Sammeln verpflichtet!

Resümee und Ausblick zum Jubiläum „25 Jahre Brahms-Institut Lübeck“


(nmz) -
Sein „Deutsches Requiem“ war für Johannes Brahms eigentlich ein Werk zur Tröstung aller Menschen. Dieser humane Anspruch gibt seiner Musik universale Dimensionen, die zu beschreiben und in der kulturellen Sphäre des europäischen 19. Jahrhunderts zu verorten zur Kernarbeit des Brahms-Instituts an der Musikhochschule Lübeck (MHL) gehört. Brahms‘ geistiges Vermächtnis ist deshalb nicht nur eine Angelegenheit akademischer Eliten, sondern genuin von öffentlicher Relevanz.
Ein Artikel von Hans-Dieter Grünefeld

Bewahrung und Archiv

Unter solchen Vorzeichen hat das aus der Privatsammlung von Kurt und Renate Hofmann entstandene, im Mai 1991 eröffnete und seitdem von Prof. Dr. Wolfgang Sandberger geleitete Brahms-Institut Lübeck fürs legitime Interesse der Öffentlichkeit bestimmte Aufgaben. „Uns sind“, sagt er, „Quellen und Dokumente von immensen Werten anvertraut: Autographen, Stichvorlagen, Bilder, Briefe, die wir zu bewahren haben. Diesen konservatorisch-archivalischen Auftrag erfüllen wir durch professionelle Lagerung in einem Tresor und Restauration. Allerdings: Sammeln verpflichtet! Die Attraktivität wird nur durch gezielte Erweiterung in Zukunft garantiert.“ So sind in den letzten Jahren bei Auktionen Neuerwerbungen gelungen: Liedhandschriften wie „Liebesgluth“, „Agnes“ und die Carl Reinthaler (Komponist und Dirigent in Bremen) gewidmeten Chorlieder op. 62; hinzu kamen umfangreiche Schenkungen oder private Erbschaften wie von Renate Wirth. Ihre bedeutenden Großväter, der Sänger Julius Stockhausen und der Geiger Emanuel Wirth (Bratscher im Joachim Quartett), hatten engen Kontakt zu Brahms, und deren Teilnachlässe enthielten vor allem wertvolle Briefe, u.a. einen sehr kostbaren von Beethoven. „Ein Glücksfall“, freut sich Wolfgang Sandberger.

Offenes Museum und Digitalisierung

Sicht- und hörbar wird die Attraktivität des Brahms-Vermächtnisses bei Ausstellungen mit wechselnden Themen und moderierten Konzerten im Museum der Villa Eschenburg, der Residenz des Brahms-Instituts. Ausführende sind meistens Dozenten und Studierende der MHL, an die das Brahms-Institut angegliedert ist. Wachsende Publizität und internationale Wahrnehmung ergeben sich aus der Digitalisierung des Archives, indem durch open access fast 50.000 Digitalisate per Internet allgemein und für Forschungszwecke zur Verfügung stehen. Da kann man u.a. im Adressbüchlein von Brahms blättern, ikonographische Preziosen bewundern und auch in alle Schumann-Erstausgaben schauen. Außerdem gibt es einen wichtigen konservatorischen Aspekt, denn die Originale können im Tresor bleiben und werden vor haptischen Schäden geschützt. Die heikle technische Umsetzung der Digitalisierung hat Mathias Brösicke von der Firma Dematon als externer Dienstleister übernommen, „dem ich ganz vertraue“, erklärt Wolfgang Sandberger. „Er weiß, wie in der Dunkelkammer neben dem Tresor mit einem hochkomplexen Gerät fachgerecht Autographe und Stichvorlagen zu scannen und hinterher digital so zu bearbeiten sind, dass man sie dreidimensional freistellen und in exzellenter Qualität präsentieren kann.“ Aufgrund dieses digitalen Fundus sind schon viele Experten und Interpreten wie der Dirigent Markus Poschner auf das Brahms-Institut aufmerksam geworden: Er hat dort Quellen für sein Projekt „Brahms rileggendo“ in Luzern (Schweiz) studiert.

