Neues von einem Jubilar

„La Sentimentale“ von Henri Vieuxtemps – Konzertfantasie nach 177 Jahren wiederentdeckt


(nmz) -
2020 ist nicht nur ein Beethoven-Jahr – am 17. Februar jährt sich der Geburtstag des großen belgischen Geigers und Komponisten Henri Vieuxtemps zum 200. Mal. Passend dazu ist kürzlich die Konzertfantasie „La Sentimentale“ wiederaufgefunden worden, die er von 1838 bis 1843 regelmäßig auf seinen Konzertreisen spielte, als er schon ein europaweit geachteter Künstler war.
Ein Artikel von Olaf Adler

Der junge Henri Vieuxtemps wurde zunächst zwischen 1828 und 1831 von Charles de Bériot, dem damals führenden belgischen Geiger und Komponisten vor allem in der Tradition der italienischen und französischen Violinschule ausgebildet (mit Werken von Corelli, Tartini, Viotti, Rode, Kreutzer). Eine ausgedehnte Studienreise in den Jahren 1833 und 1834 brachte ihm unter anderem die Werke Beethovens näher: Von einer Aufführung des Fidelio in Frankfurt war Vieux­temps stark beeindruckt, in Wien führte er am 16. März 1834 mit großem Erfolg sein Violinkonzert Op. 61 auf. Er knüpfte viele Kontakte zu den führenden Geigern und Komponisten Europas. Robert Schumann schrieb über Vieux­temps nach einem Konzert im Leipziger Gewandhaus: „Wie eine Blume duftet und glänzt dieses Spiel zugleich. Seine Leistung ist vollständig, durchaus künstlerisch. Wenn man von Vieuxtemps spricht, kann man wohl an Paganini denken.“ Tief prägend für Vieuxtemps wurde auch die Begegnung mit Paganini in London im Mai 1834.

Als Komponist ließ sich Vieuxtemps 1833–1834 in Wien bei Simon Sechter und 1835 bis 1836 in Paris bei Anton Reicha ausbilden. Erste Erfolge als Komponist feierte er unter anderem mit seinem Violinkonzert fis-Moll (später als Nr. 2 veröffentlicht), mit mehreren Air variés und mit einem Duo brillant in Form einer Fantasie über ungarische Themen, das er gemeinsam mit dem Ungarn Ferenc Erkel verfasste und am 9. März 1837 uraufführte.

„La Sentimentale“ (die Empfindsame, Gefühlvolle) schrieb Vieuxtemps in Vorbereitung für seine zweite Konzertreise nach Russland (1839–40). Da diese etwa 20-minütige Konzertfantasie zu Lebzeiten Vieuxtemps nicht gedruckt wurde, konnte sie von anderen Violinisten nicht in ihr Repertoire übernommen werden. Sie geriet in Vergessenheit, obwohl Vieuxtemps mit ihr zu Lebzeiten große Erfolge feierte. Nur in der Biografie von Lev Ginsburg wird sie mehrfach erwähnt, da Ginsburg in russischen Quellen viele Belege für Aufführungen fand.

In der Bibliothèque royale de Belgique in Brüssel liegt eine autographe Partitur, die aufgrund des fehlenden Deckblatts bislang nicht diesem Werk zugeordnet werden konnte. Zudem befindet sich in Brüssel eine autographe Violinstimme, die Teile der Konzertfantasie enthält, neben Teilen der Solostimme seines 2. Violinkonzertes – jedoch ebenfalls ohne Deckblatt, also ohne Titelangaben.

Durch die Recherche in zeitgenössischen Quellen gelang nun der Nachweis, dass es sich bei den Autographen um die Fantasie „La Sentimentale“ handelt, die neben den beiden ersten Violinkonzerten und der Fantasie-Cap­rice Op. 11 zu Vieuxtemps Hauptwerken aus seiner ersten Schaffensperiode gezählt werden muss. Vieuxtemps spielte „La Sentimentale“ in Antwerpen und Brüssel im November und Dezember 1838 vor seiner Abreise nach Russland. Er spielte das Werk Anfang 1839 in Riga unter der Leitung des jungen Richard Wagner, er spielte „La Sentimentale“ 1839 und 1840 mehrfach in St. Petersburg, noch in 1842 sind Aufführungen in Den Haag und Utrecht belegt. Am 8. Dezember 1842 konzertierte Vieuxtemps mit „La Sentimentale“ im großen Redoutensaal in Wien mit überragendem Erfolg. Der Rezensent der Allgemeinen Theaterzeitung Wien hätte „noch selten ein Publikum so einstimmig in seinem Beifalle, so angeregt, so genußfreudig gesehen, als in diesem Concerte.“ Ein letztes Konzert in Pest (Ungarn) ist für Januar 1843 belegt. Nach diesem Konzert jedoch verliert sich die Spur der Konzertfantasie im Dunkel der Musikgeschichte…

Das Wesen dieser viersätzigen Konzertfantasie liegt in einer genialen Kombination vom Stil der italienischen Belcanto-Oper mit brillanter Violintechnik. Es ist schwer, „La Sentimentale“ zu hören und nicht an bekannte Arien aus Opern wie „Die Puritaner“ von Bellini oder „Anna Bolena“ von Donizetti zu denken. Die ersten drei Sätze haben jeweils einen bestimmten Arien-Typus zum Vorbild. Die virtuosen Mittel der Violintechnik werden oft eingesetzt, um für eine Gefühlsintensivierung in der Kantilene zu sorgen wie beispielsweise im 1. Satz (Adagio), in dem nach 16 Takten beseelten Gesangs im Umfang von 1 Oktave plus 1 Sexte urplötzlich eine Explosion über fast 3 Oktaven erfolgt. Im 2. Satz (einem gesanglichen Thema mit 2 Variationen) sorgt Vieuxtemps durch virtuose Bewegung für eine ausgeglichene Architektur des Werkes. Der 4. Satz ist ein brillantes Presto, in dem aber auch ein kurzer Rückblick auf den Belcanto-Stil hindurchscheint.

Fast punktgenau zum 200. Geburtstag Vieuxtemps gab es in Weimar am 29. Februar eine erste Wiederaufführung in der Fassung mit Klavierbegleitung. Erste Konzerte mit Orchesterbegleitung stehen in Paderborn (am 7. März), Reichenbach (7. Oktober), Greiz (9. Oktober), Gotha und Eisenach an (u.a. mit der Vogtland Philharmonie und der Thüringen Philharmonie). Solistin ist die junge koreanische Geigerin Sujung Yun, die bereits in Korea, Deutschland und Italien einige nationale und internationale Preise erspielen konnte und derzeit in der Violinklasse von Olaf Adler am renommierten Musikgymnasium Schloss Belvedere in Weimar Unterricht hat.

Da im Frühjahr „La Sentimentale“ bei der Edition Kunzelmann herausgegeben wird, ist damit zu rechnen, dass in Zukunft viele weitere Konzerte mit diesem Edelstein der romantischen Violinliteratur hinzukommen werden.

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