„Auf der Suche nach Unbekanntem“ heißt es auf der Website des Forschungszentrums Musik und Gender (fmg). Denn auch wenn der Diskurs über Frauen im Musikleben in den letzten 20 Jahren vermehrt geführt worden ist, gilt es immer noch zahlreiche Musikwerke von Komponistinnen zu entdecken, Lebenswege von Interpretinnen, Mäzeninnen und Dirigentinnen et cetera zu erforschen und vielfältiges Quellenmaterial zu sichern.
Die aktuelle und die ehemalige Leiterin des fmg: Maria Behrendt und Susanne Rode-Breymann. Foto: Michael Heck
An der Schnittstelle von Archiv, Wissenschaft und Praxis
Das fmg, angegliedert an die Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover (hmtmh) und finanziert von der Mariann Steegmann Foundation, ist ein Ort für Forschung, Archivierung und Musikpraxis in einem und damit im Bereich der musikwissenschaftlichen Genderforschung deutschlandweit einzigartig. Anfang September feierte das Institut mit Vorträgen, Konzerten, Roundtables und einer Flaniermeile sein 20-jähriges Jubiläum, organisiert von der derzeitigen Leiterin Jun.-Prof. Dr. Maria Behrendt, ihrem Team und der Gründerin und ehemaligen Leiterin Prof. Dr. Susanne Rode-Breymann.
2006 wurde diese wegweisende Institution von Rode-Breymann gemeinsam mit der Mitbegründerin der Mariann Steegmann Foundation, Prof. Dr. Eva Rieger ins Leben gerufen. „Vor der Gründung des fmgs hatte ich damals großen Respekt“, so Rode-Breymann, „Es sollte Teil eines gerade im Entstehen begriffenen Netzwerks von Akteurinnen werden, gemeinsam mit dem Online-Lexikon MUGI in Hamburg und dem Sophie Drinker Institut in Bremen, und somit vernetzte Spielräume für junge Wissenschaftler:innen schaffen. Dieses Wunder ist uns gelungen.“
Im Jahr 2000 hatte die deutsch-schweizerische Mäzenin Mariann Steegmann eine Stiftung zur Förderung von Frauen in Kunst und Musik gegründet, wodurch in den folgenden Jahren viele Projekte initiiert werden konnten, darunter maßgeblich das fmg als Forschungs-, Kompetenz-, Vernetzungs- und Fortbildungszentrum in Hannover. Nach jeweils zwei zehnjährigen Förderphasen durch die Stiftung sagte die hmtmh dem fmg nun eine Verstetigung zu. „Die Förderung dieses Profils stärkt die hmtmh auch neben der künstlerischen Exzellenz als ausgesprochenen Wissenschaftsstandort. Wissenschaftliche Erkenntnisse können hier direkt künstlerisch erprobt werden“, freut sich der Präsident der hmtmh Prof. Dr. Hans Jürgen Prömel.
Zur Erfolgsgeschichte des fmg gehören die Etablierung des Nebenfachs Gender Studies im Master-Studiengang Musikforschung und Musikvermittlung, zahlreiche abgeschlossene Promotionen und zwei Habilitationen, die Durchführung von auch für Hochschulexternen offenen Veranstaltungen wie die Summer School, öffentliche Vorlesungsreihen und die Reihe Sophiensalon, der Aufbau und die Pflege einer Fach- und Medienbibliothek zu Themen der musikbezogenen Gender Studies sowie eine inzwischen umfangreiche und kostbare Sammlung von handschriftlichen und gedruckten Quellen aus dem späten 18. bis frühen 20. Jahrhundert, die rund 1.240 Briefe und Autographen, 3.100 Notendrucke, 790 Musikhandschriften, 300 Dokumente, 260 Bilder und Fotos sowie 570 historische Postkarten umfasst. Zahlreiche Kooperationen mit Bibliotheken wie der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel und anderen Hochschulen wie der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg für Tagungen, Forschungsprojekte, Ausstellungen, interdisziplinäre Veranstaltungen und Publikationen tragen darüber hinaus zur überregionalen Reichweite und Bedeutung des fmg bei.
Aktuelle Positionen
Im Rahmen des Jubiläums wurden auch derzeitige Positionen der musikwissenschaftlichen Genderforschung dargelegt und diskutiert. In ihrem Festvortrag „Was ist? Was kommt? Was bleibt…? Perspektiven der musikwissenschaftlichen Genderforschung“ machte sich Prof. Dr. Melanie Unseld (Universität für Musik und darstellende Kunst Wien) Gedanken über den strukturellen Stand der Gendermusikforschung. „Das Thema Gender ist mittlerweile in der Musikwissenschaft als etwas Selbstverständliches angekommen, aber doch immer wieder gefährdet. Digitalisierung hilft, Wissen über Komponistinnen zu vermehren – und hilft zugleich nicht notwendigerweise, es im Repertoire zu verankern“, sagte Unseld. Zu den aktuellen Herausforderungen zählte Unseld auch die Global Music History, die doch wieder weitgehend ohne den Blick auf Frauen und Genderthemen auskomme. Und schließlich fehle es trotz jahrzehntelanger Bemühungen noch immer an Frauen im Repertoire. „Neben hochwertigen und praktischen Notenausgaben ist dazu ein stabiles, überinstitutionelles Netz für das Knowhow über Komponistinnen und ihre Werke notwendig. Gerade in der heutigen Zeit braucht es ein gemeinsames demokratiepolitisches Handeln in Europa, Musik und Gender sind dabei keine optionalen, sondern notwendige Bestandteile einer kollektiven Identitätsbildung“, ist sich Unseld sicher.
