Synapsen, Stern und Klang

„Die wunderbare Notwendigkeit auf der Suche nach dem Unmöglichen“: das Pfingstsymposion 2011


(nmz) -
Zwischen Hellsichtigkeit und scheinbar offen zu Schau gestellter Naivität erkundet Ulrike Trüstedt jedes Jahr aufs Neue ihre archaisch anmutenden Themen. Und manchmal trifft sie dabei einen Nerv der Zeit: „Werden wir von einer stromlinienförmigen, eindimensionalen, Intellekt-lastigen Lebensform dominiert?“, fragte sie in diesem Jahr.
Ein Artikel von Friederike Haupt

Das Pfingstsymposion 2011 trägt den Titel „Geheimnis“. Weit gefehlt, wer jetzt an Novalis denkt, an die „Entzauberung der Welt“ oder an unbewusste Tiefen der menschlichen Psyche im künstlerischen Formprozess. Die Referenten suchten „Geheimnis“ anderweitig. Schließlich versteht sich das Symposion als „internationales Kultur Forum, welches Themen der Neuen Musik interdisziplinär zur Diskussion stellt“, und da hat auch ein Vortrag über WikiLeaks (hervorragend runterberlinert von Constanze Kurz) seinen Platz. Beeindruckend ist die Liste der Referenten des Symposions über die Jahre (im Web zu begutachten) und zeigt Zeitgeist im besten Sinne. Dennoch ist die Fallhöhe zwischen den einzelnen Beiträgen oft beträchtlich, wie leider auch in diesem Jahr wieder. Doch gleich zu Anfang sei gesagt, der große Brückenschlag zwischen Kunst und Wissenschaft gelang – erlebbar in den beiden Abendvorträgen am Freitag und Samstag, die sich keineswegs aufeinander bezogen, aber durchaus vom Publikum in Beziehung zueinander gesetzt wurden. Das Gespräch, das sich zwischen Publikumsgrüppchen an kleinen Stehtischen in der Bibliothek des Carl-Orff-Zentrums entspann­te, war gewollt und unauffällig inszenierter Teil des Symposions. Davon hätte man gerne mehr und vor allem mehr Publikum. Die spannenden Inhalte jedenfalls waren da: Flankiert von bewegten Bildern des Hubble-Weltraumteleskops, die die NASA zur Verfügung gestellt hat, zeigte Dr. Josef Gaßner mit einem faszinierenden Wurf Fragen nach dem Werden und Vergehen von Galaxien auf, und die kleine nicht unwichtige Frage nach dem Leben. Aufnahmen von Sternenwolken, Sonnen und Planeten, Millionen von Lichtjahren entfernt, belichteten nicht nur unser Universum und unsere Position im Raum, sondern – und es ging wohl einigen im Publikum so – auch das Geheimnis der Entstehung der Klänge von Bettina Skrzypczak vom Vorabend. Der popularwissenschaftlich hochnivelliert angelegte Vortrag Gaßners über das Universum wurde durch ätherische Klangeinlagen von Dieter Trüstedt unterbrochen. Ein lobenswerter Einfall, um zu Bildern aus dem Teleskop einer ad hoc entstehenden Musik zu lauschen, die das Hirn sanft in den Alphazustand schaukelt. Auch dazu kann Musik dienen, eben nichtautonom, Hirnwellen einfach zu ordnen, ohne Anspruch und Geltungsbedürfnis.

