Schweriner Festspiel-Rausch mit Folgen

Verdis „Rigoletto“: Stadtwerbung und das Problem künstlerischer Gastarbeiter


(nmz) -

Kein Freilichtspektakel, sondern Oper, Freilichtoper in Schwerin, anderthalb Monate jeden Abend das gleiche Spiel: die größten Opern-Open-Air-Festspiele Deutschlands. In diesem Sommer mit „Rigoletto“, die sechste Produktion. Die Internet-Seite der Landeshauptstadt winkt mit einem Verona-Vergleich: „Im größten Festspielmagazin Europas (welches das ist, bleibt in der Stadtwerbung offen) rangierten die ‚Schlossfestspiele Schwerin‘ 2003 im internationalen Vergleich erstmals auf Platz sieben“ mit international bekannten Solisten, großen Chören und der traditionsreichen Mecklenburgischen Staatskapelle Schwerin (abermals Stadtwerbung). Die Werbung für die von Arbeitslosigkeit und Kulturabbau gezeichnete Stadt greift.


Touristen werden wieder busladungsweise anreisen und inmitten des „unübertroffenen Architektur-Ensembles“ sitzen (Stadtwerbung). Die Kulturwerbung zieht seit Jahren auch in Polen: Von dort holt sich das Schweriner Theater die Sänger, die das Markenzeichen der „großen Chöre“ (Stadtwerbung) erst sicht- und hörbar machen. Das hauseigene Chorpersonal wurde nämlich um rund ein Drittel reduziert, worüber die Stadtwerbung schweigt.

Derweil läuft die Probe auf Hochtouren. Unter Sonnenschirm eins der Regisseur samt Regietisch, aufgebaut in der Mitte von Zuschauerreihe 12. Mittig vor der ersten Reihe Sonnenschirm zwei, darunter mit Pult der Dirigent. Links von ihm unter Zeltplane am Klavier der Pianist. Unbeschattet, weil ohne festen Standort, die Dolmetscherin. Ohne Sonnenschutz auch die 50 Chorsänger auf der Bühne, darunter 35 Polen. Die anderen 15 sind Deutsche, die festangestellten Herren des Theater-Chors.

Seit der zweiten Freilichtopernproduktion Nabucco im Jahr 2001 stocken Polen den Theater-Chor nicht nur auf, sondern stellen wie in diesem Jahr in Rigoletto mehr als zwei Drittel der Mannschaft. Die Unbeschattete, Elzbieta Rachwal, eilt in drückender Hitze zwischen Sonnenschirm eins und zwei hin und her, zwölf Zuschauerreihen hinauf und wieder hinab bis auf die Bühne zu den polnischen

Sängern. Zwecks dolmetschen. Sie, die Polin, ehemals Mezzosopranistin, erst fest an polnischen Bühnen und in Leningrad, dann freischaffend in Deutschland, so auch mal in Schwerin, schlug dem Schweriner Theater die polnische Chorverstärkung vor. Von „schöner, nun schon fünfjähriger Tradition“ sprechen die einen, von „daraus erwachsener Mehrarbeit und längeren Probenzeiten“ klagen andere, von „Dumpingpreisen und Tarifdrückern“ mutmaßen Dritte. Probleme, Konflikte?!

Auf der Ebene der Leitung werden keine gesehen, im Gegenteil, so der Leiter des Theaters, Joachim Kümmritz: „Wir brauchen uns nicht zu kümmern, sie organisiert das perfekt“, berichtet er von Frau Rachwal, die eine Vermittlungsagentur, das „Impresariat Rachwal“ mit Sitz in Gdynia gründete. Das Schweriner Theater würde die Organisation von 35 ausgebildeten Zusatzsängern en bloc für die Dauer von zweieinhalb Monaten, Proben und Aufführungen inbegriffen, schwerlich packen. Sie packen schon anderes: „Die Freilichtopern laufen parallel zu unserem normalen Spielplan. Wir spielen vom 1. August bis 31. Juli durch. Das muss erst mal organisiert sein einschließlich Urlaub für alle Mitarbeiter. Diese Opern machen wir also zusätzlich.“ Dazu muss jeden Sommer neu alles wieder aufgebaut werden, von der Toilette, den Zuschauertraversen bis zu den Beleuchtungs- und Tonanlagen: „Mit unseren eigenen Leuten. Das ist ein weiterer Kraftakt.“

