Musicals „made in Schleswig-Holstein“

Von der ersten Idee bis zur Uraufführung


(nmz) -
In Deutschlands nördlichster Landesmusikakademie, dem Nordkolleg in Rendsburg, wächst ein neuer Zweig. „Eine Musicalproduktion bietet die Chance, dass Menschen unterschiedlichster Profession gemeinsam an der Entwicklung arbeiten können“, so Guido Froese, Akademieleiter und Geschäftsführer des Nordkollegs, und zählt auf: „Autoren, Komponisten, Sänger, Tänzer, Schauspieler, Musiker, Theatertechniker, Choreographen und Regisseure – in allen Bereichen können wir Aus- und Weiterbildungsangebote machen“.
Ein Artikel von Guido Froese

So gründete das Nordkolleg im vergangenen Jahr die Musical-Academy Schleswig-Holstein (MASH) und fand mit der Regisseurin, Sängerin und Musicalexpertin Claudia Piehl die passende Leitung. Piehl, aus deren Musicalprojekten bereits einige junge Menschen den Weg in die berufliche Musical-Karriere geschafft haben, erwies sich als unermüdlicher Motor und schaffte es in kurzer Zeit, an den richtigen Stellen zu überzeugen. Sie wünscht sich, dass Musical in Deutschland nicht ausschließlich von US-Importen oder Bühnenadaptionen bekannter – und zumeist amerikanischer  – Spielfilme lebt. „Dafür müssen Autorinnen und Autoren, Komponistinnen und Komponisten aber die Möglichkeit haben, ihre neuen Stoffe auf die Bühnen zu bringen und vor einem Publikum auszuprobieren. So funktionieren die berühmten Tryouts in den USA und das brauchen wir auch in Deutschland.“, erläutert Claudia Piehl. In Schleswig-Holstein hat man für solche Experimentierfelder nun den Anfang gemacht. In der Musical-Academy Schleswig-Holstein in Rendsburg unterrichten professionelle Musical-Darsteller. Bei den  regelmäßig stattfindenden Musical-Sessions mit einer offenen Bühne steht zwar der Spaß im Vordergrund, doch konnten bereits erste Talente entdeckt werden, die in die Produktion eingebunden wurden. Herzstück von MASH ist die so genannte Musical-Werkstatt, die neue Musicals kreiert, zur Uraufführung bringt und zu einem abendfüllenden Stück weiterentwickelt.

Neben dem Unterricht in Gesang, Tanz und Schauspiel liegt der Schwerpunkt auf der Entwicklung neuer deutscher Musicals mit politischem Inhalt. „Wir suchen nach neuen Themen mit gesellschaftlicher Relevanz und bestenfalls auch neuen Orten“, so Guido Froese, „denn wir wollen auch ein neues Publikum erreichen“. Mit einem ganz besonderen Aufführungsort im Blick machte im vergangenen Jahr die Produktion des Musicals „Die Vertrauensfrage – ein Political“ den Anfang. In dem Stück geht es um eine fiktive Politikerin, die mit sich ringt, ob sie sich als Bundeskanzler-Kandidatin aufstellen lassen soll. Sie befragt ihre inneren Stimmen, ihr inneres Team. Dieses Innere Team, nach dem Psychotherapeuten Friedemann Schulz von Thun, spricht und singt mit ihr, in ihrem inneren Plenarsaal.

Und dort, im tatsächlichen Plenarsaal des Landtags Schleswig-Holstein in Kiel, wurde dieses Musical auch uraufgeführt. Zuschauer wie Darsteller sitzen auf den Stühlen der Politikerinnen und Politiker und der wunderschön an der Kieler Förde gelegene Saal wird zur Musical-Bühne. Zum ersten Mal in seiner Geschichte. In diesem Jahr wird das Stück auf Wunsch des Kieler Bildungs- und Kulturministeriums im Rahmen des Jahres der politischen Bildung erneut im Landtag aufgeführt und hierfür weiterentwickelt. Das Musical entstand mit einem Team aus mehreren Autoren, mehreren Komponisten, einem Dramaturgen, einer Choreographin, einer Korrepetitorin und einer Regisseurin sowie einem Ensemble aus 16 Darstellerinnen und Darstellern im Alter von 17 bis 60 Jahren mit ganz unterschiedlicher Musical- oder Bühnenerfahrung.

Gearbeitet wurde in mehreren Arbeitsphasen mit zwischenzeitlichem Kontakt per Internet. „Dieser Workshop hat mir sehr viel gebracht, auf der Bühne und im täglichen Leben“, meint die Darstellerin Annette Peters, die im Musical die Demokratie verkörpert, „und außerdem jede Menge Spaß!“ „Ich möchte Schauspielerin werden“, sagt Hanna Michael, die die Rolle des Inneren Kindes spielt, „da konnte ich mich in diesem Workshop schon einmal richtig ausprobieren.“ „Bis heute trifft sich das Ensemble, zusammengeschweißt von der Intensität des besonderen Erlebnisses, in kurzer Zeit gemeinsam etwas Neues geschaffen und so erfolgreich auf die Bühne gebracht zu haben“, fasst Claudia Piehl zusammen. Für das Jahr 2019 hat man neben der Wiederaufnahme des Politicals bereits eine zweite Uraufführung im Blick. Es soll um ein ökologisches Thema gehen, Arbeitstitel „Der Wind der Veränderung – ein Klima-Musical“. Der Aufführungsort steht noch nicht fest, aber für eine Teilnahme bewerben kann man sich bereits jetzt. „Für das Ensemble suchen wir nicht ausschließlich nach versierten Sängerinnen, Sängern, Tänzerinnen und Tänzern, sondern nach authentischen Menschen jeder Altersgruppe von 16-99 Jahren, in jeder Konfektionsgröße und Hautfarbe“, sagt Claudia Piehl und fügt lachend hinzu, „denn Musical ist das richtige Leben!“