Wer hat die Darmstädter Ferienkurse ruiniert?

Vor 50 Jahren (1971/04)


(nmz) -
[…] Nach vielen Jahren des Aufschwungs machten sich allerdings gegen Ende der fünfziger Jahre bereits retardierende Tendenzen bemerkbar. Das Auftreten von Cage provozierte die Polemik von Boulez, die indirekt auch auf aleatorische Musik von Stockhausen zielte. Wenig später gerieten Stockhausen und Nono öffentlich in Streit, weil Nono seine serielle musikalische Konzeption nicht mehr durch Aleatorik oder musikalische Grafik in Frage stellen wollte. An die Stelle von gemeinsamer fairer Diskussion und Weiterarbeit trat mehr und mehr nutzlose Polemik. Die bisherige Solidarität schwand dahin, rivalisierende Gruppen und Personen traten in Erscheinung. […]
Ein Artikel von Rudolf Frisius

Dieses Problem hat bereits Steinecke in den letzten Jahren vor seinem allzufrühen Tod nicht mehr meistern können. […] Immerhin standen seine Entscheidungen weiterhin im Zeichen seiner großen Toleranz und Aufgeschlossenheit für neue Impulse […] Der Nachfolger von Wolfgang Steinecke, der Musikkritiker Ernst Thomas, hat die Ferienkurse nicht im Sinne Steineckes weitergeführt. Er hielt an der überholten Institution der Seminare fest, obwohl diese ganz offensichtlich zu Selbstdarstellungen einzelner Komponisten oder zu Routineübungen langjähriger Interpreten zu werden drohten. […]

Die Darmstädter Krise ist eine Krise des Systems. Die Programmgestaltung musikalischer Ferienkurse mit internationalem Anspruch darf nicht von den Entscheidungen eines einzelnen abhängen, sondern sie muß demokratisch und transparent sein. Der Auswahl von Dozenten und von aufzuführenden Werken müßten Ausschreibungen vorausgehen. Die Auswahl selbst wäre öffentlich zu begründen. Die Auswählenden müßten demokratisch legitimiert und verpflichtet sein, bei gravierenden Fehlentscheidungen die Konsequenzen zu ziehen. Die Teilnehmer der weitgehend gescheiterten Ferienkurse 1970 wissen, wie man Kurse besser machen kann. Sie sind bereit, ihre konkreten Alternativvorschläge der öffentlichen Kritik und Diskussion vorzulegen und zusammen mit allen Interessierten und Aufgeschlossenen nach besseren Lösungen zu suchen.

Rudolf Frisius, Neue Musikzeitung, XX. Jg, Nr. 2 April/Mai 1971

 

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