Musik, die in die Zukunft weist

Komponistin Ruth Zechlin zum 80. Geburtstag


(nmz) -

„Das ist Musik, die in die Zukunft weist.“ Kein geringerer als Hellmut Matiasek, der opernerfahrene Regisseur und langjährige Intendant des Münchner Gärtnerplatztheaters, charakterisierte begeistert die Musik von Ruth Zechlins „Elissa“. Die Oper wurde 2005 am Südostbayerischen Städtetheater in Passau uraufgeführt: Mattiasek hatte das Libretto dazu geschrieben. Und der große Rhetoriker und Literaturwissenschaftler Walter Jens schwärmte: „Belehrt durch Ruth Zechlins Musik und die Interpretamente ihrer Graphiken, hört ich die ‚Sieben Worte‘ plötzlich so intensiv wie nie zuvor, stellte Fragen, fühlte mich bestätigt.“ Er sprach über die Uraufführung der „Sieben Worte Jesu am Kreuz“ 1997 in der Berliner Kaiser-Friedrich-Gedächtnis-Kirche.

Ein Artikel von Dr. Edith Rabenstein, Passau

Zwei Aussagen, die den breiten musikalischen Kosmos – von weltlich-dramatischer bis zur sakral-spirituellen Musik – der großen zeitgenössischen Komponistin aufzeigen, die am 22. Juni ihren 80. Geburtstag feiert.

Ruth Zechlin, geboren in Großhartmannsdorf bei Freiberg in Sachsen, erhielt ab ihrem fünften Lebensjahr Klavierunterricht und legte bereits mit sieben Jahren eine erste Komposition vor. Von 1943-45 und 1946-49 studierte sie an der Hochschule für Musik in Leipzig unter anderem Komposition und Tonsatz bei Johann Nepomuk David und Wilhelm Weismann, Klavier bei Anton Rohden und Rudolf Fischer, Orgel bei Karl Straube und Günter Ramin. Nach ihrem Staats-examen (1949) war sie zunächst dort als Dozentin an der Hochschule für Musik Leipzig tätig und wirkte gleichzeitig als stellvertretende Organistin an der Nikolaikirche zu Leipzig. Ab 1950 wurde sie an die Berliner Hochschule für Musik „Hanns Eisler“ berufen, lehrte dort Harmonielehre, Kontrapunkt, Formenlehre, Instrumentation und Komposition sowie Cembalo und erhielt dort 1969 eine Professur für Komposition. 1970 wurde sie in die Akademie der Künste der ehemaligen DDR gewählt. Seit ihrer Emeritierung (1986) übernahm sie diverse Gastprofessuren, war von 1990-93 Vizepräsidentin der Akademie der Künste von Berlin, ist seit 1997 Mitglied der Freien Akademie der Künste von Mannheim und seit 1998 Ehrenmitglied des Deutschen Musikrates und seit sie ihren Lebensmittelpunkt in Bayern hat auch Mitglied des Bayerischen Tonkünstlerverbandes. Neben diesen Verpflichtungen setzte sie ihre Konzerttätigkeit als Cembalistin und Organistin fort und erhielt zahlreiche Auszeichnungen und Preise, darunter das Verdienstkreuz erster Klasse des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland (1997) und den Bayerischen Maximiliansorden für Wissenschaft und Kunst (2001). Nach der Wiedervereinigung zog Ruth Zechlin zusammen mit ihrer Familie zunächst nach Ostbayern, dann nach Oberbayern, schließlich wieder nach Ostbayern und in diesem Frühjahr nach München.