In Schwerins Mitte ähnelt der Platz zwischen Theater, Museum und Schloss, einzigartige Kulisse für Opernaufführungen, einem Amphitheater, hineingestellt in den Straßenverkehr. Wie die Proben neigen auch die Aufbauarbeiten dem Ende zu. Neben der Plane überm Klavier reckt ein Kran seinen Arm und legt Planken zum Podest zusammen, dem künftigen Orchesterplatz. Schwenkt er herum, versperrt er der Regie die Sicht. Bühnenarbeiter knüpfen letzte Strippen. Sänger singen gegen den Lärm an. Frau Rachwal übersetzt.

„Eine tolle Dolmetscherin“, betont Peter Marschik, der musikalische Leiter des Rigoletto. Auch er sieht keine Probleme: „Wenn ich was vom Chor will, in erster Linie sind das Fragen der Tempi, geht das über sie. Aber ich brauch mich nicht an sie zu wenden, sie hört sowieso mit, und in dem Moment, wo sie merkt, dass ich mich an den Chor richte, steht sie bereit, automatisch.“ Elzbieta Rachwals Aufmerksamkeit ist ungebrochen, an sie eine Frage zu richten, ist fast unmöglich. Zum Antworten hat Agata Rachwal Zeit, ihre Tochter, seit Abschluss des Jurastudiums als zweite Person im „Impresariat Rachwal” tätig, für ihrer Ausbildung entsprechende Aufgaben. Für die Kunst sorgt allein Mutter Elzbieta Rachwal: sie sucht die Sänger zusammen, lässt sich vorsingen, wählt aus und beauftragt die Auserwählten mit dem individuellen Studium der Chorpartitur. „Exzellente Sänger“, wiederholt Agata mehrmals, „eigentlich sind die meisten Solisten und keine Choristen. Absolute Spitzenkräfte.“ Sind die denn dann mit der Entlohnung als Choristen zufrieden? Darauf keine Antwort, stattdessen fährt sie fort: „Danach organisieren wir für die Sänger zwei gemeinsame Proben in Städten, in deren Nähe der Großteil von ihnen wohnt.“ So fand eine Rigoletto-Probe im Süden und die andere im Norden Polens statt, in für die Proben gemieteten Sälen und unter Elzbietas Leitung. Sie meldet anschließend den Vollzug der Einstudierung nach Schwerin. „Und ich reise in Polen an, für eine Probe“, erzählt der Chordirektor Michael Junge.

Auch hier alles problemlos: In dieser Probe kann Junge eine Feinauslese treffen. Sein Auswahlprinzip ist nicht nur die Gesangsleistung, er beurteilt auch das Spielvermögen. „Oper ist geformte Absicht. Der Chor darf sich nicht hinstellen, als ginge es um einen Madrigalgesang. Er muss Szenen darstellen.“ Er ist mit Frau Rachwals Sängern zufrieden. Noch zufriedener ist er mit der Probendisziplin: „Sechs Stunden hintereinander arbeite ich mit ihnen. Das würde hier keiner machen.“ Hier in Schwerin achten die festangestellten Choristen auf die laut Tarifvertrag festgelegten Probenzeiten. Michael Junge hat zuvor mit den 15 Herren des Theater-Chores den Rigoletto von der ersten Verständigungsprobe an einstudiert, sozusagen von Null bis zu dem Stand, an dem die polnischen Herren dazukommen, und die Proben nun als Groß-Chor weitergehen.

