Im Geiste des Aufbruchs

Neue Studie zur Groupe de Six erschienen


(nmz) -
Ursula Anders-Malvetti: Ästhetik und Kompositionsweise der Gruppe der Six. Studien zu ihrer Kammermusik aus den Jahren 1917–1921, Reihe Musik-Edition PHI, 1998, 333 Seiten, 49 Mark
Ein Artikel von Yvonne Drynda

Wird von der jungen Komponistengeneration in Frankreichum 1900 gesprochen, dann sind meist die Vertreter der Groupe de Six gemeint – Jean Auric, Louis Durey, Arthur Honegger, Darius Milhaud, Germaine Tailleferre und Francis Poulenc. Les Six – das war in erster Linie eine lockere, freundschaftliche Zusammenfügung von sehr unterschiedlichen Komponisten, deren Konstituierung jedoch über die französischen Grenzen hinaus richtungsweisend wurde. Spiritus rector war der Dichter, Dramatiker und Filmregisseur Jean Cocteau – um ihn scharten sich seinerzeit Musiker und Theaterleute, er gründete Werkgemeinschaften – und alles im Sinne eines aufbrechenden Geistes. Sein leidenschaftliches Interesse für Musik verbalisiert Cocteau 1918 als musikkritische Aphorismensammlung in der von ihm gegründeten Zeitschrift „Le Coq et l’Arlequin“. Mit so programmatischen Sätzen wie „Ich wünsche mir von Frankreich mehr französische Musik!“ sollte dem schwermütigen germanischen Geist eines Beethoven und Wagner der Kampf angesagt werden, ebenso dem impressionistischen Klangnebel eines Debussy, aber auch den Einflüssen der russischen Musik.

An dieser Rahmenhandlung orientiert sich auch die jüngst erschienene Studie von Ursula Anders-Malvetti. Sie wertet die Groupe de Six als Indikator für „Strömungen“, die die französische Musik durchzogen, doch ohne Formierung als Gruppe wären diese wohl nie so dauerhaft in Erinnerung geblieben. Herzstück ihrer Untersuchung bildet der analytische Blick auf ausgewählte, im täglichen Konzertbetrieb selten zu hörende kammermusikalische Werke. Die Autorin konzentriert sich auf die Jahre 1917 bis 1921, also jenen Zeitraum, der Anfang und Ende des gemeinsamen musikalischen Weges der Gruppe markiert. Mit den musikwissenschaftlich ausgerichteten Analysen soll zugleich eine Lücke geschlossen werden, die in der bisherigen Literatur zur Musik der Groupe de Six noch klafft. Einleitend werden die wichtigsten kompositionstechnischen Parameter skizziert, auf denen das Werk basiert. Ästhetische Gemeinsamkeiten, aber auch komponistenspezifische Eigenheiten werden in den einzelnen Werkanalysen somit für den Leser leichter nachvollziehbar.

Häufig ergänzt durch eigene Aussagen der Komponisten, bietet das Buch Einblicke in das ästhetische Umfeld und Gedankengut, das die Groupe de Six zunächst vereinte, ehe man dann doch wieder eigene Wege ging. Deutlich wird, daß es sich dabei nicht um eine strenge ästhetische Schule handelte – programmatische Richtlinien sollten lediglich neue Akzente setzen. So entpuppt sich die antiwagnerianische und antiromantische Haltung weniger als Kritik an der Musik selbst – die oft polemischen Formulierungen sollten sich vielmehr gegen jene Epigonen richten, die Wagners Geist in der Musik Frankreichs verbreiten wollten. Ähnlich gerichtet war auch die ablehnende Haltung gegenüber russischer Musik – im Vordergrund sollte doch nur die Wiedergewinnung der eigenen französischen Identität stehen.

Leben und Wirken der Komponisten sowie ihr künstlerischer Stellenwert innerhalb der Gruppe umreißen kurze biographische Abschnitte. Neugier konzentriert sich auf die einzige Frau der Komponistengruppe, Germaine Tailleferre. Zeitlebens zwischen Musik und Malerei hin- und hergerissen, zeigt ihre Biographie, wenn auch nur in groben Zügen, wie sehr einer kunstschaffenden Frau im aufbrechenden 20. Jahrhundert Grenzen gesetzt waren. Ein eigener Teil widmet sich dem literarischen Sprachrohr der Musiker: Jean Cocteau und seinem Richtung gebendem Programm. Thematisiert werden ästhetische Vorbilder sowie Cocteaus Forderung einer apolinischen Kunst, den Prinzipien der Einfachheit, Klarheit und Natürlichkeit folgend. Musik sollte sich an der Realität orientieren und „nach menschlicherem Maßstab gebaut sein“. Abgerundet wird die Publikation mit einer kultur- und musikhistorischen Einordnung der Six, in den Vordergrund rückt vor allem ihre zeitgeschichtliche Bedeutung – schienen die kompositionstechnischen Neuerungen doch zu wenig revolutionär. Das schmälert den Wert der Gruppe keinesfalls, ihr Einfluß auf andere Komponisten wird deutlich.

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