Wissenschaft und Forschung

In Relation zu den vielfältigen wissenschaftlichen und organisatorischen Aufgabengebieten ist das Brahms-Institut personell eher bescheiden ausgestattet: Angestellt sind eine Sekretärin, der Musikbibliothekar Stefan Weymar und Wolfgang Sandberger als Leiter. Deshalb sind viele Projekte nur mit Drittmittel-Finanzierung möglich. Wobei seit Kurzem durch die Promotionsordnung der MHL auch Doktoranden temporäre Mitarbeiter werden können. Die erste war Andrea Hammes mit ihrer „exzellent evaluierten“ Dissertation (Sandberger) zum Thema „Brahms gewidmet“, zugleich am Brahms-Institut ein Forschungsschwerpunkt. Unterstützung kommt außer vom Land Schleswig-Holstein und der MHL noch u.a. von der Possehl-Stiftung, Volkswagen-Stiftung und Kultur-Stiftung der Länder. „Zwar ist es nicht immer ganz einfach, Drittmittel einzuwerben, aber wir sind auf einem guten Weg“, meint Wolfgang Sandberger. „Natürlich wäre es toll, wenn die erfolgreiche Arbeit am Brahms-Institut nach 25 Jahren verstetigt würde.“ Dann wären noch andere Optionen möglich, etwa Untersuchungen zur historischen Interpretationspraxis, wie sie etwa an Eintragungen auf Notentexten des Joachim Quartetts (aus dem erwähnten Wirth-Nachlass) zu erkennen sind.

Bibliothek und Netzwerk

Für die wissenschaftliche Institutsarbeit unbedingt notwendig ist, in Ergänzung der Stadt- und MHL-Bibliothek, ein spezieller Präsenzbestand von Publikationen zu Brahms und seinem Umfeld, der von Stefan Weymar verwaltet wird. „Herausragend sind die laufend aktualisierten Kataloge der J.A. Stargardt Autographenhandlung Berlin, weil sie eine Fundgrube für den Markt sind und wir dort sehen können, welche Autographe wann und wo zum Kauf angeboten worden sind“, sagt Wolfgang Sandberger.

Darüber hinaus werden Bücher zu Themen der Museumsausstellungen geordert, um etwa das Konzept zu validieren. Weiterhin müssen neu erworbene Briefe oder andere Dokumente in die Sammlung eingearbeitet und mit Signaturen versehen werden. Dafür ist Stefan Weymar verantwortlich und auch kuratorisch für Austellungen. Weil das Brahms-Institut Lübeck mit allen Brahms-Institutionen weltweit kommunikativ gut vernetzt ist, können gelegentlich sehr wertvolle Exponate gezeigt werden, wie im Mozart-Jahr 2006 das (auf mehrere Millionen taxierte) Autograph der g-Moll Symphonie, das Brahms besessen hat. Eine Leihgabe aus Österreich, vom Archivdirektor der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien Prof. Dr. Otto Biba ermög-licht, der in Verbundenheit mit dem Brahms-Institut den Festvortrag zum 25-jährigen Jubiläum hielt. - Gemeinsame Symposien fanden mit Kollegen in Zürich statt und sind in Publikationen dokumentiert. Solche Kontakte, auch nach England und in die USA zur American Brahms Society, konnten durch die Digitalisierung intensiviert werden.

Zukünftige Projekte und Perspektiven

Gerade wurde die Digitalisierung des Teil-Nachlasses von Theodor Kirchner, einem Freund von Brahms und Robert Schumann, abgeschlossen. Nun soll als nächstes ein Teil des Briefwechsels des Geigers Josef Joachim, Gründungsdirektor der Königlichen Musikschule Berlin, dem Brahms sein Violinkonzert gewidmet hat, veröffentlicht werden. Dieses Konvolut gibt u.a. Einblicke ins kulturelle Milieu eines jüdischen Salons in London, den Joachims Bruder Heinrich und seine Frau veranstalteten. „Ein anderes Projekt auf der Wunschliste ist die Untersuchung des Brahms-Bildes beim Brahms-Biographen Max Kalbeck, um die etwas einseitig-analytische Brahms-Rezeption nach Arnold Schönberg zu revidieren, da Brahms nicht primär als Protagonist der Moderne, sondern eben als Repräsentant des 19. Jahrhunderts verstanden werden muss“, begründet Wolfgang Sandberger seine Intention. Und nachdem das Verzeichnis zum Brahms-Briefwechsel herausgegeben wurde, soll nun die digitale Edition folgen. Die kritischen Forschungsarbeiten und Publikationen am Brahms-Institut Lübeck fächern also das gesamte Spektrum des Brahms-Vermächtnisses auf und stellen die Ergebnisse auch in Zukunft für ein breites Publikum zur Verfügung.

www.brahms-institut.de, www.mh-luebeck.de

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