Schaubude und Kasperspiel

Stefan Litwin realisiert die Moritat „Nacht mit Gästen“ von Peter Weiss als Musiktheater


(nmz) -
Anlässlich des 100. Geburtstags von Peter Weiss hat die Hochschule für Musik Saar dem langjährigen Hochschulprofessor Stefan Litwin einen Kompositionsauftrag erteilt. Mit dem Drama „Nacht mit Gästen“ als Textgrundlage der Komposition, wird das 1963 in Berlin uraufgeführte Bühnenstück wiederbelebt.

Das frühe dramatische Werk »Nacht mit Gästen« war der erste Schritt von Peter Weiss in dem Bemühen, die Theaterform der Schaubude wieder einzuführen. Es „gab keine Intrigen, und es wurden keine Seelen geschildert“, schreibt der Autor. „Jeder war ein Typ, leicht zu erkennen, mit greller Maske und groben Gebärden. Alle hintergingen alle. Und sie waren alle nur krachendes Holz und standen gleich wieder auf und grinsten mit ihren geschnitzten Gesichtern.“ Die Handlung ist einfach, das Personal überschaubar: Vater, Mutter, zwei Kinder, Gast und Warner. Nach und nach sterben alle bis auf die Kinder; sie bleiben übrig, verlassen „das Schlachtfeld“ und machen sich auf, den langen Weg alleine zu gehen. Die Figuren sind so gestaltet, dass Peter Weiss in „Nacht mit Gästen“ auch Elemente des Kasperspiels übernimmt: Hier wäre „das Grobschlächtige, Possenhafte zu entnehmen, die starken Effekte, das laut Herausgerufene, oft falsch Betonte, das Aggressive und Grauenhafte unter der scheinbaren Lustigkeit“.

Von Anfang an schwebte es Weiss vor, das Drama mit einer durchkomponierten Bühnenmusik zu realisieren. Er hatte sogar konkrete Vorstellungen hinsichtlich der klanglichen Umsetzung: „Eine durchgehende Komposition mit jahrmarkthaften Instrumenten“ sollte es sein. Stefan Litwin greift diesen Gedanken auf und geht einen Schritt weiter, indem er aus dem Bühnenstück ein abendfüllendes Musiktheater macht. Kompositorisch orientiert er sich an der proletarischen Ästhetik der Weimarer Republik, wie etwa an Brecht/Weills Dreigroschenoper oder an Kompositionen von Hanns Eisler, um sowohl das ärmliche Ambiente als auch den jahrmarkthaften Charakter zu vermitteln. Dabei wird ein entsprechendes Ensemble aus Holzbläsern, Streichern, Gitarre/Banjo, Klavier und Schlagzeug eingesetzt. Jedoch wird der Schaubudencharakter gerade durch Musik mit einem „höheren“ kompositorischen Anspruch gebrochen und dadurch die gewünschte theatralische Verfremdung auch auf musikalischer Ebene gewährleistet.

Das Besondere an dieser Produktion ist der Vermittlungsgedanke: Nach der eigentlichen Produktionsphase, die in die Uraufführung und zwei Folgevorstellungen mündet, macht sich das studentische Ensemble im Herbst gemeinsam mit Litwin auf, das Musiktheater in saarländische Schulen zu bringen. Durch eine variable und schnell  auf- und abbaubare Szenerie können Gastspiele ohne größeren zusätzlichen Aufwand erfolgen und somit einen wichtigen Beitrag zum kulturellen Schulleben leisten. Danach steht das Stück auch bundesweit mindestens bis zur Saison 2017/18 zur Verfügung.
 
Stefan Litwin: „Nacht mit Gästen“ – Eine Moritat in einem Akt als Musiktheater. Für 6 Darsteller und 8 Instrumente nach dem gleichnamigen Theaterstück von Peter Weiss.
Uraufführung : 21. Oktober 2016 in der Hochschule für Musik Saar. Komposition und musikalische Leitung: Stefan Litwin, Regie: Frank Wörner, Ausstattung: Annette Wolf, Dramaturgie: Eva Behr.

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