Laboratorium für Studierende

Zum ersten Possehl-Wettbewerb für Neue Musik und Aufführungspraxis 2019


(nmz) -
Bei klassischen Konzerten ist die Bühne ein optisch neutraler Guckkasten: der Auftritt und der Abgang der meistens schwarz gekleideten Interpreten ist schweigend, das Publikum hört andächtig der Musik zu. Danach: Applaus. Dieses erstarrte Ritual und solche eindimensionalen Wahrnehmungen sind für Standard-Repertoire noch berechtigt, wirken jedoch im Zeitalter sich verändernder Formate audiovisueller Kommunikation in gewisser Hinsicht anachronistisch. Deshalb wurde mit der Aufforderung zur Suche nach Alternativen an der Musikhochschule Lübeck (MHL) 2019 der erste Possehl-Wettbewerb für Neue Musik und Aufführungspraxis veranstaltet. Die Frage lautet, so MHL-Präsident Prof. Rico Gubler: „Wie kann ein Konzert im 21. Jahrhundert aussehen?“
Ein Artikel von Hans-Dieter Grünefeld

Zum Verständnis dieser Initiative ist ein kurzer historischer Rekurs notwendig. Testamentarisch verfügte Emil Possehl (1850-1919), Senator und Chef des gleichnamigen, bis heute florierenden Konzerns, dass über eine gemeinnützige Stiftung explizit Kunst und Wissenschaft in der Hansestadt Lübeck gefördert werden sollen. Diesem Stiftungszweck entsprechend ist die MHL seit 1962 in der glücklichen Lage, jährlich den hochschulinternen Possehl-Wettbewerb für Exzellenz von Kammermusikensembles und Solisten auszuloben. Nachdem 2006 der Bereich „Komposition“ herausgenommen worden war, weil die Entwicklungen zeitgenössischer Stilistiken insbesondere in den Darbietungsformen nicht adäquat zu bewerten waren, stellte Prof. Rico Gubler vor kurzem einen Antrag zur Einrichtung eines Wettbewerbs, bei dem MHL-Studierende neue Musikkonzepte vorstellen können. Eine kluge Entscheidung, findet Christian Schwandt, Theaterdirektor und Jury-Vorsitzender beim ersten Possehl-Wettbewerb für Neue Musik und Aufführugspraxis, denn die Possehl-Stiftung, deren Vorstand er zugleich repräsentiert, will das Image von Lübeck als Kulturhauptstadt Norddeutschlands festigen. Ähnlichen Status, nämlich ein im Vergleich zur Einwohnerzahl herausragendes Kulturprofil, haben in Deutschland sonst nur noch Weimar, Freiburg im Breisgau und Heidelberg, sodass der neue Wettbewerb in diesem Kontext zu einer markanten Komponente werden kann.

„Die MHL, mit der wir diesen Wettbewerb organisiert haben, hat alles absolut vorbildlich vorbereitet“, sagt Christian Schwandt. „Für mich war es eine tolle Erfahrung zu beobachten, wie kreativ die einzelnen Studierenden waren.“ Bei den Bewerbungen zur Teilnahme mussten die Studierenden zur Vorauswahl ein Konzept auf nahezu Profi-Niveau einreichen. Schließlich wurden fünf Projekte zugelassen, die zur Verwirklichung diverse technische Apparaturen benötigten. Eingezwängt in den normalen MHL-Betrieb mit kontinuierlichen Konzerten und Prüfungen sollte der erste Possehl-Wettbewerb für Neue Musik und Auffürungspraxis an nur einem Tag stattfinden. Sascha Lino Lemke, Juror, Professor für Musiktheorie an der MHL, wurde beauftragt, die technische Logistik und Ausstattung vorab zu justieren. „Zwar waren die jeweiligen Konstellationen nicht extrem komplex, aber wir konnten nur einmal proben. Deshalb habe ich die Programmierung der Licht- und Tonregie unterstützt und mich um eine sinnvolle Reihenfolge der Stücke gekümmert. Danach war es dann kein Problem mehr, etwa die Lichteffekte gemäß des Ablaufplans auszulösen. Die optimale Effizienz der Proben war wohl für alle Beteiligten eine große Herausforderung, die dennoch gemeistert wurde“, erzählt Sascha Lino Lemke.  

