Seit seiner Premiere im Jahr 2008 hat sich das Symposium „The Art of Music Education“ in Hamburg – veranstaltet von der Körber-Stiftung in Kooperation mit der Elbphilharmonie – als der vielleicht wichtigste Branchentreff der Musikvermittlung etabliert. Als Ideenmesse, Impulsgeber und Begleiter der Szene, die sich in den vergangenen rund zwanzig Jahren stark gewandelt hat. Viele Gedanken, Haltungen, aber auch Personen aus dem Bereich der Music Education sind längst im Mainstream der großen Institutionen angekommen.
Teilhabe statt missionarischer Eifer
Das gilt etwa für Constanze Wimmer, eine der Vordenkerinnen der Musikvermittlung, die ab April 2026 neue Rektorin der Universität Mozarteum Salzburg wird. Wimmer gehörte auch diesmal zu den Referentinnen. Als das Symposium, das Anfang März im KörberForum stattfand, zu Beginn seiner zehnten Ausgabe auf frühere Themenschwerpunkte zurückschaute, skizzierte sie die Entwicklung der Music Education, die Anfang des Jahrtausends meist Sache von Einzelkämpferinnen gewesen sei. Auch heute noch arbeiten viele Musikvermittlerinnen (und zunehmend mehr Musikvermittler) im oft selbstausbeuterischen Modus der Alleskönnerei und Allesmüsserei – doch es gibt auch Institutionen, in denen der Bereich finanziell und personell gut ausgestattet ist und einen großen Einfluss hat. So berichtete Intendant Christoph Lieben-Seutter von der Education-Abteilung der Elbphilharmonie, die 30 Mitarbeitende umfasst.
Was genau das Anliegen der „Music Education“ ist, hat Constanze Wimmer in ihrem Vortrag auf den Punkt gebracht: „Musikvermittler:innen haben den Fokus im Kulturbetrieb radikal auf Publikum gerichtet. Zunächst auf das junge Publikum, heute ganz genauso auf das erwachsene Publikum.“ Es geht also um weit mehr als die Organisation von Kinder- und Schülerkonzerten, die außerhalb der Branche noch immer als das bekannteste Beispiel von musikvermittlerischer Tätigkeit wahrgenommen werden.
Breit gefächerte Angebote
Wie breit das Angebot der Music Education heute gefächert ist, darüber informierte das Symposium mit einer Reihe von auf alle drei Tage verteilten Kurzpräsentationen. Das Spektrum reichte von den vielfältigen Aktivitäten des Budapest Festival Orchestra, das etwa mit Konzerten in Synagogen an das Erbe der jüdischen Kultur in Ungarn erinnert, über die inklusive SommerMusikWoche am Wiener Konzerthaus bis hin zum Workshopkonzept „Loopen und Loopen lassen!“, das versucht, demokratische Prozesse in musikalischen Formen abzubilden.
Besonders berührend: Das Projekt „Klang des Schweigens“ in Hannover. Konzipiert und angeleitet von Nazfar Hadji, wissenschaftliche Mitarbeiterin der dortigen Musikhochschule, für Frauen mit Migrations-, Flucht- oder Gewalterfahrung. „Das Hauptanliegen war es, diesen Frauen künstlerische Teilhabe und persönlichen Ausdruck zu ermöglichen“, erklärte Hadji in ihrer eindringlichen Präsentation. „Sie sollten nicht von Dritten sichtbar gemacht werden, sondern aktiv am kulturellen Leben teilhaben.“ Dafür haben die Frauen an Schreib- und Kompositionsworkshops teilgenommen und das Ergebnis in einer Klanginstallation öffentlich gezeigt.
