„Building Bridges“: zum Brückenbauen anregen, wollte die diesjährige chor.com. Der vom Deutschen Chorverband vom 1. bis 4. Oktober veranstaltete Branchentreff der Chorszene umfasste etwa 150 Workshops, 20 Konzerte, das Forum mit 60 internationalen Ausstellern, darunter Musikverlage und -verbände, und drei Masterclasses (Anne Kohler/Tine Fris-Ronsfeld/Pop-Up, Florian Helgath/Zürcher Sing-Akademie, Yuval Weinberg/SWR Vokalensemble). Die diesjährige achte Ausgabe fand erstmals in Leipzig statt und lockte 1.500 Teilnehmer:innen und Mitwirkende in die Musikstadt – ein erneuter Besucheranstieg.
Schwedisch-deutscher Brückenschlag: Der Gustaf Sjökvists Kammarkör und das MDR-Sinfonieorchester führten bei der chor.com in Leipzig „The Sanctuary Mass“ von Matthew Peterson auf. Foto: Katharina Gebauer
Signale des Zusammenhalts und der Offenheit
Als Gastgeberstadt punktete Leipzig mit seinen festverankerten Musikinstitutionen, Ensembles und Konzertorten, darunter das Bach-Museum/Bach-Archiv, der Thomanerchor, die Vokalensembles und A-cappella-Bands Calmus Ensemble, Ensemble Nobiles, Quintense und Sjaella, der Leipziger Contemporary Choir Lype und der Mädchen- und Frauenchor der Schola Cantorum Leipzig. So lud das Bach-Archiv zur Virtual Bach Experience, ein virtuelles mit AR-Brille zu erlebendes Konzerterlebnis der besonderen Art mit Bach selbst am Cembalo, und zu Führungen in ihre Schatzkammer mit originalen Bach-Quellen ein. Das Chormanagement des MDR-Chors präsentierte eindrücklich und anschaulich seine drei publikumsnahen, teils partizipativen, erfolgreichen und nachhaltigen Konzertformate MDR-Nachtgesang, das Chorprojekt von MDR Klassik im Maßregelvollzug und den MDR-Sommergesang. Die Thomaner öffneten für einen Blick in ihre Geschichte und zum Kennenlernen ihres aktuellen Betriebs die Pforten ihres Alumnats und gestalteten am Freitagabend ein A-cappella-Konzert zum Thema Frieden in der Peterskirche. Weitere Konzerte fanden zudem im Kupfersaal, in der Philippuskirche und in der Thomaskirche mit (inter-)nationalen Spitzenensembles aller Couleur statt, darunter renommierte Vokalensembles (Lyyra, Die Singphoniker, Latvian Voices, German Gents), diverse Konzertchöre (Gustav Sjökvists Kammarkör, Chorwerk Ruhr, Kammerchor Stuttgart, Vox Quadrata, Vokalsolisten Ensemble Gli Scarlattisti, Vocalforum Graz, Reine Frauensache) und erstklassige Jugendchöre (Rundfunk-Jugendchor Wernigerode, Landesjugendchor Baden-Württemberg).
Gesellschaftspolitik
Spürbar war, dass das aktuelle gesellschaftspolitische Klima die chor.com deutlich prägte und die Szene sich hier selbst ihres eigenen Stellenwerts vergewisserte. Bereits bei der Eröffnung im Telemann-Saal der Kongresshalle bezeichnete der Präsident des Deutschen Chorverbands Christian Wulff Chöre als „Superkräfte“, als wichtige ‚dritte Orte‘ und als Möglichkeiten der kulturellen Teilhabe, der Selbstwirksamkeit und als soziale Anker. Der sächsische Ministerpräsident Michael Kretschmer betonte, dass Kultur in Sachsen Verfassungsrang hat und deshalb Kunst und Kultur in Sachsen durch eine klare Prioritätensetzung gelebt und verwirklicht werde und weiterhin werden soll. Die Leipziger Kulturbürgermeisterin Dr. Skadi Jennicke fächerte das gesamte Panorama der Musikstadt vom Gewandhaus über die Hochschule für Musik und Theater Felix Mendelssohn Bartholdy bis hin zum Bachfest Leipzig und den über 300 Chören der Stadt auf, an das die chor.com sehr gut anknüpfen könne. Der künstlerische Leiter der chor.com Stephan Doormann zeigte auf, dass die Chorszene als konstruktive Kraft dem Auseinanderdriften der Gesellschaft etwas entgegenzusetzen habe, zum Beispiel ungewöhnliche Kooperationen, neue Impulse und wichtige Begegnungsorte. „Bei dieser chor.com sind völlig neue Begegnungen und Verbindungen entstanden. Die Chorszene ist neugierig und offen und hat ein großes Innovationspotenzial“, so Doormann.
So bot die chor.com selbst erstmals ein Speed-Matching mit Komponist:innen, ein allabendliches Get-together in der Kneipe im Kupfersaal und eine Filmvorführung an. Außerdem setzten die Veranstalter in ihren kulturpolitischen Talks zu Demokratieförderung, Zusammenhalt zwischen der Profi- und Amateurchorszene, Gesundheitsförderung – auch als demokratiestärkende Maßnahme anzusehen – sowie gelingender Kinder- und Jugendchorarbeit ebenfalls einen Schwerpunkt auf den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Diese Talks wurden mit tiefergehenden Workshopangeboten flankiert, darunter „Kinderchor inklusiv!“ oder „Kinderlieder, die bestärken statt auszuschließen“ der Deutschen Chorjugend. Führungsrollen der Chorleitenden, unter anderem im Hinblick auf das teamorientierte Konzept der New Leadership und Selbstfürsorge, wurden ebenso neu gedacht wie die individuelle Verantwortung der Chormitglieder. In Workshops zu Konfliktmanagement und Vertrauensbildung im Verein, Wertschätzung ehrenamtlichen Engagements und zu Kinderschutzkonzepten wurden Strategien für ein verständnisvolles, gemeinschaftliches und demokratisches Miteinander besprochen.