Prof. Dr. Natasha Loges (Hochschule für Musik Freiburg) ging in ihrem Vortrag der Frage nach, wie Lebens- und Schaffensgeschichten von Frauen heutzutage divers und respektvoll im jeweiligen Kontext erzählt werden können. Die beiden Roundtables widmeten sich vor allem Fragen zur Zukunft der Genderforschung in Bezug auf die Musikvermittlung, die Aufführungspraxis und die Editionen, wo alle noch Nachholbedarf sahen, und in Bezug auf forschungsorientierte Lehrformate, die durchweg als positiv wahrgenommen wurden.
In den weiteren Vorträgen wurden das Archiv und vergangene Projekte vorgestellt, so ausgewählte Archivalien von Rieger und dem Musikantiquar Ulrich Drüner, das Forschungs- und Digitalisierungsprojekt „Erschließen, Forschen, Vermitteln: Identität und Netzwerke/Mobilität und Kulturtransfer im musikbezogenen Handeln von Frauen zwischen 1800 und 2000“ von Prof. Dr. Nicole K. Strohmann (Kunstuniversität Graz) und die Ausstellung „Whisky trifft auf Wohltätigkeit. Wissensräume um die Sängerin Jenny Lind“ von Dr. Maren Bagge (Hochschule für Musik Franz Liszt Weimar). Auch bei der Flaniermeile gab es einiges zu entdecken, unter anderem die Quelle des Monats (Ausstellung, Podcast), das Wikipedia-Projekt „Musikwissenschaft und Gender“, das digitale Archiv des fmg und der studentische Podcast „Die Tonleiter*innen“.
Künftige Projekte
In einer Sneak Preview wurden künftige Projekte und Veranstaltungen vorgestellt, darunter die Online-Vorlesungsreihe „Artsong and Gender in Dialogue“ (AGiD) im Wintersemester 2026/27. Im Oktober startet außerdem das wissenschaftlich-künstlerische Projekt „Klingendes Archiv“ (Dr. Meredith Nicoll). Audiovisuelles Material, Noten und Aufnahmen sowie Essays mit Informationen zu Leben und Werk, wird im Rahmen dieses vierjährigen Projekts der Musikwelt zugänglich gemacht, damit Werke von Komponistinnen leichter ausgewählt und programmiert werden können.
Im Rahmen des Jubiläums demonstrierten außerdem Studierende und Absolvent:innen der hmtmh, wie eine Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und Musikpraxis gelingen kann. Zum Auftakt spielten Billur Ongun (Trompete) und Asen Tanchev (Klavier) Werke von Louisa Trewartha, Clara Schumann und Claude Bolling. Das Jubiläumskonzert gestalteten Studierende des Instituts für Kammermusik unter der Leitung von Anastasia Grishutina mit Liedern, Streichquartetten und Klavierstücken von Komponistinnen des 19. bis 21. Jahrhunderts. Dabei wählten sie gezielt Werke aus, die Komponistinnen oder die Rolle der Frau thematisierten, unter anderem Viera Janárcekovás ironisch-satirische „Drei Chansons für Mascha“ mit Zitaten zur Komponistinnenfrage (Mathilde Matzeit/Alt, Taisia Lavrova/Klavier) und Ausschnitte aus den „Fragments of a Woman’s Diary“ von Ruth Schonthal (Josefa Schmidt, Klavier). Das Salo-Quartett, das vorrangig Werke von FLINTA*-Komponistinnen spielt, sowie Michelle Baum (Mezzosopran) und Alexander Breitenbach (Klavier), die sich vor allem Werke verfolgter Komponist:innen annehmen, erweiterten außerdem die Bandbreite des Programms. Ein musikalisches Intermezzo am Samstagvormittag boten Anna Schors (Mezzosopran) und Lucia Brighenti (Klavier) vom Berliner Verein Forgotten Female*Composers e. V. mit Liedern von Clara Schumann und Pauline Viardot.
Auch im Publikum hatten sich wichtige Vertreter:innen weiterer Institutionen wie Hochschulen, Universitäten, Verlage und Archive sowie Musikschaffende aus dem Bereich Frau und Musik des gesamten deutschsprachigen Raums versammelt. So demonstrierte das fmg bei seinem 20-jährigen Jubiläum eindrücklich sowohl seine Schnittstellenfunktion zwischen Archiv, Wissenschaft und Musikpraxis als auch seine Reichweite.
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