Insgesamt mehr als 1.500 Berliner Schüler:innen werden bei den 70. Musischen Wochen von Ende April bis Mitte Juni im Kammermusiksaal der Berliner Philharmonie und in der Sporthalle Schöneberg mit ihren Schulensembles gemeinsam auftreten: in zwei Konzerten der Musikbetonten Grundschulen, zwei Konzerten von Berliner Grund- und Oberschulen, beim Bläserklassenfestival, sowie bei der dreitägigen Reihe „Tanz in der Schule“.
Musische Wochen im Kammermusiksaal der Berliner Philharmonie. Foto: LMR Berlin
Sieben Jahrzehnte musikpädagogische Exzellenz
Einzigartig daran ist die Tatsache, dass eine so anspruchsvolle und gleichzeitig umfangreiche Präsentation schulischer Musikkultur über 70 Jahre kontinuierlich gelungen ist, so dass im Laufe der Jahrzehnte bereits über zehntausende Berliner Schüler:innen die von ihnen erarbeitete Musik auf einer der bedeutendsten Konzertbühnen der Welt einem begeisterten Publikum präsentieren konnten“, so Carl Parma, Fachreferent Musik in der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie, und damit Veranstalter und Organisator der Musischen Wochen. Das ist aufgrund der Langfristigkeit, der festverankerten Senatsförderung und der dahinterstehenden musikpädagogischen Exzellenz bundesweit einmalig. Parma ist sich außerdem sicher, dass auch in diesem Jahr der künstlerische Funke auf die Mitwirkenden und ihre Familien überspringen wird: „Wir erreichen bei den Musischen Wochen zum Teil Kinder, Jugendliche und Familien, die vorher noch nie in der Philharmonie waren und für die die Konzerte oft zu einem unvergesslichen Erlebnis werden.“
Vor nunmehr 70 Jahren wurde im Geist des Musikpädagogen und Ministerialbeamten Leo Kestenberg die erste Musische Woche im damaligen Westberlin veranstaltet, um das dortige Konzertleben ankurbeln zu helfen. „Als Inselstadt suchte man damals nach einem neuen Profil, die Zukunft lag in der Förderung von Wissenschaft, Kunst und Kultur“, so Parma. Die ersten Musischen Wochen fanden im 1954 eröffneten Konzertsaal der Hochschule für Musik und darstellende Kunst (heute Universität der Künste) statt, dem damaligen Spielort der Berliner Philharmoniker.
Seit 2022 zeichnet Parma für die Musischen Wochen verantwortlich und hat sie seitdem weiter professionalisiert, sowohl im musikalischen als auch im organisatorischen Bereich. So waren 2025 erstmals Orchester und Chöre des renommierten musikbetonten Georg-Friedrich-Händel-Gymnasiums und des Heinz-Berggruen-Gymnasiums dabei. „Bei den Musischen Wochen geht es um die gesamte Bandbreite schulischer Ensembles, die die musikpädagogische Exzellenz der Berliner Schulen, vor allem durch authentische Darbietungen, abbildet.“, wie Parma nicht müde wird zu betonen: „Die Mitwirkenden spüren, dass statt ‚Probefall Schule‘ hier der ‚Ernstfall Leben‘ stattfindet, dass es auf so einer großen, repräsentativen Bühne wirklich darauf ankommt, und wachsen dabei über sich hinaus“. Als Entwicklungsaufgabe der nächsten Jahre sieht der Fachreferent eine stärkere Einbindung interkultureller Angebote sowie die Erweiterung des Repertoires um zeitgenössische oder auch weniger bekannte historische Werke jenseits der Filmmusik.
Intuitiver Zugang
Beim Programm „Tanz in der Schule“ im Rahmen der Musischen Wochen stehen Folklore-Tänze aus aller Welt auf dem Programm – niederschwellig und nahbar. „Tanz ist eine der ursprünglichsten menschlichen Ausdrucksformen überhaupt, er überwindet Sprachbarrieren, macht Musik körperlich erfahrbar und schult das musikalische Verständnis“, so die Leiterin des Projekts Birgit Rößner. Hunderte von Schüler:innen tanzen gemeinsam gebundene Formationen verschiedenster musikalischer Kulturen. Gerade im migrantisch geprägten Berlin wird hier eine Form des Kennenlernens und Austauschens der Kulturen auf musikalisch intuitive Weise ermöglicht.
Die Gründung der ersten Musikbetonten Grundschule (Humboldthain-Grundschule) erfolgte 1975 im Zuge der Bildungsreform und Hilmar Hoffmanns Plädoyer „Kultur für alle“. Dass die Schule im Arbeiterbezirk Wedding liegt, war eine bewusste Entscheidung, da man auch sozial benachteiligten Kindern Instrumentalunterricht ermöglichen wollte. Seitdem sind ungefähr im Drei-Jahres-Rhythmus in jedem der zwölf Berliner Bezirke neue Musikbetonte Grundschulen eingerichtet worden, die zur Attraktivität der jeweiligen Region beitragen. 2021, genau 100 Jahre nach der Etablierung des Faches Musik als ordentlichem Unterrichtsfach durch Kestenberg, begann mit Unterstützung der Daniel-Barenboim-Stiftung die Einrichtung der Maria-Leo-Grundschule als 17. und vorerst letzte Musikbetonte Grundschule (offiziell Anfang 2025). „Maria Leo war eine Pionierin der Reform-Musikpädagogik und Mitstreiterin Kestenbergs. Damit schließt sich der Kreis einerseits zu den Musischen Wochen und andererseits zu Barenboim, der in Tel Aviv Tür an Tür mit Kestenberg gelebt hat“, berichtet Parma.
