Lernen aus der Praxis

Komponistenporträts an der HfM Dresden


(nmz) -
Der Bereich der Gegenwartsmusik muss sich an manchen Musikhochschulen eher mit einem Schattendasein begnügen – was oft wohl vor allem mit gewissen konservativen Haltungen anderer Ausbildungsbereiche zu tun hat. Im Studienalltag der Dresdner Musikhochschule ist dies seit geraumer Zeit anders, da hier im Grenzbereich von Lehre, Praxis und Forschung ein breit gefächertes, auch weit über die Hochschulgrenzen hinaus wahrgenommenes Angebot aufgebaut wurde - maßgeblich unterstützt natürlich durch jenes Netzwerk Dresdner Institutionen und Persönlichkeiten, das unter dem Titel KlangNetz Dresden eng mit dem von Jörn Peter Hiekel geleiteten Institut für Neue Musik der Hochschule verflochten ist.
Ein Artikel von Georg Preißler

In Kooperation mit KlangNetz Dresden veranstaltete die Hochschule zu Beginn des Studienjahres gleich mehrere viel beachtete Komponistenporträts. Eröffnet wurde der Reigen mit einem Doppelporträt der Komponisten Helmut Lachenmann und Wolfgang Rihm, eingebettet in die KlangNetz-Konzertreihe „An die Freunde …“ (die ihrerseits mit einer Ausstellung des Deutschen Hygiene-Museums zum Thema „Freundschaft“ in Verbindung steht). Von Helmut Lachenmann, der mit seiner Musik an der HfM Dresden schon häufiger zu Gast war und hier seit 2010 auch Ehrendoktor ist, wurde das faszinierend ungewöhnliche Werk „Klangschatten – mein Saitenspiel“ für 48 Streicher und drei Konzertflügel geboten, das zumindest für all jene, die eher mit Musik früherer Zeiten vertraut sind, durchaus immer noch eine Herausforderung bedeuten kann.

Umso bemerkenswerter war die von der Presse einhellig gefeierte Darbietung des Werkes vom HfM-Sinfonieorchester unter Ekkehard Klemm. Und es ist ein deutliches Zeichen für die an diesem Hause gewachsene Aufgeschlossenheit gegenüber dem Neuen, wenn Lachenmanns Orchestermusik inzwischen hier mit gewisser Selbstverständlichkeit gespielt wird (dieselben Interpreten realisierten an gleicher Stelle im Frühjahr 2014 auch bereits sein Stück „Notturno – Musik für Julia“).Fortgeführt wurde der Lachenmann-Akzent in diesem Herbst – der in die bundesweit ausgetragenen Feierlichkeiten zu seinem 80. Geburtstag eingebettet war – durch einen Klavierkurs von Yukiko Sugawara sowie durch öffentliche Workshops und  ein weiteres Porträtkonzert. Hierbei erklangen mit „Mouvement (– vor der Erstarrung)“, „Pression“ und „Allegro sostenuto“ gleich drei der weltweit wohl am meisten gespielten Stücke des Komponisten. Ein Indiz für den Einfluss, den Lachenmanns Musik an der Dresdner Hochschule inzwischen besitzt, ist die Tatsache, dass an diesem zweiten Konzert ein aus der Studentenschaft hervorgegangenes Ensemble mitwirkte, dessen Name „trio sostenuto“ ein ausdrücklicher Verweis auf Lachenmanns grandioses Kammermusikwerk ist.

Auch Wolfgang Rihm, von dem es im Doppelporträt in ebenfalls exzellenter Darbietung das Violinkonzert „Gesungene Zeit“ gab, ist an der HfM Dresden mittlerweile ein Stammgast. Dies verdankt man unter anderem der im Rahmen von KlangNetz Dresden stattfindenden Kooperation mit der Sächsischen Staatskapelle, die sich besonders auch auf die dort eingerichtete Position des „Capell-Compositeurs“ erstreckt – und die ausgewählten Persönlichkeiten jeweils auch ausgiebig in der Hochschule porträtiert.

Eine vergleichbare Institutionalisierung eines Composers in Residence, ebenfalls in Kooperation mit der Dresdner HfM, hat nun auch die Dresdner Philharmonie, das andere bedeutende Orchester der Stadt, geschaffen. Und mit dem Spanier José María Sánchez-Verdú hat sie dafür in dieser Saison eine vielseitige Komponistenpersönlichkeit ausgewählt, die ebenfalls bereits in enger Verbindung mit der Hochschule steht. Fast selbstverständlich war es daher, dass Sánchez-Verdú ergänzend zur Einstudierung seiner bemerkenswerten Raum-Komposition „Libro del frío“ („Buch der Kälte“) in der Dresdner Frauenkirche auch in umfassender Weise in der Hochschule mit öffentlichen Workshops sowie einem Gesprächskonzert präsent war. Letzteres bot Kammermusikwerke von Sánchez-Verdú – unter anderem das als Deutsche Erstaufführung präsentierte 10. Streichquartett, das fein gesponnene Klangwelten im äußersten Piano-Bereich von wechselnden Positionen im Raum aus entfaltet.

Fast wöchentlich gibt es Belege dafür, dass die Gegenwartsmusik an diesem Hause zu den zentralen Aktivitätsfeldern gehört. Und auch der Reigen der Komponistenporträts wird in diesem Studienjahr noch weiter geführt – dies unter anderem mit einer Projektwoche (samt Porträtkonzert und Workshops) mit Mathias Spahlinger.

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