Staunen, Verstörung

Das Finale von Bruckners 9. Sinfonie


(nmz) -

Vervollständigungen fragmentarisch überlieferter Werke sind für die Musikwissenschaft Segen und Fluch zugleich. Segen, weil das Fach selten Gelegenheit hat, seine Legitimation so öffentlichkeitswirksam zu beweisen. Fluch, weil man es bei dieser heiklen Tätigkeit niemandem Recht machen kann: dem Musikliebhaber nicht, dem das Unvollendete schon so ans Herz gewachsen ist, dass ihn eine Rekonstruktion als Schändung des Heiligtums schmerzt; dem Kollegen von der forschenden Zunft nicht, der alles ganz anders und selbstredend viel besser gemacht hätte – hätte man ihn nur gelassen.


Kaum anders liegt der Fall des Finales von Bruckners neunter und letzter Sinfonie, mit einem entscheidenden Unterschied: Im Gegensatz zu Mozarts Requiem oder Mahlers Zehnter hat die Diskussion sehr spät eingesetzt, erreicht erst jetzt mit der zeitnahen Veröffentlichung dreier Einspielungen sowie einer Buchpublikation ihren vorläufigen Höhepunkt und ein breiteres Publikum. Grund dafür ist die lange Zeit auch von Musikhistorikern gestützte Einschätzung, Bruckners Neunte bedürfe des Finales eigentlich gar nicht, runde sich allein mit dem visionären Adagio zum ergreifenden Schwanengesang des kranken Sinfonikers, ja Bruckner selbst habe dies im Grunde gespürt und deshalb nur Bruchstücke eines Finales hinterlassen.

Wenig bekannt (gemacht) war indes, wie weit diese Arbeit schon gediehen war und wie leicht eine aufführbare Version hätte erstellt werden können, wären nicht im Zuge schlampiger Nachlassverwaltung Manuskriptseiten verloren gegangen. Dass das Vorhandene immer noch ausreicht, um sich ein ebenso faszinierendes wie verstörendes Bild vom Stand der Finalkonzeption zum Zeitpunkt von Bruckners Tod zu machen, dafür geben die im Rahmen der Gesamtausgabe beim Musikwissenschaftlichen Verlag (Wien) veröffentlichten Noten ebenso Zeugnis wie die nun vorliegenden Tondokumente.

Dabei gehen sie von drei konträren Prämissen aus: Die zum ersten Mal 1998 erschienene und nun bei Naxos wiederveröffentlichte Aufnahme präsentiert die von dem Autorenteam Samale – Phillips – Cohrs – Mazzuca besorgte Vervollständigung des Finales (schon Eliahu Inbal hatte sie in seine Gesamtaufnahme miteinbezogen); BMG dokumentiert das Gesprächskonzert von den letztjährigen Salzburger Festspielen, bei dem Nikolaus Harnoncourt zunächst das überlieferte Material in seiner fragmentarischen Form erläuterte und dirigierte, bevor die Wiener Philharmoniker nach der Pause die drei überlieferten Sätze (hinreißend) spielten; Peter Hirsch schließlich legt bei Sony seine Version dieser Fragmente vor und koppelt sie mit Georg Friedrich Haas‘ großartigem „Torso“, nach Schuberts unvollendeter C-Dur-Klaviersonate (D 840). Bleibt bei Hirsch die Sinfonie also in ihrer liebgewonnen dreisätzigen Form unangetastet (weil gar nicht gespielt), so wird diese bei Harnoncourt vom eingangs gehörten Finalmaterial zumindest indirekt affiziert, während die Naxos-Aufnahme ganz auf den rekonstruierten Schlusssatz zuläuft.

Nichts leichter als an dieser Vervollständigung herumzumäkeln, gäbe es da nicht einen Haken: Vereinfacht gesagt klingt (von der auf viel Spekulation angewiesenen und wenig überzeugenden Coda abgesehen) das Rekonstruierte eher nach Bruckner als das Originalmaterial; als würde die Sprengkraft seiner Inspiration vom geballten Musikologenwissen mehr eingeebnet denn freigelegt. Man wird das Gefühl nicht los, dass da irgendetwas nicht stimmen kann und hat auch am hemdsärmeligen Spiel der Neuen Philharmonie Westfalen unter Johannes Wildner wenig Freude.

Ungläubiges Staunen dann vor den im Original belassenen Fragmenten: Nicht, dass Bruckner eine monumentale Ausdehnung konzipierte und wie in den vorausgegangen Sätzen zu neuen Formlösungen vorstieß, verwundert, sondern die Kompromisslosigkeit der thematischen Setzungen und ihrer Verarbeitung. Aus der punktierten Urzelle speist sich nicht nur das unwirtliche, das chromatische Total ausschreitende Hauptthema, sondern auch die Gesangsperiode, die – zunächst desolat kreisend – erst durch die Gegenstimme zu einer solchen wird. Am ehesten darf man sich noch beim grandiosen Choralthema zu Hause fühlen, das in der Exposition an der üblichen dritten Position steht. An die Durchführung (hier reißt die erste Lücke im Überlieferten auf) schließt sich dann aber eine derart gewagte Fugenexposition an, dass deren fehlende Fortführung beinahe schon außerhalb des Vorstellungsvermögens liegt. Und ein neues triolisches Hörnerthema mündet nach zunächst triumphaler Geste buchstäblich im Nichts, was dem Eintritt der Reprise mit der Gesangsperiode den Charakter des Ratlosen, Vorläufigen verleiht.

