Streicheleinheiten für die russische Seele

Ein Moskauer Sender strahlt Klassikmagazine der Deutschen Welle aus


(nmz) -
Ein Artikel von Kerstin Willers

Die Deutsche Welle (DW) verstärkt ihr Engagement in Osteuropa: Der russische Sender Radio Orpheus wird vom 1. Juli an ein Programmpaket mit klassischer Musik übernehmen. Den Auftakt macht die mehrteilige Transkriptionsserie „Große Interpreten des Jahrhunderts“, in der internationale Künstler porträtiert werden. Im Rahmen der Transkription übersetzt die DW bereits Sendungen in sieben Sprachen und läßt sie durch insgesamt rund 700 Partnersender in der ganzen Welt ausstrahlen. Mit im Paket für Radio Orpheus ist das wöchentliche Magazin „Klassik“ der russischen Redaktion der DW.
Ein Sänger braucht einen breiten Brustkorb, ein großes Maul, 90 Prozent Gedächtnis, 10 Prozent Intelligenz, harte Arbeit und ein wenig Herz.“ Das können die Hörer des russischen Klassiksenders Radio Orpheus demnächst aus dem Munde des italienischen Operntenors Enrico Caruso hören und durch die Deutsche Welle in Köln. Denn Carusos Erfolgsrezept ist Teil der Jahrhundertserie „Große Interpreten“, die seit letztem Jahr erfolgreich im Deutschen Programm der DW läuft, derzeit ins Russische übersetzt und bald von Radio Orpheus in den europäischen Teil Rußlands ausgestrahlt wird.

Die Reihe bringt, in jeweils 30minütigen Sendungen, die Porträts von 26 international bedeutsamen Künstlern wie Sergiu Celibidache, Anne Sophie Mutter, Glenn Gould, Agnes Baltsa. Durch Konzertmitschnitte, aber auch durch die Einbeziehung von persönlichen Episoden, Zitaten und Zeitzeugenberichten werden die Interpreten nicht nur als große Meister auf der Bühne erfahrbar, sondern auch als Menschen hinter den Kulissen. „Wir wollen zeigen, wer das Musikleben in Deutschland geprägt hat“, erklärt DW-Musikchef Gero Schließ. Gemäß seines gesetzlichen Sendeauftrags soll und will der Auslandsrundfunk mehr vermitteln als Nachrichten und Unterhaltung, er will ein „Fenster nach draußen“ sein, Botschafterin in Sachen deutscher Kultur.

Die Transkription – die Übersetzung und zeitversetzte Ausstrahlung von Sendungen – spielt dabei eine wichtige Rolle. Die DW sendet ihre Programme aus Köln flächendeckend weltweit per Satellit, aber auch per Kurzwelle, inklusive der kurzwellentypischen Nebengeräusche. Wenn Partnersender die Programme der DW, die sie auf CD oder via Satellit erreichen, auf ihren UKW-, Mittel- oder Langwellen ausstrahlen, ist nicht nur der Empfang besser, sondern die Sendungen kommen, dank der Stammhörerschaft der lokalen Stationen, auch mehr Menschen zu Ohren. „Wenig Aufwand, sehr effizient“, freut sich Schließ. Die Kooperation mit dem russischen Sender sei für die DW ein wichtiger Durchbruch: „Wir haben damit einen Fuß in eine Tür gesetzt, die uns ein sehr wichtiges Gebiet erschließt.“

Das staatliche Radio Orpheus, während der Perestroika aus dem Staatsrundfunk hervorgegangen, gilt in Rußland als Klassiksender Nummer Eins: 18 Stunden täglich sendet es von Moskau aus Werke, Hintergrundberichte und Interviews mit Künstlern in die Gebiete westlich des Urals, ist Mitveranstalter von Konzerten und Festivals. Die technische Reichweite beträgt 27 Million Hörer; rund zwei Millionen schalten einer Studie vom März 1998 zufolge regelmäßig ein. Die „Intelligenzija“ gibt der werbefreie Sender als seine wichtigste Zielgruppe an – Künstler, Ingenieure, Lehrer, Professoren. Aber die Leidenschaft für klassische Musik ist in Rußland noch viel weiter verbreitet.

„Klassische Musik gehört zum Lebensgefühl vieler Russen einfach dazu“, sagt Anastasia Boutsko, gebürtige Moskauerin, seit vier Jahren Musikredakteurin in der russischen Redaktion. Klassischer Musikunterricht hat in Rußland Tradition: Früher war er für Kinder kostenlos, und auch heute noch werden die Musikschulen, trotz leerer Staatskassen bezuschußt. Deutsche Klassik steht bei den Russen besonders hoch im Kurs. Das hat auch historische Gründe. Die ersten russischen Konservatorien und klassischen Musikschulen, beispielsweise in Moskau und Petersburg, wurden von Deutschen gegründet, die grundlegenden Musiklehrbücher von Deutschen verfaßt. „Die deutschen Komponisten waren in Rußland immer Götter“, sagt Anastasia Boutsko, „daran konnten auch Kriege und Katastrophen nichts ändern.“ Auch die derzeit schwierige wirtschaftliche Situation in Rußland überlagert den Sinn für Schönes nicht, eher im Gegenteil. „Viele Leute sind zur Zeit arbeitslos – was bleibt denen, außer ihrer Leidenschaft?“, gibt sie zu bedenken. „Je schlechter die Zeiten sind, desto mehr brauchen die Leute etwas für die Seele. Das war in Rußland schon immer so, heute gilt es vielleicht mehr denn je.“

Neben den „Großen Interpreten“ übernimmt Radio Orpheus auch das wöchentliche Magazin „Klassik“ der russischen Redaktion, das 15 Minuten lang aktuelle Informationen aus der deutschen Musikszene und andere Highlights bringt, zum Beispiel die Vorstellung eines Buches über die „Liebesbriefe der großen Musiker“ in Form einer literarischen Komposition: Moderation mit Textauszügen und Musik. Der Sender, dem im vergangenen Jahr laut seiner Generaldirektorin Olga Gromova nicht eine einzige Kopeke überwiesen worden ist, bekommt das Programmpaket umsonst. Für die Deutsche Welle fallen verhältnismäßig geringe Kosten an: etwa 50.000 Mark für die Übersetzung der Texte, Studioaufnahme und Vertrieb, schätzt Musikchef Schließ. Der russischen Hörerschaft wird die Serie der „Großen Interpreten“ noch auf eine ganz spezielle Weise angepaßt: Drei der 26 Interpreten kommen nicht mit ins Paket – die russischen. „Horowitz, Rostropowitsch, Gilels – das sind unsere ganz großen Götter, die kennen wir in- und auswendig“, sagt Anastasia Boutsko, „in nur dreißig Minuten kann man ihre Werke nicht beschreiben.“ Das soll das Ansehen der anderen nicht schmälern: Natürlich könne man auch beispielsweise über die Callas nicht alles in einer halben Stunde erzählen, dessen ist sie sich bewußt. „Aber das ist die russische Spezifik: man kennt sich einfach zu gut aus.“

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