Wie die Pandemie sämtliche Ebenen der Chorarbeit trifft

Die „ChoCo-Studie“ zeigt eine kritische Gesamtlage der Chöre in Deutschland, Österreich und der Schweiz


(nmz) -
Seit Beginn der Pandemie leidet die Chormusik, die sich normalerweise großer Beliebtheit in Deutschland, Österreich und der Schweiz erfreut, unter starken Einschränkungen. Gemeinsames Singen findet seitdem kaum noch statt. Über die Auswirkungen der Krise auf die Chöre und ihre Mitglieder gibt es bislang nur wenige wissenschaftliche Erkenntnisse. Dem begegnet die ChoCo-Studie mit einer umfangreichen Erhebung der Situation der Chöre im deutschsprachigen Raum.
Ein Artikel von Ester Petri, Jan Schumacher, Johannes Graulich, Kathrin Schlemmer, Tobias Brommann

Die Erhebung erfolgte im März 2021 und damit zu einem Zeitpunkt, bei dem das Ende der Krise noch nicht abzusehen war. In einer quantitativen Online-Umfrage wurden insgesamt 58 Fragen zu den allgemeinen Charakteristika der befragten Chöre, zur Chorarbeit vor und während der Pandemie und zu möglichen Perspektiven nach der Pandemie gestellt. Der Schwerpunkt lag auf der Proben- und Konzertsituation und deren Auswirkungen auf die Chöre und deren Mitglieder. Im Folgenden werden erste Ergebnisse der Befragung bei über 4.400 Chören in Deutschland, Österreich und der Schweiz berichtet. Eine erweiterte Darstellung findet sich unter www.nmz.de/choco. Ein Interview dazu mit drei der Autor*innen ist hier nachzulesen.

Entwicklung der Chorgröße: Mitgliederverluste besonders bei Kinder-/Jugendchören

Ein erstes Ergebnis betrifft die Entwicklung der Mitgliederzahlen, die anhand von zwei Fragen nach der Anzahl aktiver Mitglieder vor Beginn der Pandemie und der Anzahl aktuell (März 2021) aktiver Chormitglieder betrachtet wurde. Das Ergebnis zeigt zunächst eine breite Streuung, was den Umfang der befragten Chöre angeht: Der kleinste Chor umfasste drei Personen, der größte 300. Damit etwaige Mitgliederverluste oder -gewinne vergleichbar werden, wurde für jeden Chor ermittelt, welcher Anteil (in Prozent) seiner ursprünglichen Mitgliederzahl aktuell aktiv ist.

Tabelle 1 zeigt die gruppierten Prozentsätze für die gesamte Stichprobe. Demnach kann weniger als ein Drittel der Chöre die ursprüngliche Mitgliederzahl während der Pandemie halten, weist also noch 100 % seiner Mitglieder auf. Ein weiteres Drittel weist geringfügige Mitgliederverluste um max. 25 % auf. Das verbleibende Drittel weist stärkere Mitgliederverluste (über 25 %) auf, 6,7 % der Chöre haben aktuell gar keine aktiven Mitglieder. Im Durchschnitt sind während der Pandemie ein Viertel der sonst aktiven Chormitglieder nicht aktiv.

Da für die Zukunft der Chormusik die Situation in den Kinder- und Jugendchören von besonderem Interesse ist, wurden die Daten der 588 Kinder- und Jugendchöre gesondert betrachtet (Tabelle siehe Online-Fassung). Dabei fällt auf, dass nur ein knappes Viertel der Chöre ihre Mitgliederzahl halten oder steigern konnte. Ein weiteres knappes Viertel weist geringfügige Mitgliederverluste auf, während mehr als die Hälfte der Kinder- und Jugendchöre stärkere Mitgliederverluste aufwiesen. Fast jeder achte Kinder- und Jugendchor hat momentan keine aktiven Mitglieder. Im Durchschnitt verfügen die befragten Kinder- und Jugendchöre momentan nur über 65 % ihrer normalerweise aktiven Mitglieder.

Aktuelle Probensituation: Stark reduzierte Möglichkeiten

Nur knapp die Hälfte der Chöre hat in digitalen Formaten geprobt, dabei kamen sowohl Videokonferenzen als auch die Bereitstellung von digitalem Übematerial, zum Beispiel Klangdateien oder Übe-Apps, zum Tragen. Bei Kinder-/Jugendchören fanden mehr digitale Proben statt. Der eigens erfragte Aufwand für solche digitalen Proben wurde mehrheitlich als deutlich höher als für übliche Proben angegeben, während die Teilnahmequote der Chormitglieder niedriger, bei durchschnittlich nur 50 % (in Kinder-/Jugendchören: 58 %) lag.

