. Daneben hat die elektrische Verstärkung natürlich auch eine sehr starke ästhetische Komponente: Man kann so viel plastischer den Klang heranholen oder Elemente, die normalerweise schlecht hörbar sind, sehr deutlich machen – man kann ganz einfach anders erzählen. Auch zarte diffizile Klänge haben eine ganz neue Wirkung, wenn sie verstärkt sind.

: Welche Bedeutung hat dabei das Sinfonieorchester des SWR?

: Dieses Orchester ist eines der besten Deutschlands und darüber hinaus eine Top-Adresse für Neue Musik. Es übernimmt einen großen Anteil an der Finanzierung und an der Logistik des gesamten Projekts. Diese fantastischen, hoch qualifizierten Musiker müssen wir auch bedienen. Das heißt, wir dürfen ihnen nicht irgendeine luschige Filmmusik vorsetzen. Man verlangt von uns natürlich, dass wir etwas schreiben, das Bestand hat und nicht bloß drei oder fünf Bilder bedient.

: Wie sieht Ihr Weg aus, die klassische Form der Sinfonie neu zu interpretieren?

: Es gibt heute, anders als noch vor hundert Jahren, eine Unzahl von Ansätzen in der Neuen Musik. Für einige ist das serielle Denken noch sehr wegweisend, andere definieren sich über die so genannte Postmoderne und sagen: „Alles ist möglich, man kann alles benutzen. Es ist sowieso alles nur noch Zitat.“ Helmut und ich sind einerseits Fans von bestimmter Rockmusik, vom Jazz und andererseits fasziniert von klassischer und Teilen so genannter Neuer Musik. Allerdings sind wir in gewisser Hinsicht recht altmodisch: „Wir wollen nämlich wirklich etwas erzählen und meinen es auch todernst damit“.

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