Musik als Kommunikationserfahrung

Die serbische Komponistin Snežana Nešic im Porträt


(nmz) -
„Der Akkordeonunterricht war einfach zu langweilig, so habe ich angefangen, mit Tönen frei herumzuspielen“, erzählt die Musikerin Snežana Nešic von ihren Anfängen als Komponistin. Da ist sie 12 Jahre alt und lebt im jugoslawischen Serbien. Aus den kleinen jugendlichen Fluchten in die musikalische Freiheit wird später eine Profession als Komponistin.
Ein Artikel von Claus-Ulrich Heinke

Aber auch das Akkordeon wächst ihr weiterhin ans Herz. Mit beiden Schwerpunkten wird sie nach Studien in Kiew und Hannover preisgekrönt erfolgreich. 1999 zieht sie mit ihrem Mann Sascha Davidovic nach Hannover. Auch er ist Dirigent, Pianist und Akkordeonist. „Mein Mann ist mein größter Fan, mein bes­ter Kritiker und ein hervorragender Dirigent – auch meiner Musik“, stellt die Musikerin mit charmantem Ton fest. Besonderen Spaß macht es ihnen, wenn sie zum Kontrast als Duo mit Renaissance- und Barockmusik für Cembalo und Akkordeon unterwegs sind.

In Hannover gründet Nešic das Ensemble ur.werk und führt vor allem neue Werke anderer Komponistinnen und Komponisten auf. Im Netzwerk Musik21Niedersachsen wird sie ein engagiertes Teammitglied. An der Musikhochschule Hannover lehrt sie Neue Musik und Komposition. Aber auch Stipendien-Zeiten in Venedig, Montreal und Rom sind inspirierende Stationen für die Komponistin. An jedem Ort sucht sie sogleich persönlichen Austausch mit der dortigen aktuellen Kulturszene. Ihr Credo: „Ich glaube fest daran, dass die wertvollste Fähigkeit der ‚guten‘ Musik und Kunst immer noch darin besteht, zwischenmenschliche Kommunikation auf produktiv-inspirierende Weise zu stärken.“

Durch diese kommunikative Offenheit spiegeln sich in ihren Werken oft die Begegnungen mit unterschiedlichen Künsten, Wissenschaften und Epochen wider. In der Villa „Casa Orfeo“ an der Amalfi-Küste beseelen sie zum Beispiel die Lyrik des italienischen Dichters Giuseppe Ungaretti und die mediterrane Natur. In Venedig verarbeitet sie die Musik von Renaissance-Komponistin Barbara Strozzi und die von Monteverdi, „neben Bach mein Lieblingskomponist“. Sogar Erkenntnisse der Quantenphysik reflektiert sie in dem Werk „Impetus-Collaps-Stasis“. Philosophische Musik ist das. Kein Wunder, denn ihr breit angelegtes geistiges Interesse führt sie schon als Musikstudentin in Kiew zu philosophischen und theologischen Vorlesungen. Ihre Kompositionen sind oft komplexe atonale Geschehen. In den Partituren finden sich zahlreiche Spielanweisungen zu bisher ungewohnten Klängen. Die vertrackten rhythmischen Abläufe sind eine Herausforderung an die Ausführenden.

Immer wieder bekommt die Musikerin Aufträge für neue Werke, auch von großen Orchestern, Festivals und Bühnenhäusern. „Bis jetzt habe ich selten etwas für die Schublade komponiert“, meint sie lächelnd.

Es ist vor allem die emotionale Ausstrahlung und kommunikative Substanz ihrer Musik, die über die Grenzen der Avantgarde-Gemeinde hinaus die Menschen berührt. Zum Komponieren braucht sie einsame Zeiten. „Ohne das kommt nichts zustande. Aber l’art pour l’art ist vorbei. Was ich schreibe, ist immer eine Vorlage für Kommunikation: zwischen mir und den Musikern und den Musikern untereinander. Dann aber vor allem mit den Hörenden.“

Diese zwischenmenschliche Interaktion versteht sie auch als eine gesellschaftspolitische Aufgabe. „Musik ist als freie Kommunikationserfahrung natürlich höchst systemrelevant.“ In diesem Sinn sieht sie auch ihre neue Aufgabe als künstlerische Leiterin der „Musik21“-Nachwuchsprojekte. „Klangfarben“ heißt das Thema dieses Jahres: „In Workshops werden die jungen Komponierenden verschiedene Instrumente und Notationen kennenlernen. Neue Software, Medien und digitale Tools ebenso. Auch Möglichkeiten, Komponiertes in visuelle Gestaltung umzusetzen. Und in der Gruppe improvisieren“, erläutert die Komponistin ihre Pläne.

Sie selbst hat gerade zwei neue Werke fertiggeschrieben, eines für die Kirche und eines für den NDR. Der neue Kirchenmusiker der zentral gelegenen hannover’schen Neustädter Kirche Michael Zulo hatte die Idee, die bewährte Reihe „Bach um fünf“ mit jeweils einem neuen Stück zu ergänzen, das die gleiche Besetzung wie die zuvor aufgeführte Bachkantate haben soll. „Encounters with Bach“ nennt er dieses Format. Auch Snežana Nešic lud er dazu ein: So schrieb sie für das Barockensemble, das zuvor die Kantate „Widerstehe doch der Sünde“ BWV 54 aufführte, ihr neues Stück „Vom fließenden Licht getragen“.

Beim Hommage-Konzert zum 100. Geburtstag von Astor Piazzolla im NDR Hannover kommt ihre „Ballade pour un fou – cabaret noir für Sopran und zehn Musiker“ zur Uraufführung. Und dann steht noch die Kooperation mit dem Ensemble Contemporain de Montréal auf dem Plan, mit Terminen an der Staatsoper Hannover und der Akademie der Künste Berlin. In den Jahren 2021–24 ist sie als künstlerische Leiterin des Programms für Nachwuchskomponisten im Rahmen der Musik21Niedersachsen tätig.

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