„Wettbewerbstourismus ist mir suspekt“

Ein Gespräch zum Thema Chorwettbewerbe mit Jürgen Budday


(nmz) -
Seit vielen Jahren steht Jürgen Budday dem Beirat Chor des Deutschen Musik- rates vor und ist damit hauptverantwortlich für Planung und Durchführung des Deutschen Chorwettbewerbs. Wenige Tage vor der 9. Auflage dieses Großereignisses in Weimar (siehe unser Bericht auf Seite 4) wurde bekannt, dass er künftig auch die künstlerische Leitung des renommierten Internationalen Kammerchorwettbewerbs in Marktoberdorf übernehmen wird. Robert Göstl befragte den Chorleiter zu diesen beiden Themen.
Ein Artikel von Jürgen Budday, Robert Göstl

neue musikzeitung: Welchen Stellenwert messen Sie generell Wettbewerben für die deutsche und internationale Chorszene bei?

Jürgen Budday: Grundsätzlich einen sehr hohen, wenn man von den Auswirkungen auf die Chorszene ausgeht. Es steht außer Frage, dass der Deutsche Chorwettbewerb (DCW) seit seiner ersten Durchführung im Jahr 1982 bis hin zur 9. Auflage in Weimar die Qualität des Chormusizierens in Deutschland in einem kaum vorstellbaren Maße gesteigert hat. Die Idee, sich mit anderen Chören zu messen, sich ganz konzentriert auf eine Aufgabe zu fokussieren und auch voneinander zu lernen, hat zahlreiche Chorleiter und Chöre motiviert und hörbar vorangebracht. Dazu zählen aber auch die vom Deutschen Musikrat angebotenen Fördermaßnahmen, Fortbildungsseminare und Stipendien im Anschluss an den DCW. Auf diese Weise wurde – nach einer langen Durststrecke nach dem Zweiten Weltkrieg – der Anschluss der deutschen (nichtprofessionellen) Chöre an das internationale Spitzenniveau vollzogen.

nmz: Wettbewerbe werden durchaus auch kritisch gesehen, vor allem wird deren Wert für die Förderung der breiten Laienmusik immer wieder in Frage gestellt. Können Sie diese Kritik nachvollziehen?

Budday: Es ist ganz entscheidend, wie Chorwettbewerbe in Bezug auf den jeweiligen Chor eingesetzt und pädagogisch umgesetzt werden. Ein stures Schielen auf Preise, ein übertriebenes Konkurrenzdenken setzt die Chorsänger unter massiven Druck und ist in aller Regel eher kontraproduktiv. Zur Teilnahme an einem Wettbewerb gehören auch die Bereitschaft zu lernen, Subjektivität zu mäßigen und das Votum einer Jury zu akzeptieren. Wenn ein Chorleiter seine Chormitglieder pädagogisch darauf vorbereitet, wird jeder Chor von einem Wettbewerb profitieren können. Entscheidend ist auch, dass man einen Chor nicht überfordert und ihm dadurch Enttäuschungen erspart. Dazu gehört, dass man bei dem großen Angebot an nationalen und internationalen Wettbewerben die für den jeweiligen Chor geeigneten Wettbewerbe aussucht. Und da gibt es außer dem DCW eine Reihe anderer Möglichkeiten. Ich bin allerdings kein Verfechter zahl- und wahlloser Wettbewerbsteilnahmen. Wettbewerbe müssen gezielt für die Entwicklung eines Chores eingesetzt werden – so habe ich selbst es immer mit Erfolg gehalten. Reiner Wettbewerbstourismus ist mir suspekt. Es geht dabei schließlich auch um Respekt vor der Chorliteratur, also der Musik, und um stringente Programme. Chorsingen ist kein Sportwettkampf! 

nmz: Welche konkreten Impulse gehen vom Deutschen Chorwettbewerb für die Laienchöre in der Breite aus, was gilt es hier noch zu intensivieren?

Budday: Der DCW ist ein Exzellenz-Wettbewerb. Er präsentiert die deutschen Spitzenchöre, die sich durch einen Landesausscheid dafür qualifizieren mussten. Er hat damit musikalischen Vorbildcharakter. Davon zu lernen, steht allen Chorleitern (die ja die Chance haben, als Beobachter am Wettbewerb teilzunehmen) offen. Diese Chance gilt es zu ergreifen. Außerdem haben ja viele Landesmusikräte erkannt, dass der Landeswettbewerb nicht nur ein Qualifikationswettbewerb sein sollte, sondern ein Chorfest, zu dem sich alle Chöre treffen können. Dafür werden bei Landeswettbewerben auch niederschwellige Chorkategorien angeboten, bei denen es nicht um eine Weiterleitung zum DCW geht. So können im Prinzip alle Chöre am DCW und seinen Landeswettbewerben teilhaben. Wichtig ist, die Chöre, auch seitens der Chorverbände, dazu zu ermutigen.