Noch mehr künstlerische Teilhabe zu ermöglichen ist einer der zentralen Gedanken im Diskurs der Musikvermittlung. Darin spiegelt sich eine gewandelte Haltung im Umgang mit dem Publikum, die sich vom mitunter missionarischen Ethos früher Jahre distanziert. Das hat die renommierte Musikvermittlerin Katherine Zeserson in einem voraufgezeichneten Videovortrag klar gemacht: „‚Ihr habt diese Musik nicht in Eurer Kultur, Ihr solltet sie aber haben‘: Von dieser kolonialistischen ‚Gut für Dich‘-Haltung haben wir uns glücklicherweise entfernt. Musik ist ein Menschenrecht; indem wir zusammen Musik ausüben, können wir uns und andere besser kennenlernen. Wir sprechen nicht mehr über ‚Zielgruppen‘, sondern wir planen, um Menschen mit einzubeziehen.“
Querschnittsaufgabe
Ein Entscheider, der diesen Weg konsequent vorantreiben möchte, ist Steven Walter, Intendant der Beethovenfeste Bonn. Er plädiert für ein radikales Umdenken im klassischen Konzertbetrieb, hin zur Musikvermittlung als Querschnittaufgabe für alle Bereiche einer Institution. Man müsse sich noch viel mehr von traditionellen Vorstellungen lösen, fordert Walter. Auch und gerade mit einem anderen Begriff von Exzellenz. „Das, was wir beim Publikum auslösen, bei dem Gefühl, womit wir sie hinterlassen, da will ich über Exzellenz nachdenken. Und nicht so sehr, ob jemand alle Noten trifft.“, sagte Walter in einem hochinteressanten Gespräch mit dem Kulturwissenschaftler Martin Zierold.
An dieser Stelle wäre es schlüssig und wichtig gewesen, in eine breite Diskussion mit den Teilnehmenden einzusteigen. Etwa darüber, wie sich ein umgedachter Exzellenzbegriff etablieren ließe, und welche Veränderungen dazu schon in der Ausbildung an den Musikhochschulen mit ihren Beharrungskräften nötig wären. Aber eine solche Diskussion fand kaum bis gar nicht statt. Jedenfalls nicht im öffentlichen Teil. Weil das Symposium dafür zu wenig Zeit eingeplant hat. Und weil die Dauermoderatorin der Veranstaltung sich, wie so oft, viel zu viel Raum für ihre eigenen Fragen und Anmerkungen gekapert hat, bevor Stimmen aus dem Plenum zu Wort kamen.
Das war ein Problem der Tagung. Ebenso wie die verschenkten Zusatz-Impulse. Es gehört von Anfang an eigentlich zu den Stärken des Symposiums, die Binnensicht der Musikvermittlung durch den Außenblick von externen Fachleuten zu weiten, etwa mit Beiträgen zu aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen. Zu dieser Ausgabe waren neben der Intendantin des Thalia Theaters, Sonja Anders, zwei prominente Persönlichkeiten aus dem Bereich der Soziologie eingeladen. Harald Welzer referierte über das vor allem im virtuellen und medialen Raum überpräsente Phänomen der gesellschaftlichen Spaltung und verwies auf die Bedeutung von realen Räumen der Begegnung als wichtiges Gegenmittel, am Beispiel der Bibliothek von Helsinki.
Welzer machte sich zwar nicht die Mühe, diese Idee von einem „Wohnzimmer der Gesellschaft“ auf den Bereich der Musikinstitutionen anzuwenden. Trotzdem hätte es nahegelegen, sie im Anschluss an seine Ausführungen aufzugreifen und zu fragen, unter welchen Bedingungen Konzerthäuser oder Theater zu „Dritten Räumen“ werden können. Und ob der Einwand von Hamburgs Kultursenator Carsten Brosda, Kultureinrichtungen seien nicht dafür da, die Demokratie zu retten, einen Widerspruch dazu darstellt. Aber dieser Faden wurde erst einen Tag später wieder aufgenommen, anhand konkreter Beispiele aus Basel und München.
Ziemlich isoliert stand auch der sehr erhellende Vortrag von Aladin El-Mafaalani im Raum, der die Anziehungskraft von Misstrauen als Klebstoff für populistische Bewegungen ausmachte. Auch zu seinen Überlegungen hätte es viel Redebedarf im Plenum gegeben, der jedoch durch den persönlichen Fragedrang der Moderatorin weitgehend in den Schnelldurchlaufmodus gezwungen wurde. So wurde das in vielen Beiträgen formulierte Ziel der Inklusion als zentrale Aufgabe der Musikvermittlung beim Kongress selbst nur bedingt erreicht. Gerade manche Teilnehmerinnen, die unter schwierigen Bedingungen arbeiten und noch nicht zu den Stammgästen des Symposiums gehören, fühlten sich teilweise nicht genug gesehen und gehört, sie hätten sich mehr Austausch gewünscht.
Was den Dialog und die inhaltliche Verzahnung des Programms angeht, gab es schon stärkere Ausgaben von „The Art of Music Education“ als diese zehnte. Trotzdem hat das Symposium seinen Besucherinnen und Besuchern wieder spannende Anregungen, Denkanstöße und auch einige neue Perspektiven beschert.
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