Offen und inklusiv
Die Chorszene präsentierte sich insgesamt als offen und inklusiv. So gab es Workshops zu queeren Stimmen, zu Gebärden im Chor, zu interreligiösen und -kulturellen Projekten wie dem Chor zur Welt der Elbphilharmonie Hamburg oder zur religionsübergreifenden Kantate „Der Himmel ist in dir“ von Dieter Lein, aber auch zu professionellem Chorgesang und Universitätsmusik. Ein solidarisches Zusammenrücken von Amateur- und Profichorszene war merklich zu spüren, ein deutliches Nein zu Diskriminierung und politischer Polarisierung ebenso.
Das zeigte sich auch in einem deutlich gestiegenen Bewusstsein in Bezug auf die Diversität und den verantwortungsvollen, kontextbewussten Umgang mit Repertoire sowie der Chorgeschichte. So wurde der Umgang mit problematischen Liedern diskutiert und neben Moderation und Programmhefttexten auch die Möglichkeiten einer künstlerischen Bearbeitung aufgezeigt sowie ein Bewusstsein für das Erforschen der Vereinsgeschichte geschaffen. Insgesamt ließ sich eine mitunter auch gesellschaftspolitische Repertoireerweiterung feststellen, so gab es beispielsweise Workshops zu Liedern aus Sachsenhausen, scheinbar vergessenem Ostrock für Chöre und türkischer Chormusik. Der Rundfunk-Jugendchor Wernigerode und das Sonoris Vokalensemble gaben außerdem Einblicke in ihre Arbeit mit den Arrangements zum Deutsch-Jüdischen Liederbuch des vor zwei Jahren unter anderem vom Deutschen Chorverband ausgerufenen Arrangement-Wettbewerbs. Weitere Zeichen der Öffnung der Chorszene, auch musikalisch, spiegelten sich zudem in den Workshops zu niedrigschwelligen Singangeboten wie dem One-Day-Choir oder auch zu einfacher Mehrstimmigkeit und in Projekten mit Crossover- und Improvisationselementen wider.
Trends der letzten chor.com sind mittlerweile fest im Workshopangebot verankert, so die Themen KI und Digitales, Komponistinnen und szenische beziehungsweise interdisziplinäre Chorperformances mit Beispielen etwa des Mädchenchors der Sing-Akademie zu Berlin oder der Chorakademie Dortmund. Die Regensburger Domspatzen stellten ihre KI-Gregorianik vor, ein LSTM-Netzwerk, dass neue Gesänge im gregorianischen Stil generiert, die German Gents gaben Tipps zum Erstellen von Reels auf Instagram und TikTok und Postyr gewährte einen Blick in ihre kreative technische E-cappella-Werkstatt. Der Einsatz von KI wurde auch beim Erstellen von Übungstracks sowie im Veranstaltungsmanagement und Marketing beleuchtet. Komponistinnen als interkulturelle Brückenbauerinnen sowie neuerschienene Chorsammlungen ausschließlich mit Chormusik von Frauen und großangelegte Werke von Komponistinnen zu aktuellen Themen wie Migration und Klimawandel wurden vorgestellt.
Das Motto „Building Bridges – wie Chormusik neue Verbindungen schafft“ lud auch in den Konzerten zu musikalischen Experimenten ein. So mischten Nobiles und Quintense klassische Vokalmusik mit Vocal Pop innerhalb einzelner Songs und indische Klänge und Alte Musik trafen beim Konzert des Vokalsolisten Ensembles Gli Scarlattisti, einer Continuo-Gruppe und den Violin Sisters aufeinander – beides musikalisch vielversprechende Ideen, die leider nur zum Teil, auch aufgrund schwieriger Akustik, gelangen und oft noch besser durchdachter Interaktion bedurft hätten. Die Brücke nach Schweden mit zeitgenössischen A-cappella-Sätzen und der deutschen Erstaufführung der Sanctuary Mass des Komponisten Matthew Peterson durch den Gustav Sjökvists Kammarkör und das MDR Sinfonieorchester gelang hingegen ebenso überzeugend wie das Konzert „She“ des Chorwerks Ruhr, in dem sich Werke von Komponistinnen vom Mittelalter bis heute um Caroline Shaws immer wieder eingeschobener Partita for 8 Voices gruppierten. Das sechsköpfige Frauenvokalensemble Lyyra begeisterte mit ihrer großen musikalischen Bandbreite und einer absolut sauberen Intonation, während die Latvian Voices mit ihren frischen, vom traditionellen Gesang her gedachten, aber mit moderner Harmonik versehenen Arrangements deutscher und baltischer Volkslieder überzeugten.
Die chor.com demonstrierte mit einer klaren demokratischen Haltung den Zusammenhalt der Chorszene, die gesellschaftliche und musikalische Offenheit und die immer größer werdende Bandbreite an Chorformen sowie Repertoire. Das steigende Interesse gibt Hoffnung, dass diese Chorpraxis auch in die verschiedenen Regionen Deutschlands hineinwirken wird.
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