Von Bedeutung ist, dass der erste Possehl-Wettbewerb für Neue Musik und Aufführungspraxis nicht ausschließlich der Komposition gewidmet war, sondern das ganze Spektrum im Ausbildungskanon einbeziehen sollte. Wie Dieter Mack, Juror und Professor für Komposition, erklärt, „ist die Praxis der Neuen Musik an der MHL sukzessive erweitert worden. Wir kooperieren mit zahlreichen anderen Aufführungsorten, um unseren Studierenden Erfahrungen mit Phänomenen aktueller Klangkommunikation in neuen Kontexten zu ermöglichen. Studierende sollen an ihren Hochschulen, die bis zu einem gewissen Grad auch ein Laboratorium sind, durchaus experimentieren, wobei das Scheitern ebenso wie das Gelingen positive Lerneffekte haben kann. Zu den MHL-Aufgaben gehört außerdem, über die Verantwortung im Umgang mit den allgegenwärtigen Medien besonders im Hinblick auf die Aufführungspraxis zu informieren. Deshalb ist dieser Wettbewerb auch für die Sensibilisierung der Studierenden geeignet, die wir darüber beraten, was geht und was nicht geht. Als Hochschule wollen wir das kreative Potenzial digitaler Medien nutzen.“ Die Studierenden müssen jedoch Begrenzungen etwa bei Sicherheitsvorschriften für die Bühne und fürs Foyer akzeptieren und gegebenenfalls ihre Konzepte modifizieren.

Für die Schlagzeugerin und Komponistin Eirini Aravidou, die mit ihrer multimedialen Inszenierung „Hands“ die Jury überzeugte und den ersten Preis erhielt, war die Situation unproblematisch. Sie kannte nach vier Jahren Studium die Möglichkeiten an der MHL und baute ihr Projekt demgemäß auf und erklärt: „Mir war wichtig, dass ich die Freiheit hatte, meine Persönlichkeit und meine Idee vom Leben präsentieren zu können.“ Die Protagonisten ihrer audiovisuellen Performance sind, wie der Titel sagt, sichtbare Hände vier schwarz gekleideter Akteure, die vor Stellwänden vertraute Bewegungsmuster und Gesten zu elektronischen Klängen, Videos und instrumentalen Improvisationen zeigen und so reizvolle Choreographien entstehen lassen.

Wegen der heterogenen Profile der Beiträge war eine Bewertung schwierig, wie Dieter Mack zugibt. Eindeutige Kriterien konnten nicht angewendet werden, sodass man in der Jury vereinbarte, übergreifend nach der besten Balance in der Verwendung verschiedener medialer Elemente zu beurteilen. Im Vergleich zu den anderen Projekten beeindruckte die Jury an „Hands“ vor allem „die größte Originalität und auch die größte Stringenz der Aufführung. Diese Entscheidung war relativ schnell gefasst“, erklärt Dieter Mack. Und als Theater-Experte fügt Christian Schwandt hinzu, dass die „wirkliche Bühnenreife“ von „Hands“ ausschlaggebend für sein Votum war. Deshalb hat er „Hands“ ins Programm der Feier „100 Jahre Emil Possehl-Stiftung“ am 18. Mai 2019 im Theater Lübeck aufgenommen, und Oliver Wille, Juror und Intendant der Sommerlichen Musiktage Hitzacker, wird es am 3. August 2019 nochmals auf seinem Festival präsentieren. Ein schöner Erfolg für Eirini Aravidou, die sich weiterhin mit multimedialen Installationen und zeitgenössischer Musik beschäftigen will.

Insofern hatte der erste Possehl-Wettbewerb für Neue Musik und Aufführungspraxis über die Preisvergabe hinaus Einfluss auf die Verbreitung eines prämierten Werkes. Dieser Aspekt war zugleich als Motivation zur Teilnahme und als Idealfall vorgesehen. Ob und welche Projekte bei diesem künftig zweijährig stattfindenden Wettbewerb ebenso nach außen getragen werden, bleibt offen. „Zum Auftrag der MHL gehört auch, auf das Berufsleben vorzubereiten. Dazu sind Wettbewerbe wie dieser sehr gut geeignet“, meint Dieter Mack. Studierende im 21. Jahrhundert sind, anders als die Generationen vor ihnen, ohnehin digital vernetzt und finden an der MHL über Professoren und Kommilitonen Kontakte zu Festivals und Akademien. Auf institutionalisierter und damit höherer Ebene ist der Possehl-Wettbewerb für Neue Musik und Aufführungspraxis bei dieser Thematik ein Forum, das nachhaltigen Anschub zur Akzeptanz zeitgenössischer Musik geben kann.

www.mh-luebeck.de
www.possehl-stiftung.de

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