Aber weiter nach hiesigem Arbeitsrecht! Probleme? „Absprachen mit uns sind unumgänglich, wenn längere und mehr Proben nötig sind.“ Reinhard Strey spricht als Nicht-Leiter, er ist einer der deutschen Chorherren, der Chorvorstand, und muss Konflikte verhindern helfen. Zwar hatte Chorleiter Junge mit den Polen bis zu diesem Zeitpunkt keine Arbeit, sondern nur mit den Deutschen, „aber jetzt werden Mehrproben wegen der polnischen Kollegen unumgänglich.“ Da geht es um die Angleichung beider Chorteile, es geht um Phrasierungen und um die Aussprache. „Statt ‚âme-ssa‘ klingt es immer wieder wie ‚âmes-sa‘. Wenn von 50 Sängern 35 diesen S-Fehler machen, dann ist der Text verdorben.“ Also noch einmal probiert und noch einmal erklärt. Selbst wenn das Dolmetschen perfekt klappt, „das dauert einfach. Man braucht Zeit“. Außerdem haben die 15 Schweriner Choristen schon szenisch vorgeprobt, das müssen die 35 Neuankömmlinge aufholen. Deshalb Mehrproben, deshalb Absprachen. „Wir einigen uns immer, es gibt kein Gegeneinander mit der Leitung. Aber schief angeguckt werden wir doch.“ Aber schief gucken auch die deutschen Sänger, wenn dann zwischen den Rigoletto-Proben die polnischen Kollegen noch Extra-Proben für die geplante konzertante Aufführung von Ödipus Rex einschieben.

„Die sind hochmotiviert“, Ines B., auch Mitglied des Theater-Chores, versteht: „Für sie hängt zu viel dran.“ Nicht nur das Engagement, auch die Bezahlung. „Wir wissen nicht, für wieviel sie arbeiten.“ Für Dumpingpreise? Theaterleiter Kümmritz weist das zurück: „Alles läuft korrekt, immer übers Arbeitsamt.“ Die Mitarbeiter der Regionaldirektion Nord in Kiel bestätigen: Aufenthalts- und Arbeitsgenehmigungen laufen über ihr Amt. Das bedeutet: „Vergleichbare deutsche Monatslöhne.“ Zuzüglich zahlt ihnen das Theater, und das weiß nun jeder, die Fahrt Polen-Schwerin-Polen, die Unterkunft in Schwerin und die Kost in der Kantine, sogar die Straßenbahnkarten. Das wäre das Gegenteil von Dumpingpreisen. Kümmritz: „Sie haben viel höhere Kosten, als jemand, der hier lebt. Also unterstützen wir sie, sie sollen gern kommen.“

Kommen sie denn nicht gern, dankbar gar fürs Engagement? Aber sicher, keiner zweifelt daran. „Außerdem, wenn die Probenzeit vorbei ist, abends nur die Vorstellungen laufen, dann ist das für unsere polnischen Gäste wie Urlaub mit positivem Nebeneffekt. Man sieht sie beim Shopping, am Schweriner See, sie wohnen ja auch wie die Touristen in Pensionen“, erzähltdie Pressevertreterin des Theaters. Agata Rachwal allerdings berichtet anderes: „Es ist überhaupt nicht so einfach, Sänger fürs Ausland zu gewinnen, speziell für Deutschland. Es gibt Vorbehalte, auch wenn die langsam abnehmen. Außerdem sind zwei Monate Trennung von der Familie hart, Frauen lassen sich noch weniger darauf ein.“

Nur zehn, zwölf Polen kommen immer wieder, sind bei jeder Inszenierung dabei. Sie werden von den Schweriner Theaterleuten wie alte Bekannte per Umarmung begrüßt. Zur Mehrheit der Gastkollegen gibt es wenig Kontakte. „Es sind zu viele und zu viele Neue. Das ist ganz normal.“ Ines B. erinnert sich an die Nabucco-Inszenierung, als zum ersten Mal Polen dazukamen, das waren nur 16 Personen. „Die wurden zur Szenenerarbeitung Deutschen zugeteilt, immer in kleinen Gruppen. Das ergab automatisch ein herzliches Verhältnis. Man hatte damals allerdings das Gefühl, dass das nicht so gewollt war.“ Wie auch immer, von diesem Gefühl ist nichts geblieben. Auch die kollegialen Zuteilungen sind entfallen. In der aktuellen Inszenierung agieren größere Gruppen nur deutscher und nur polnischer Sänger.