Völlig anders die hochintellektuelle, aufwühlend konzipierte Arbeit der Komponistin Bettina Skrzypczak, deren Vortrag und Musik den Freitag­abend füllten. Am Anfang stand „Daphnes Lied“ für Klavier. Aggressiv attackierende Akkorde wechseln mit transzendenten Farben, die einzelne Intervalle und Töne ausleuchten, als sollten sie auf ihre Ursubstanz hin überprüft werden, (engagiert Jan-Philip Schultze, später auch im Trio mit Yves Savary, Cello und Markus Schön, Klarinette). Eine von Skrzypczaks Kompositionen trägt den Namen einer Supernova, „SN 1993 J“, eine andere wurde zu Ehren des Mathematikers Euler angelegt, aber das allein erklärt nicht die merkwürdige Konsonanz, die sich beim Anblick von Sternhaufen und den Klangkombina­tionen in ihrem Werk zu ergeben scheint. Skrzypczak, auf der Suche nach dem Geheimnis des schaffenden Menschen, dem „Warum“ des Komponierens zitiert Leonardo da Vinci und Xenakis. „Die wunderbare Notwendigkeit auf der Suche nach dem Unmöglichen“, hieß ihr Vortrag. Mit martialischen Akkord-Attacken, unterbrochen von kaskadenhaften Arpeggien, reißt sie Klanghorizonte auf, deren Substrate dann wieder sensibel ausgelotet werden. Mathematisch konzipiert aber intuitiv realisiert, das wohl ist das Geheimnis ihrer Kunst. Der Aspekt des Sinnlichen aber, der traditionell im deutschen Kulturleben verdächtigt wird, und erst recht in der Neuen Musik, kam auch hier wie selbstverständlich zu kurz, was auch an der Kürze der Musikbeispiele gelegen haben mag. Ganz anders am Sonntag das Trio Coriolis (Bewegung in etwas Drehendem, auch hier wieder ein Ausdruck aus der Naturwissenschaft) mit Schönberg und von Schweinitz. Selbiger anwesend, musikalisch zitierend und historisierend seriell. Eine drehend-schwebend atmosphärische Wahrnehmung aber wollte sich kaum einstellen angesichts unklarer Diktion der drei Streicher, die in diesem Stück ihre eigene Verzerrung mittels Ringmodulator (Mathis Nitschke) akustisch abfangen müssen. Auch wenn dieser üppig angekündigte Ringmodulator im postseriellen Streichtrio von Schweinitz nur unwesentlich Einfluss nahm und Schönberg im Trio seine Themen eben doch viel interessanter dreht und wendet: Allein die Begegnung zweier Klangwelten, entstanden in etwa am selben Ort in Kalifornien, in etwa 60 Jahre auseinanderliegend, macht Sinn.

Große Kunst oder ein großer Versuch – beides findet seine Berechtigung auf einer Plattform wie dem Pfingstsymposion 2011, das sich ja als Hort der Synapsen versteht. Der Grundgedanke, die Frage nach dem Geheimnis, trägt sicher darüber hinaus zur Diskussion bei. Und die ist auch nötig in einer Zeit, die selbst die Kunst zu rationalisieren versucht. Dass ihr innewohnende Geheimnisse Anteile des Unbewussten, oder auch des Überbewussten eines Künstlers sind, Sammelstellen von Information, die sich über Symbole, über Form, Klang und Gestalt ausdrücken lassen, das kam nur im bildnerischen Teil zur Sprache. „Abstraktion als Eingebung“ titelte die Kunsthistorikerin Daniela Stöppel ihren Beitrag und zeigte Kunstwerke als Gefäß der Esoterik bei der frühen russischen Avant­garde. Einblicke in eine Epoche, die mit der Revolution ihr Ende fand, von der aber Kandinsky und Franz Marc inspiriert wurden. Geheimnis als unscharfer Begriff aber wurde die drei Tage selten tangiert, er war wohl nicht geheimnisvoll genug.

Wie eine gute Idee ohne das Geheimnis dramaturgischer Entwicklung innerhalb von 75 Minuten verkommt, zeigte die Regieklasse der Theater­akademie schon am ersten Abend. Bonmots bedeutender Geister zu verlesen und währenddessen skurrile Alltagsverrichtungen zu zelebrieren – ein guter Ausgangspunkt. Statt ihn weiter zu entwickeln, degenerierte der Abend zur sinnentleerten Materialschlacht, und nichts ist heute überflüssiger als das: Man warf mit Dreck, spritzte Farbe und zerrieb 40 Rosenköpfe auf einem Reibeisen. Leider lieferte die Regieklasse der Hochschule auch schon zu vergangenen Pfingstsymposien Enttäuschendes, anstatt die von Ulrike Trüstedt gegebene Chance, einen Abend lang einen „Begriff“ zu gestalten, künstlerisch zu nützen.

Eine besondere Synapse des Pfingstsymposions 2011 noch: Gaßner erklärte im Vortrag, dass Leben, im Gegensatz zu anderen Phänomenen, die Eigenart hat, sich abzugrenzen. Hydrophobe Procarionten, einfachste Urzellen, wölben sich von der Außenwelt weg, wenden sich ab, zueinander hin. Was bedeutet das gesellschaftlich, eventuell musikalisch betrachtet? Haben nicht die Gruppen die stärkste Kraft, die sich von der Außenwelt weg zueinander hin orientieren? Da also liegt ihr Geheimnis. Nicht gerade beflügelnd, dieser Gedanke in einer sich hoffentlich interkulturell entwickelnden Gesellschaft. Aber aufschlussreich.

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