Die Besonderheit der Musikbetonten Grundschule besteht darin, dass Schüler:innen eine Unterrichtseinheit kostenlosen Instrumentalunterricht von ausgebildeten Musikpädagog:innen und Instrumentallehrkräften in Kleingruppen plus Musik-AGs oder Schulensembles erhalten. Zumeist werden Streich-, Blasinstrumente und Gitarre angeboten, je nach Schule gibt es unterschiedliche Ensembles: Orchester, Bigband, Jazz-Combos, Percussion-Ensemble, Chor oder Ähnliches. Für die Schulen werden zusätzlich zum regulären Musikunterricht 84 Lehrkräftestunden vom Land Berlin zur Verfügung gestellt. Damit werden neben dem Unterricht schulinterne und bezirkliche Auftritte ermöglicht, die das Schulleben der beteiligten Schulen wesentlich prägen.
In lerntheoretischer Hinsicht zeigen sich interessante Ergebnisse, die in der von Hans Günther Bastian durchgeführten Langzeitstudie (Bastian-Studie) an Berliner Grundschulen mit und ohne Musikbetonung von 1992 bis 1998 erhoben wurden. Obwohl die Studie in methodischer Hinsicht von musikpädagogischer Seite nicht unumstritten war, ermöglichte die breite publizistische Rezeption eine intensive Diskussion und eine Wahrnehmung der förderlichen Wirkungen verstärkten Instrumentalunterrichts und erhöhte damit die Sichtbarkeit dieses Schultyps deutschlandweit. In den Boulevardzeitungen war fortan der Slogan „Musik macht schlau“ zu lesen. Für die Politik ergab sich die Chance, der ewigen Mangelfachdiskussion zu entgehen und schulische mit musikschulischen Angeboten zu verbinden.
Zahlreiche zwischen 2007 und 2015 entwickelte Förderprogramme sollten die musikpädagogische Diskussion der nachfolgenden Jahre bestimmen, unter anderem „Jedem Kind ein Instrument“ (JeKi) im Ruhrgebiet, Hessen und Hamburg, „Jedem Kind Instrumente, Tanzen, Singen“ (JeKITS) in Nordrhein-Westfalen und „Eine (Musik)Schule für alle“ (EMSA) in Köln. All diese Angebote der letzten 20 Jahre haben die Attraktivität der beteiligten Schulen deutlich erhöht und den Musikunterricht nachhaltig verändert. Gleichzeitig wird deutlich, dass das bereits seit Mitte der 1970er Jahre bestehende Berliner Modell der Musikbetonten Grundschulen eine Vorreiterrolle einnimmt.
Neue Handlungsfelder
Angesichts des Anspruchs auf eine durchgängige Ganztagsschule ab 2026 kommen dem verstärkten Musikunterricht an allgemeinbildenden Schulen neue Handlungsfelder zu. Übrigens wird nur in Berlin Musik durchgängig als ordentliches Schulfach mit zwei Wochenstunden (in Sachsen und Sachsen-Anhalt mit ein bis zwei) pro Klassenstufe unterrichtet – in allen anderen Bundesländern ist es Bestandteil von Lernbereichen mit Kontingentstundenzahl. „Die Herausforderungen liegen beim Ganztag vor allem in der Harmonisierung der Rahmenlehrpläne mit den musikalischen Zusatzangeboten im Vor- wie im Nachmittag. Hier gilt es neue multiprofessionelle Teams aus Schulmusiklehrkräften und Musikschullehrkräften zu bilden, um gemeinsam schulspezifische Angebote zu entwickeln, die die musikalische Bildung insgesamt bereichern“, so Cal Parma. Im Hinblick auf die Gewinnung neuer Musiklehrkräfte bieten sich dadurch neue mannigfaltige Möglichkeiten, zum Beispiel durch eine duale Lehrerbildung. Ein Aspekt ist Parma dabei wichtig: „Schulmusiklehrkräfte sollten allerdings weiterhin auch Instrumental- und Vokal-AGs anbieten können, um nicht die fatalen Auswirkungen einer ausschließlichen Erteilung durch Musikschulen wie jüngst in Thüringen hervorzurufen.“
Es bleibt insgesamt zu hoffen, dass der reichhaltige Erfahrungsschatz aus 70 Jahren Musische Wochen und 50 Jahren Musikbetonte Grundschulen in Berlin weiterhin modellbildend für andere Bundesländer sein wird.
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