nmz: In Bezug auf den Deutschen Chorwettbewerb waren bereits aus den Landeswettbewerben heraus viele Stimmen zu hören, die eine eigene Kategorie für die erfreulich vielen teilnehmenden Hochschul(-kammer)chöre fordern – gemeint sind dabei auch diejenigen Chöre, die zwar nicht direkt an Hochschulen angegliedert sind, die sich aber doch fast ausschließlich aus Studierenden zusammensetzen. Wie stehen Sie dazu, wird das diskutiert?

Budday: Dieser Aspekt hat in Weimar eine neue Dimension erhalten. In der Vergangenheit haben Hochschulchöre (von höchst seltenen Ausnahmen in den Pop-Kategorien abgesehen) keine entscheidende Rolle gespielt, das hat sich in Weimar geändert. Dieses Thema wird erneut auf der Tagesordnung des Beirats Chor in der Aufarbeitung und Bewertung des 9. DCW stehen. Allein, eine Patentlösung in Form einer eigenen Kategorie zeichnet sich nicht automatisch ab. War Weimar diesbezüglich nur eine Momentaufnahme oder eine Trendwende? Was machen wir dann mit Projektchören, die ja unter ähnlichen Bedingungen arbeiten? Würden Hochschulchöre überhaupt in einer eigenen Kategorie antreten? Wollen Hochschulen (und deren Chorleitungsprofessoren) riskieren, in einem dann unvermeidbaren Ranking unter „ferner liefen“ abzuschneiden? Auch eine Kategorie mit 4 Hochschulchören (wie in Weimar) wäre bei 24 Hochschulen für Musik kein würdiges Teilnehmerfeld. Wollen wir dann eventuell sogar auf die Teilnahme dieser Spitzenchöre, die ja auch musikalische und stilistische Vorbildfunktion haben, ganz verzichten? Das sind nur einige Fragen, die damit im Zusammenhang stehen. Die Sachlage ist ziemlich komplex. Aber der Beirat wird selbstverständlich darüber zu reden und zu entscheiden haben – nach bestem Wissen und Gewissen.

nmz: Wird es die beim Bundeswettbewerb in Weimar nur mehr mit sehr wenigen Chören vertretenen Kategorien beim 10. Deutschen Chorwettbewerb noch geben?

Budday: Sie sprechen dabei vor allem die Kategorie der Knabenchöre an. Auch darüber wird im Beirat zu reden und zu entscheiden sein. Aber diese Entscheidung kann und will ich nicht vorwegnehmen.

nmz: Dolf Rabus hat den Marktoberdorfer Wettbewerb bis zu seinem Tod Ende vergangenen Jahres maßgeblich geprägt und zu einer weltweit hoch angesehenen „Marke“ gemacht. Was soll bleiben wie es ist – was wollen Sie verändern oder neu initiieren?

Budday: Der Kammerchorwettbewerb in Marktoberdorf gehört zu den weltweit renommiertesten – dank Dolf Rabus. Es besteht keine Notwendigkeit etwas zu ändern, das hervorragend funktioniert. Gleichwohl werde ich darauf zu achten haben, dass keine Routine einkehrt und der Wettbewerb seine Aktualität und Attraktivität behält. Dazu gehört in Zukunft sicher auch die Frage der Kategorienwahl. Für den Wettbewerb 2015 sind die Weichen noch von Dolf Rabus gestellt und wichtige Entscheidungen schon vor meinem Amtsantritt gefällt worden. Da wird nichts grundlegend Neues zu erwarten sein. Ich werde behutsam an meine neue Aufgabe herangehen und mich zunächst in den ganzen Aufgabenkomplex einarbeiten.

nmz: Welche Chöre wünschen Sie sich für den ersten von Ihnen verantworteten Wettbewerb in Marktoberdorf 2015 – welche haben sich vielleicht schon angemeldet?

Budday: Die Ausschreibung für die Anmeldung der Chöre wird in diesen Tagen auf den Weg gebracht, sodass noch keine Anmeldungen vorliegen. Ende des Jahres werden die Chöre dann feststehen, die 2015 nach Marktoberdorf eingeladen werden. Darüber entscheidet das Festival-Komitee. Ich wünsche mir natürlich ein hochkarätiges, weltweit internationales Teilnehmerfeld, das den Ansprüchen dieses einzigartigen Wettbewerbs gerecht wird.

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