Hinzu kommen harmonische Härten, von denen die in Harnoncourts Gesprächskonzert einer geglätteten Variante gegenübergestellte nur die exponierteste ist (Track 3, T. 259–262; bezeichnend, dass sich die erste Trompete beim Gesamtdurchlauf des ersten Fragments in Track 2 an dieser Stelle verspielt und die beißende None zu früh in die Oktav auflöst). Dem Staunen über Bruckners Kühnheiten steht freilich auch die Enttäuschung über manches nicht nur unfertig, sondern auch uninspiriert wirkende gegenüber, so etwa über einige wenig zwingende Steigerungspartien. Sie führen uns auf den Boden der Realität zurück, die nun einmal besagt, dass Bruckner Aufführungen dieser Fragmente wohl ebenso abgelehnt hätte wie diejenigen seiner Sinfonie in dreisätziger Gestalt. (Bekanntermaßen verfügte Bruckner, dem Adagio das Te Deum folgen zu lassen, was sich jedoch nicht durchsetzte.)

Insofern ist dem Bruckner-Forscher Manfred Wagner zuzustimmen, der im neuen Band der Musik-Konzepte klarstellt, „daß es eben keinen kompletten Finalsatz der Neunten Symphonie gibt und daher weitere Aufführungen wenn überhaupt dann nur zu Studienzwecken legitim sind“ (S. 210) Es ist schade, dass dies die einzige in diesem Sinne kritische Stimme in der Aufsatzsammlung ist, die es sich ansonsten zum Ziel gesetzt hat, den Finalsatz und – wie die Autoren meinen – damit die Sinfonie als Ganze „aus dem Fegefeuer der Rezeption“ zu retten. Am stärksten engagiert sich hier Benjamin-Gunnar Cohrs, der den Band zusammenstellte und die meisten Beiträge schrieb. Sympathisch ist dabei sein Einsatz in der Sache, den er auch in den Booklettexten zur BMG- und zur Naxos-Aufnahme an den Tag legt, über jeden Zweifel erhaben die fachliche Kompetenz, mit der er und auch der Herausgeber der Fragmente John A. Phillips arbeiten (ihrem gemeinsamen Beitrag ist dankenswerterweise ein Übersichts-Particell beigefügt); weniger sympathisch dagegen der Tonfall, mit dem Cohrs Andersdenkende bisweilen abfertigt. Etwas mehr Gelassenheit den wissenschaftlich fragwürdigen Freiheiten gegenüber, die Peter Hirsch sich erlaubt (und die Cohrs in einem Leserbrief an die Neue Zeitschrift für Musik geißelte), wäre dem Gegenstand durchaus angemessen.

Semantische Deutungsversuche von Hartmut Krones und Constantin Floros ziehen die nahe liegenden Querverbindungen zum Gesamtschaffen des Komponisten; ausführliche diskografische und bibliografische Angaben sowie Statements dreier für das Finalfragment sich einsetzender Dirigenten runden den gleichwohl brisanten und aufschlussreichen Band ab. (In der Transkription von Harnoncourts Konzerteinführung wurde glücklicherweise seine aus der Luft gegriffene Hypothese gestrichen, in der Finalcoda habe Bruckner geplant, Themen aus mehreren seiner Sinfonien übereinander zu türmen.)

Hirschs vom Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin gut präsentierte Lesart mag an der Legende des Unvollendeten weiterstricken; als eine nur von Pausen, nicht aber von Zwischentexten unterbrochene Alternative zur Wiener Aufnahme bleibt sie willkommen. Nikolaus Harnoncourt macht vor, was in einem solch heiklen Fall gefragt ist: ein Vermittler zwischen Forschungszusammenhängen und klingender Konsequenz, ein Charismatiker, der den Fluch der Vervollständigung bannt.

Diskografie

Franz Schubert/Georg Friedrich Haas: „Torso“. Nach der unvollendeten Klaviersonate C-Dur, D 840; Anton Bruckner: IX. Symphonie – Finale (unvollendet). Dokumenation des Fragments (vorgelegt von John A. Phillips; Revision: Peter Hirsch);
Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin, Peter Hirsch
Sony Classical SK 87316

Anton Bruckner: Symphonie Nr. 9. Mit der Dokumentation des Fragments (hrsg. von John A. Phillips); Wiener Philharmoniker, Nikolaus Harnoncourt
BMG Classics (RCA Red Seal) 82876 54332 2 (2 CDs)

Anton Bruckner: Symphonie Nr. 9. Mit der Aufführungsversion des Finales von Samale – Philips – Cohrs – Mazzuca; Neue Philharmonie Westfalen, Johannes Wildner
Naxos 8.555933-34 (2 CDs)

Buch versandkostenfrei im Bruckners Neunte im Fegefeuer der Rezeption (Musik-Konzepte Heft 120/121/122; in Zusammenarbeit mit Benjamin-Gunnar Cohrs hrsg. von Heinz-Klaus Metzger und Rainer Riehn), München (edition text & kritik) 2003. 245 S.; € 26,00, ISSN 3-88377-738-2