Deutschlandweit agierender Nazi-Rock-Versandhandel in Mügeln


25.08.07 -
Grauzone zu Neonazis - Der Mügelner Plattenversand «no colours records» vertreibt CDs im Genre zwischen Nazi-Rock und Black Metal
25.08.2007 - Von nmz-red/leipzig, KIZ


Mügeln/Schleben (ddp). Bürgermeister Gotthard Deuse (FDP) behauptet es immer wieder: In Mügeln gebe es keine Neonazis. Seit seine Stadt wegen der Hetzjagd von 50 Deutschen auf eine Gruppe von acht Indern am vergangenen Wochenende in den Schlagzeilen steht, bemüht sich der liberale Bürgermeister, solche bösen Behauptungen zu zerstreuen. Dabei muss man sich nicht mal zwei Kilometer aus dem Ort fahren, um dort auf einer kleinen Anhöhe einen einschlägigen Plattenversand zu finden. Hinter einer Gruppe Birken versteckt sitzt dort die Firma «no colours records», die unter anderem Neonazi-Rock und rechtsextremistische Black-Metal-Musik vertreibt und zu den wichtigsten Versandhändlern Deutschlands zählt.

«Kein Zutritt» warnt ein Schild am Tor, vor dem eine Schubkarre lehnt und Unrat abgelagert ist. Zwei Wachhunde kommen umgehend ans Tor gerannt, keine Kampfhunde, wie sie in der Szene beliebt sind, sondern Mischlingshunde, nichts Auffälliges. Vor dem Wohnhaus, ein typischer Siedlungsbau aus den Nachkriegsjahren und hübsch saniert, steht ein skandinavischen Blockhaus im Garten, das Schweden-Rot leuchtet in der Mittagssonne. Daneben hängt die norwegische Fahne - die sich auch Textilien der unter Neonazis beliebten Marke Thor Steinar findet. «Der Herr Zopf bekommt öfter Pakete», sagt der Auslieferungsfahrer von DPD, der gerade die Schotterpiste zum Anwesen entlangkommt.

Weit öfter als er Pakete bekommt, verschickt «Herr Zopf» aber welche. Steffen Zopfs Label «no colours records» gilt als einer der größten Versender von Musik und Devotionalien der Black-Metal- und der Neonazi-Szene in Deutschland und angrenzenden Ländern, sagt Volkmar Wölk, der sich von Grimma aus für die sächsische Linke mit der rechten Musikszene befasst.

Dabei seien die Grenzen zwischen beiden Genres fließend, beide bedienten sich der heidnisch-nordischen Mythologie. Offene neonazistische Parolen findet man in dieser Szene selten, es wird zumeist subtiler agitiert. Aber, sagt Wölk, die Neonazi-Szene habe den Black-Metal als eine Art Türöffner für die eigene Ideologie erkannt. Auf Konzerten würden schon reine Neonazi- neben Metal-Bands auftreten. Die Szene wolle sich verbreitern, schätzt er. Und die Musik sei das Vehikel.

Als Jahresumsatz gibt «no colours records» offiziell 50 000 Euro an. Der Vertrieb erfolgt über das Internet und die ganz in Englisch gehaltene Homepage erscheint auf den ersten Blick zwar düster, aber wer die angebotenen CDs durchklickt, bekommt einen guten Überblick auch über die aktuelle Neonazi-Musikszene. «Nordisches Blut» ist für 10,50 Euro zu bestellen, daneben «Riger» oder die polnische Neonazi-Formation «Thunderbolt».

Gleich mehrfach im Angebot hat Zopf seine alten Freunde von «Absurd». Die Band genießt in der Szene höchstes Ansehen, sagt Experte Wölk. Einst war Hendrik Möbus ihr Frontmann, der «Satansmörder von Sondershausen». «Absurd» sei dann eine Art Resozialisierungsprojekt im Gefängnis gewesen, Zopf habe dann das erste Album der Band verlegt, erklärt Wölk.

Daneben verdient Zopf sein Geld auch mit der inzwischen aufgelösten Band «Magog». «Wir marschieren für eine neue Zeit, die uns von Juden und Christen befreit», grölen die Musiker in ihrem Song «Feuer der Dunkelheit» - die volksverhetzende Textzeile fehlt allerdings im beigelegten Textheft und findet sich auch auf den Internetseiten zu der Band nicht. «Magog» ist personell in Teilen identisch mit den ehemaligen «14 Nothelfer», der «Hausband» der «Skinheads Sächsische Schweiz», erklärt Wölk.

Noch 2004 stufte die sächsische Staatsregierung «Magog» als nicht rechtsextremistisch ein, obwohl sie über die Besetzung bestens informiert war. Das Bundesinnenministerium indes bewertet im Verfassungsschutzbericht 2006 die rechte Musikszene weitaus differenzierter. Ausdrücklich wird der von Zopf vertriebene Black-Metal als Musikform beschrieben, derer sich Neonazis immer häufiger bedienen.

Aus Sicht der Rechtsextremisten seien «Lieder, die nicht offen, sondern unterschwellig rassistische, antisemitische und demokratiefeindliche Stimmungen verbreiten besser geeignet, szenefremde Jugendliche für rechtsextremistische Positionen zu interessieren», schreiben die Verfassungsschützer im Bericht 2006. Überdurchschnittlich viele Konzerte «fanden weiterhin in Ostdeutschland, insbesondere in Sachsen statt.»

Von alledem merken die Menschen in Schleben bei Mügeln offenbar nichts. «Ruhige Leute», sagt ein Nachbar und deutet mit dem Arm den Hügel zu dem kleinen Gehöft hinauf. Dort erweckt nichts den Eindruck, als wohne dort jemand, der mit Neonazi-Musik sein Geld verdient.

Matthias Hasberg
























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