Ruth Zechlin ist eine unermüdlich schaffende Komponistin, schrieb im-mer auch während ihrer Lehrtätigkeit. 333 Kompositionen umfasst ihr großes Oueuvre: Werke für Bühne, Orchester, Vokalensembles, Kammermusiken sowie Solisten. In diesem Bereich schreibt sie vor allem für Cembalo und Orgel, aber auch Violoncello, Schlagzeug, Oboe, Flöte und Klavier. Sie selbst bezeichnet ihr Werk als „freitonal“. Ruth Zechlins Kompositionsstil lässt sich in mehrere Perioden einteilen: Bis 1960 schreibt sie freitonal, noch mit den Formen der Tradition verbunden, sie variierend. Sie lernt den polnischen Komponisten Witold Lutoslawski kennen, der ihr neben Hans Werner Henze wichtige Impulse für das eigene Werk gibt. Dann, nachdem sie die Zwölftontechnik studiert hat, baut sie immer mehr atonale Möglichkeiten in ihre eigenen Kompositionen ein. Diese Phase geht bis zirka 1970. Dann erhält Ruth Zechlin neue Impulse von der seriellen Musik. Ab den achtziger Jahren verwendet sie alle Kompositionstechniken, bezieht auch Aleatorik, Klangbänder, Cluster und verschiedene Arten von Geräuschkulissen und Instrumenten ein. Als den Befreiungsschlag von traditionellen Kompositionstechniken sieht sie die „Canzoni alla notte“ nach Salvatore Quasimodo für Bariton und Orchester, ein Auftragswerk des Gewandhauses Leipzig, wo es 1976 unter dem Dirigat von Kurt Masur uraufgeführt wird. „Mit diesem Werk befreite ich mich von allen Zwängen und schrieb freie, persönliche Musik.“

Dass es zeitgenössische Komposition im heutigen Musikbetrieb so schwer hat, bedauert die Komponistin: „Es gibt Berührungsängste. Das macht mich traurig, weil die Menschheit sich mit jeder neuen Technik sofort auseinander setzt, aber ausgerechnet neue Kunst kommt weniger an.“ Deshalb hatte sie beispielsweise auch die Reihe „Musica Nova Passaviensis“ in Passau gegründet, in der sie Komponisten wie Aribert Reimann und Krzysztof Penderecki in Gesprächskonzerten mit ihren historischen Bezügen präsentierte. „Wir sollten nicht vergessen, wo die Wurzeln unserer zeitgenössischen Musik liegen, wo sie beheimatet ist.“ Außerdem weiß die Komponistin, die auch Erfahrungen als langjährige Pädagogin an der Hochschule in Berlin hat, dass man dem Konzertpublikum Hilfestellungen geben soll. „Für mich – und ich denke auch für das Publikum – ist Musik interessant im Kanon der Musikgeschichte“, sagt sie.

Für sie persönlich ist ein ganz Großer der Musikgeschichte maßgeblich: Johann Sebastian Bach, den sie als Kind schon unermüdlich gespielt hat und dessen polyphone Strukturen auch ihr Werk sehr geprägt haben. „Meine Affinität zu Linearität und Klang kommt von Bach“, sagt Ruth Zechlin. In diesem Jahr, in dem ihr 80. Geburtstag mit dem 250. von Wolfgang Amadeus Mozart zusammentrifft, hat sie allerdings „Dank an Wolfgang Amadeus Mozart“ komponiert, eine Auftragsarbeit für die Passauer Festspiele „Europäische Wochen“. Das fünfzehnminütige Orchesterwerk besteht aus vier Teilen, getrennt jeweils durch zwei bis vier Töne, die als Impulsgeber genutzt werden und zu Mozarts „Jupiter-Sinfonie“ hinführen. Und: Die 80-Jährige hat in ihrer neuen Heimat München viel vor: Aufgaben im Tonkünstlerverband, eine Zusammenarbeit mit der Erzdiözese zum Thema Theologie und Musik mit praktischer Anwendung Orgel und Sakralkomposition sowie Kompositionsforen am Mozarteum in Salzburg warten auf sie. Natürlich ist sie auch weiterhin eine gefragte Cembalistin und Organistin.
Man kann ihr nur weiterhin so viel Schaffenskraft, musikalische Fantasie und Lebensfreude wünschen!

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