Vor 50 Jahren (1971/07)

Musiker aller Sparten vereinigt euch


(nmz) -
„Hermann Prey wurde zum Vorsitzenden der Fachgruppe Gesang in der Gewerkschaft Kunst und Kultur gewählt.“ Eine solche Meldung würde alle überraschen. Aber ist es tatsächlich so absurd, wenn sich auch Musiker, also Arbeitnehmer im Dienste der Kultur, gewerkschaftlich organisieren?
Ein Artikel von Wolf-Eberhard von Lewinski

Ist es nicht nur unsere traditionelle Denkspur, die es verhindert, daß man es als eine Selbstverständlichkeit ansieht, wenn auch Künstler ihre Forderungen oder, weil sie wenigstens unterhalb der Stargrenze bescheidener sind, ihre Wünsche gruppenweise äußern, um ihnen eine größere Erfolgschance beizumessen? […] Aber wird dann nicht auch nivelliert, weil man einen Künstler relativ unabhängig von seiner Befähigung entlohnen könnte? Fördert eine Gewerkschaft Kultur nicht nur in erster Linie die Unbegabten? Wer entscheidet, ob im Einzelfall Unvermögen oder Unglück am unzureichenden sozialen Status die Schuld tragen? Ist man in negativer Hinsicht „unfrei“, weil man abhängig bleibt von Aufträgen und Engagements? Hat aber nicht gerade diese von ideologisch engagierten Beobachtern der Situation kritisierte Bindung an Auftraggeber besonders befruchtend auf Künstler gewirkt? […]

Dennoch muß man versuchen, ob es zu einer Dachorganisation der Musiker wenigstens kommt – anders als die des Musikrats, nämlich nicht aus Einzelverbänden, sondern Einzelmitgliedern zusammengesetzt. Eine solche Dachorganisation im Sinne einer Gewerkschaft Kultur könnte ausgesprochene Ungerechtigkeiten verhindern, wie sie in der Unterbezahlung der Anfänger auf der Opernbühne, in den kleineren Orchestern beispielsweise eindeutig festzustellen sind. Was an Schulen und Hochschulen in einer ausgesprochen unsozialen Verfahrensweise mit den Lehrbeauftragten „getrieben“ wird, ist unfaßbar. Man nutzt sie städtischer oder staatlicherseits aus, indem man die Planstellen radikal auf ein Minimum beschränkt und von den Lehrbeauftragten Arbeit zu einem Spottpreis ohne jegliche soziale Hintergrundsbindungen finanzieller oder rechtlicher Art verlangt. […]

Mag sein, daß eine Gewerkschaft die Musik nicht rettet, das Musikleben nicht repariert, aber denkbar, daß sie mithilft, die Kultur im Bewußtsein der Menschen von heute nicht untergehen zu lassen. Denn am lahmen Interesse der Mehrzahl unserer Zeitgenossen an kulturellen Fragen ist die Kultur nicht oder wenigstens nicht allein schuld: das politische und ökonomische Denken tendiert immer stärker zu Masse Mensch, zum größten parteipolitischen Propaganda-Effekt hin. […]

Wolf-Eberhard von Lewinski, Neue Musikzeitung, XX. Jg, Nr. 4, Aug./Sep. 1971

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