Fast drei Viertel der Chöre haben auch während der Pandemie zumindest teilweise in Präsenz geprobt, und zwar entweder in größeren Räumen, in reduzierter Besetzung, im Freien und/oder mit verkürzter Probendauer. Auch für diese Probenformen wurden in Kinder-/Jugendchören etwas höhere Anteile berichtet. Für Präsenzproben mit entsprechenden Hygienekonzepten unter Corona-Bedingungen wurde mehrheitlich ein erhöhter Aufwand angegeben, und die Teilnahmequote lag im Mittel bei 65 % (in Kinder-/Jugendchören: 72 %). Hierbei ist zu berücksichtigen, dass die erlaubte Gruppengröße in den (Bundes-)Ländern während der Pandemie schwankte und dazu unterschiedlich war und ist. Im Mittel lag die erlaubte Gruppengröße bei 12 Personen (siehe Tabelle 2 und Online-Fassung).

Schlechte musikalische und mentale Verfassung der Chöre

Die Auswertung der Fragen zur musikalischen und mentalen Verfassung sowie zum Zusammenhalt der Chöre (siehe Tabelle 3) ergab, dass mit reduzierter Mitgliederzahl und stark reduzierten Proben- und Auftrittsmöglichkeiten messbare Qualitätseinbußen der Chöre verbunden waren. Die Frage nach der aktuellen musikalischen Verfassung wird für mehr als die Hälfte der Chöre im negativen Bereich beantwortet, ebenso die Frage nach der aktuellen mentalen Verfassung. Lediglich der aktuelle Zusammenhalt innerhalb der Chöre ergibt eine weniger negative Sicht, 50 % der Chöre sehen den Zusammenhalt noch im positiven Bereich.

Auch bei diesem Thema wurde der Chornachwuchs gesondert betrachtet (siehe Online-Fassung). Was die musikalische und mentale Verfassung angeht, werden für Kinder- und Jugendchöre etwas positivere Werte berichtet. Der aktuelle Zusammenhalt des Chors wird bei Kinder- und Jugendchören jedoch schlechter bewertet als in der Gesamtgruppe.

Neustart nach der Pandemie: Sorgen um Mitgliederzahlen, Qualität und Probenräume

Was das musikalische Niveau angeht, geht mehr als die Hälfte der Chöre von einer Verschlechterung nach der Pandemie aus, dies gilt sowohl für die Gesamtstichprobe als auch für die Kinder-/Jugendchöre. In 1,6 % der Fälle ist bereits jetzt absehbar, dass der Chor seine Arbeit nach der Pandemie nicht fortsetzen kann, dieser Anteil ist mit 1,9 % bei den Kinder-/Jugendchören etwas höher.

Mehr als drei Viertel der befragten Chöre sahen sich in der Lage, eine Prognose über die zukünftige Chorgröße abzugeben. Demnach erwarten deutlich mehr als die Hälfte der Chöre Mitgliederverluste nach der Pandemie, während nur jeder fünfte Chor davon ausgeht, in gleicher Besetzungsstärke weiterarbeiten zu können. Besonders ausgeprägt sind die erwarteten Mitgliederverluste bei den Kinder- und Jugendchören. Fast 60 % von ihnen erwarten Mitgliederverluste, über 15 % erwarten sogar, nach der Pandemie mit viel weniger Mitgliedern singen zu können.

Die Raumsituation wird etwas optimistischer eingeschätzt, aber auch hier bestehen bei rund 10 % der Chöre Unsicherheiten in Bezug auf die zukünftige Nutzung ihrer Probenräume.

Entwicklung der Chorfinanzen: Unsicherheit bei jedem dritten Chor

Die meisten Chöre verfügen über mehrere Finanzierungsquellen für ihre Arbeit. Die am häufigsten genannten sind Mitgliedsbeiträge, Konzert-Einnahmen und Spenden. Die aktuelle finanzielle Lage wird zwar von knapp zwei Dritteln der Chöre als stabil bewertet, jedoch verbleibt knapp ein Drittel der Chöre, deren finanzielle Situation eher oder sogar sehr unsicher ist. Als bedrohlich empfunden wird die aktuelle finanzielle Lage bereits jetzt von rund 5 % der Chöre, für jeden fünften Chor wird die Lage im Laufe von 2021 oder 2022 bedrohlich. Über 40 % der Chöre machen sich Sorgen über die finanzielle Lage nach der Pandemie und befürchten Verschlechterungen. Die finanzielle Schieflage vieler Chöre wird auch konkret deutlich, indem zum Beispiel Dirigent*innen, Noten oder Mieten nicht mehr bezahlt werden können. 

Chöre benötigen für einen Neustart Schnelltests und finanzielle Zuschüsse

Um die aktuellen Probleme der Chöre nicht nur zu dokumentieren, sondern möglichst konkrete Förderbedarfe zu ermitteln, wurde gezielt danach gefragt, welche Hilfen die Chöre für einen Neustart nach der Pandemie benötigen würden (siehe Tabelle 4). Die am häufigsten gewünschte Hilfe für einen Neustart ist die Verfügbarkeit von Schnelltests für Mitwirkende an Proben und Konzerten. Zudem werden regelmäßig Zuschüsse zum Beispiel für Honorare oder Notenbeschaffung genannt sowie die Möglichkeit einer Ausfallsicherung bei geringen Konzert-Einnahmen oder Absagen. Die Frage nach der Höhe der ungefähr benötigten Zuschüsse wurde von knapp 1.000 Chören beantwortet. Nach einer Bereinigung um Ausreißer verblieben 974 Fälle mit einem Mittelwert von 3.700 EUR als durchschnittlich benötig­te Hilfe pro Chor.

