Komponistentreffen abseits der Metropolen

Deutscher Filmmusikpreis bei den Filmmusiktagen Sachsen-Anhalt verliehen


(nmz) -
Die Filmmusiktage Sachsen-Anhalt in Halle sind als Branchentreff und Showcase für deutsche Filmkomponisten nun schon seit einigen Jahren etabliert. Mit der letztjährigen Ausgabe haben die Veranstalter die eigene Bedeutung für die Szene zusätzlich mit einer groß angelegten Filmmusik-Preisverleihung untermauert, mit der man auch auf die Herabwürdigung der Kreativen beim Deutschen Fernsehpreis antworten wollte, dessen Macher 2010 die Kategorien für persönliche Kreativleistungen, darunter die Auszeichnung für die Beste Musik, abgeschafft hatten.
Ein Artikel von Jörg Lichtinger

Inzwischen ist die verstümmelte Leistungsschau der großen deutschen TV-Sender nach anhaltendem Prestigeverlust und wiederholten Quotentiefpunkten selbst Geschichte und muss 2016 als „Neuer Deutscher Fernsehpreis“ wiederbelebt werden. Geplant sind bis zu 25 Einzelpreise, kreative Einzelleistungen erhalten wieder eigene Kategorien. Zurück auf Anfang also? Nicht wirklich, denn der Neue Deutsche Fernsehpreis wird künftig ebenfalls im Rahmen eines Branchentreffens verliehen – ohne Fernsehübertragung. Ohne den Störenfried Publikum – also ohne Quote – kann man offenbar wieder das tun, wofür man den Fernsehpreis ursprünglich geschaffen hat. Die Medienkomponisten werden diese Entwicklung nach der frustrierenden Ausbootung von 2010 mit Genugtuung aufnehmen, obwohl sie sich mit dem Deutschen Filmmusikpreis inzwischen unabhängig gemacht haben. Verliehen wird dieser von der International Academy of Media and Arts, gemeinsam mit der Deutschen Filmkomponistenunion DEFKOM, in der sich die Film- und TV-Komponisten des Deutschen Komponistenverbandes zusammengeschlossen haben.

Im Oktober traf man sich nun zum zweiten Mal im für eine Gala angemessenen Ambiente des traditionsreichen Steintor-Varieté, das derzeit nur von innen glänzt, da außen von einer Großbaustelle umgeben. Eine Baustelle, die Halles Oberbürgermeister Bernd Wiegand in seiner Eröffnungsrede als Symbol nahm für den Ausbau der Händelstadt zu einer Art ostdeutschem Medienzentrum, in dem sich vermehrt Kulturunternehmen und Medienschaffende niederlassen sollen. Ein Prestigepfeiler wie der Deutsche Filmmusikpreis kommt da natürlich durchaus gelegen.

Die Preisträger werden in fünf Kategorien ermittelt, wobei Nachwuchs- und Ehrenpreisträger von einer sechsköpfigen Jury ausgewählt werden, zu der in diesem Jahr die Komponisten Christine Aufderhaar, Gerd Baumann, Fabian Römer und Ralf Wengenmayr gehörten, neben dem Dirigenten Bernd Ruf und dem Organisator der Filmmusiktage Sachsen-Anhalt Markus Steffen. In den Kategorien „Beste Musik im Film“ und „Bester Song im Film“ traf die Jury lediglich eine Vorauswahl und übergab den Stab dann per Online-Voting an die Mitglieder der drei deutschen Berufsverbände, in denen sich die Film- und TV-Komponisten organisieren: DEFKOM, Composers Club e.V. und Mediamusic e.V. Diese sahen in Olaf Taranczewskis und Frank Zerbans Musik für den Kurzfilm „Dissonance“ den besten Score und die melancholische Ballade „Here in the Rain“ des Kölner Komponisten Loy Wesselburg aus „Lügen und andere Wahrheiten“ machte den Schnitt als „Bester Song im Film“. Den Gesangspart, für den Film von Wesselburgs Tochter eingesungen, übernahm auf der Bühne im Steintor der Komponist selbst plus Westerngitarren-Begleitung in Singer/Songwriter-Manier.

Der Absolvent der Filmuniversität Babelsberg Leonard Petersen wurde für seine Musik zu „After Spring Comes Fall“ als Bester Nachwuchskomponist ausgezeichnet und der 75-jährige Bernd Wefelmeyer (Das Adlon – Eine Familiensaga), dessen Anfänge als Filmkomponist noch in die DEFA-Zeiten der DDR zurückreichen, durfte seinen Ehrenpreis aus den Händen des letztjährigen Ehrenpreisträgers Martin Böttcher (Karl-May-Filme) entgegennehmen.

Nachdem auch eine Filmmusikpreisverleihung nicht ohne einen Hauch Glamour, also Hollywood, vonstatten gehen kann, hat man in diesem Jahr auch eine Kategorie „International“ eingeführt. Als ersten Preisträger hat man den hervorragenden Jeff Beal (Monk, Rome, Jesse-Stone-Reihe), der gerade mit seinen minimalistisch düsteren Klängen für den Serien-Hit „House of Cards“ Furore macht, ausgesucht und damit eine überzeugende Wahl getroffen.

Der freundlich biedere Beal strahlte allerdings weniger Glamour als künstlerische Integrität aus, was seinem Werkstattgespräch im Puschkinhaus keinen Abbruch tat, in dem er neben aktuellen Soundbeispielen aus „House of Cards“ auch Szenen aus dem Biopic über den amerikanischen Expressionisten Jackson Pollock zeigte, wobei Beals Musik hier besonders eindringlich die manischen Phasen Pollocks illustriert, in denen dieser seine Dripping-Technik entwickelt.

Die Filmmusiktage Sachsen-Anhalt fußen auf mehreren Säulen und beinhalten neben der Preisverleihung auch ein begleitendes Konzertprogramm – inklusive Galakonzert in der Oper Halle mit der Staatskapelle der Oper –, einen Kongress mit Vorträgen zu künstlerischen, soziologischen und rechtlichen Fragen rund um die Tonspur in Film und TV (in diesem Jahr unter dem wenig gelungenen Label „Sounds of Heimat“) sowie auch einen – und damit haben die Filmmusiktage wirklich ein Alleinstellungsmerkmal – praktischen Workshopteil mit der „Masterclass – Das Orchester“ als Zugpferd. Das Besondere hierbei ist nicht, dass junge Komponisten mit einigen Dozenten an eigenen Orchesterkompositionen und -arrangements arbeiten, in Halle haben alle Teilnehmer darüber hinaus die Gelegenheit, ihre Kompositionen mit einer Aufnahme durch die Staatskapelle Halle zu dokumentieren. Für Nachwuchskomponisten sicherlich eine seltene Gelegenheit zur echten Zusammenarbeit mit einem voll besetzten Orchester, bis hin zur öffentlichen Aufführung beim abschließenden Galakonzert – dies allerdings nur für einen der Masterclassteilnehmer.

Mit diesem Gesamtkonzept bieten die Filmmusiktage Sachsen-Anhalt eine gelungene Mischung aus Branchentreff und Kulturveranstaltung, mit der die Veranstalter auch die Haller Bürger interessieren wollen. Das scheint beim großen Galakonzert jedoch eher zu gelingen als bei manch heimlichem Highlight, wie der urkomischen musikalischen Lesung von Gerd Baumann und Marcus H. Rosenmüller, die fast unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfand. Aber Filmmusik tut sich eben seit jeher im großen Rahmen leichter.

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