Sonne über Bild sechs, Takt fünfzig. Polnische Sänger nehmen ihre Plätze ein. Durchlauf: Zwölf deutsche kommen auf die Bühne, überqueren sie bis zum Brunnen und nehmen dort ihre Position ein. Arie Rigoletto und Positionswechsel der Deutschen. Regie: „Zu früh! Alle deutschen Herren noch einmal zum Brunnen! Erst auf vorletztem Ton weggehen!“ Wiederholung und weiter im Takt: fünf Polen betreten die Szene von der Treppe herab, sieben von der linken und ein Dutzend von der rechten Seite. Alle 35 sind jetzt auf der Bühne, der Groß-Chor ist vollständig. Und vollstimmig der Gesang. Reinhard Strey: „Es ist ein Ansporn, zusammen zu singen, der größere Klang beflügelt.“ Mittagspause.

Ein Gespräch mit polnischen Sängern nach der Mahlzeit ist verabredet. Elzbieta Rachwal, nun auch in Pausenstimmung, will Gesprächspartner vermitteln. Der Termin ist da – und alle Polen außer Haus, 35 Herren samt beider Damen des „Impresariats Rachwal“. Sang- und klanglos. Es gab Protest. Warum? Weil das Interview mit Tochter Agata angeblich auch eine Frage nach dem Honorar für die polnischen Sänger enthielt! (Tatsächlich enthielt es nur die unbeantwortet gebliebene Frage nach den Choristen-Gagen für die angeblichen Solisten. Siehe oben.)

eshalb der demonstrative Rückzug?

Deshalb treten sie zu fünfunddreißigst in Reih und Glied ab? Gibt es doch was zu verbergen? „Frau Impresaria hält ihre Schäfchen zusammen,“ oder: „Sie weiß, wie sie ihre Jungs ansprechen muss“, heißt es an den Kantinentischen. Von „Betreuung“ hatte Agata Rachwal erzählt: „Unsere Sänger werden immer von uns vor Ort betreut.“ Ist das eine elegante Umschreibung? Sprichwörtlich ist ein Fall von Entlassung nach übermäßigem Trinken bei einer Theaterfeier. „Da gibt es bei Rachwals wohl kein Pardon.“

Vermutungen. Die Betroffenen müssten selber berichten! Aber sie sind weg. O.K., bleiben wir eben bei den „deutschen“ Problemfeldern. Warum werden Polen engagiert, wo doch in Deutschland abgebaute und nichtengagierte Sänger herumtingeln? Der Schweriner Theater-Chor hatte einstmals 44, heute 28 Mitglieder. Theaterleiter Kümmritz: „Wir haben es versucht. Für zehn lange Wochen kriegt man nicht die entlassenen Sänger aus Magdeburg, aus Wuppertal oder sonst woher zusammen. Wir brauchten 35 Personen, letztes Jahr sogar 55. Irgendwie haben sie alle Verpflichtungen. Wenn das anders wäre, würde die Agentur für Arbeit nicht mitspielen.“

Die Mitarbeiter bestätigen: Bevor sie genehmigen, findet über ihren Künstlerdienst eine Arbeitsmarktprüfung statt. Aber die Polen, haben sie keine Verpflichtungen? Sie haben locker zehn Wochen Zeit? Darüber hat Kümmritz noch nicht nachgedacht. “Ich freue mich, dass wir sie haben, und dass die Opern-Inszenierungen so gut ankommen.”

Fünfzigtausend Zuschauer werden erwartet. Das war der jährliche Durchschnitt. Nabucco zog zweiundsiebzigtausend an. Fünfzig Prozent des Publikums kommt nicht aus dem Schweriner Umfeld, sondern aus Entfernungen von mehr als 200 Kilometern angereist. Mecklenburg-Vorpommern ist ein Tourismusland.

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