Fazit

Die berichteten Ergebnisse zeichnen ein sehr kritisches Bild der Chöre ein Jahr nach Pandemiebeginn und machen deutlich, dass sämtliche Ebenen der Chorarbeit von der aktuellen Krise betroffen sind: Die Mitgliederzahlen sind im Vergleich zum Zustand vor der Pandemie rückläufig, und zwar noch etwas stärker bei den Nachwuchschören als bei den Erwachsenenchören. Sowohl die digitalen Probenformate als auch Präsenzformate unter Hygienebedingungen sind mit großen Einschränkungen verbunden. Durch die digitalen Formate wird auch nur ein kleinerer Teil der Chormitglieder erreicht als dies mit Präsenzformaten der Fall ist. Aber auch diese unterliegen gro­ßen Beschränkungen durch verfügbare Probenräume und reduzierte Gruppengrößen und erreichen damit nicht alle Chormitglieder.

Während es insgesamt wenig überraschend ist, dass während der Pandemie die Anzahl an Proben und vor allem an Konzerten stark reduziert ist, bieten die Aussagen über die schlechte musikalische und mentale Verfassung der Chöre und über die Zukunftsaussichten wenig Anlass für Optimismus. Der in der Gesamtstichprobe positiver bewertete Zusammenhalt des Chors ist in den Nachwuchschören geringer. Die Zukunftsaussichten der Chöre sind vor allem in Bezug auf die Mitgliederentwicklung und das musikalische Niveau von Sorgen geprägt. Besondere Sorge bereitet die Situation der Kinder- und Jugendchöre. Ebenfalls bedenklich ist die Entwicklung der Chorfinanzen, über die sich jeder dritte Chor Sorgen macht.

Während eine echte Verbesserung der Situation erst nach Überwindung der Pandemie zu erwarten ist, geben die Ergebnisse Hinweise auf wirkungsvolle Unterstützungsmaßnahmen. Ein sehr großer Anteil an Chören zeigt sich aufgeschlossen gegenüber der Verwendung von Schnelltests für Mitwirkende an Proben und Konzerten. Darüber hinaus werden finanzielle Hilfen für konkrete Anforderungen der Proben- und Konzerttätigkeit benötigt.

Autorinnen und Autoren:
Kathrin Schlemmer, Johannes Graulich, Ester Petri, Tobias Brommann, Jan Schumacher


Steckbrief ChoCo-Studie

  • Laufzeit 2.3. bis 30.3.2021; Verbreitung über eine Pressemeldung und einen Video-Appell der Universität Eichstätt sowie über Social Media und Newsletter des Carus-Verlags und diverser Chorverbände in Deutschland, Österreich und der Schweiz.
  • Rücklauf: 4.605 Datensätze, in denen der Fragebogen bis zur letzten Seite ausgefüllt wurde, davon wurden die 4.323 Fälle ausgewertet, in denen mindestens 50 % des Fragebogens beantwortet wurden.
  • Insgesamt haben 3.790 Personen geantwortet, von denen 572 angaben, den Fragebogen für mehrere Chöre zu beantworten.
  • Altersdurchschnitt der beantwortenden Personen: 54 Jahre (Verteilung 16–85); Geschlechtsverteilung ausgeglichen (48,4 % weiblich, 51,1 % männlich).
  • Funktionen der befragten Personen: 47,5 % Chorleiter*innen, 34,6 % Chorvorstände, 21,1 % Chorsänger*innen, Mehrfachnennungen möglich.
  • Länderverteilung: Deutschland – 3.631 Chöre; Österreich – 346 Chöre; Schweiz – 365 Chöre.
  • Kennzeichnung der Chöre: 70,8 % gemischte Chöre, 16,2 % Männerchöre, 13,5 % Kinder-/Jugendchöre, 8,5 % Frauenchöre.
  • Niveau der Chöre: 93,5 % Amateure, 6,1 % Semiprofessionell, 0,4 % Professionell.
  • Repertoire der Chöre (Mehrfachnennung möglich): Geistlich (68 %) Weltlich (62 %), A cappella (46 %), Jazz/Pop (29 %), Gospel (19 %), Oratorien (13 %) und Cross-Over (12 %).
  • Trägerschaft der Chöre: 58,5 % Verein, 26,5 % Konfessioneller Träger, 6,7 % Privat, 4,2 % Musikschule/Schule/Universität/Hochschule, 3,9 % Sons­tige Träger.
  • 74,5 % der Chöre sind in einem Chorverband organisiert.
  • Vergütung der Chorleiter*innen (Mehrfachnennung möglich): Festes (Grund-)Gehalt 48,3 %, Honorar 38,3 %, keine Vergütung 10,2 %, weiteres/Kombinationen 7,8 %.
  • Der Altersdurchschnitt der Sänger­*innen liegt im Mittel bei 51 Jahren (Verteilung 4–82 Jahre).

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