Offene Türen zu Wissen und Begegnungen

Kloster Michaelstein: Ein Erfahrungsbericht zu Bachs Erben


(nmz) -
„Bachs Erben“ sind Deutschlands ers­tes Jugendorchester für Barockmusik. Alte Musik für Junge Leute heißt das, kurz und bündig auf den Punkt gebracht. Doch altbacken ist das keineswegs. Wie sehr die gemeinsame Arbeit im Orchester die jungen Instrumentalisten prägt, zeigt der sehr persönliche Erfahrungsbericht von Tonia Roller, die seit 2015 Ensemblemitglied ist und nun in Basel Blockflöte studiert.
Ein Artikel von Tonia Roller

Es geht dabei im Kloster Michaelstein nicht nur ums Musizieren und das Studium der Aufführungspraxis, sondern auch darum, für die jungen Leute ein Tor zur (Musik-)Welt aufzustoßen, die Erfahrung von Selbstwirksamkeit zu ermöglichen und Impulse zu setzen, die sich – wie bei Tonia Roller – auch prägend auf Lebensentscheidungen auswirken können.

„Als ich 2015 das erste Mal nach Michaelstein zum Jugendbarockorchester BACHS ERBEN fuhr, um als Blockflötistin mitzuspielen, wusste ich überhaupt nicht, was mich dort erwarten würde. Ich war damals 14 Jahre alt. Der musikalische Leiter, Raphael Alpermann, war mir bekannt, und einzelne Namen auf der Liste von Teilnehmer*innen hatte ich auch bereits gehört. Jedoch steckten Misstrauen und Sorge auf der Fahrt in mir – weder das Niveau der Mitmusizierenden noch die Atmosphäre konnte ich einschätzen. Mein Wissen über das barocke Repertoire und die Spezifik der Aufführungs­praxis waren überschaubar und wenig konkret.

Nach kurzer Zeit wurde mir klar, dass mich die Erfahrung, in diesem Jugendbarockorchester zu spielen, verändern würde. Hier musizieren Menschen verschiedener Herkunft, verschiedener musikalischer Hintergründe, verschiedener Niveaus zusammen – ohne Dirigent, geleitet von der Freude dieser jungen Musiker und Musikerinnen. Ein aufmerksamer, freudvoller, schöner Umgang untereinander hat es mir ermöglicht, in diesem Umfeld sofort Fuß zu fassen.

Austausch und neue Projekte

Das Glück, von den Dozierenden des Ensembles zu lernen, Wissenstüren geöffnet zu bekommen, schätze ich sehr. Die Beweglichkeit, das Fragile der Musik, die Kraft des Zusammenspiels, die Bedeutung jeder einzelnen Person im Ensemble wurde mir klar von ihnen vermittelt – von Musikern und Musikerinnen, die bereits vor einigen Jahren, in einer anderen Generation die Sprache der Alten Musik gelernt und entdeckt hatten. Sie geben jetzt mit spürbarer Freude ihr Wissen an Interessierte einer neuen Generation weiter, damit wir – eben die neue Generation – diese Sprache und Ästhetik auch lernen, entdecken, darin herumkramen und uns ausprobieren können.

Seit dieser Arbeitsphase 2015 hatte ich also auf einmal Bekanntschaften in alle Richtungen des Landes und sogar darüber hinaus, zum Beispiel in die Schweiz. Viel Austausch, neue Projekte und sehr wichtige Freundschaften sind daraus entstanden. Seit diesem Jahr war ich nun fast jährlich in Michaelstein dabei.

Mein Interesse an der Musik, am Versuch einer informierten historischen Aufführungspraxis, am Repertoire und an meinem Instrument, der Blockflöte, ist immer größer geworden – ganz bestimmt durch die schwungvolle Art, wie diese Musik in Michaelstein vermittelt wird. Ich habe mich daraufhin entschieden, Blockflöte zu studieren, und bin dazu nach Basel (Schweiz) gezogen, um an der Schola Cantorum zu lernen. Die Arbeit mit diesem Orchester hat mir viele Türen geöffnet und weitere Möglichkeiten aufgetan. Und natürlich stellt sich nun immer deutlicher die Frage, wie wir von der Szene der Alten Musik auftreten, an noch weitere offene Ohren kommen und letztendlich davon leben können. Denn diese Musik hat noch so viel Potenzial zum Entdecken, zum Neu-Denken, dazu, auch heutzutage auf den Bühnen Wirkung zu entfalten.

Inspiration für viele

Dabei werden viele auch immer wieder mit der Frage konfrontiert, wie man mit dieser Musik arbeitet – ob lieber sehr spezialisiert auf einen bestimmten Stil, einen historischen Zeitraum, ein Repertoire oder doch lieber mit verschiedenen Standbeinen und einer Ausbildung in klassisch-moderner und Alter Musik. Diesen zweiten Weg gehen viele. Beinahe alle aus dem Orches­ter werden klassisch-modern ausgebildet und sehen das Spielen mit historischen Instrumenten ohne Dirigenten als Alternative zu ihrer üblichen Spielweise.

Eine andere Möglichkeit ist, die Musik nur als eine von vielen Küns­ten zu sehen und mit anderen Kunstrichtungen zu vernetzen. Im Projekt KRICH verbanden BACHS ERBEN Barockmusik mit modernem Tanz, Break Dance und dem Gesang eines Sängers aus Syrien. Unter der Leitung der Choreografin Heike Hennig wurde das gesamte Ensemble in die Darstellung einbezogen. Dies war wohl eines der eindrücklichsten Erlebnisse für mich und Inspiration für viele von uns, was Musik auf der Bühne zu bewegen vermag.“

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