Am Wochenende vom 28. bis 30. August startete zum 75. Mal das Berliner Musikfest. Rund einen Monat lang wird dem Publikum in der Hauptstadt wieder ein vielseitiges, internationales Programm, verteilt auf mehrere städtische Kulturinstitutionen, geboten. Vielseitig und international ging es bereits am Eröffnungswochenende in der Berliner Philharmonie zu, wo drei Orchester aus Finnland, Spanien und den USA in ganz unterschiedlicher Manier Werke aus der Romantik bis hin zu zeitgenössischen Kompositionen vortrugen.
Kansas City Symphony. © Berliner Festspiele, Foto: Fabian Schellhorn
Aus dem Midwest direkt nach Berlin – Die Kansas City Symphony beim Eröffnungswochenende des 75. Berliner Musikfests
Eine eher unorthodoxe Eröffnungsveranstaltung gab das „Finnish Radio Symphony Orchestra“ am Freitagabend mit einer gewagt exzentrischen Interpretation der ohnehin exzessiv düsteren Ligeti-Oper „Le Grand Macabre“, dessen zynische Botschaft über Tod, Weltuntergang, Dekadenz und Korruption heute wieder aktueller denn je ist.
Der aufwühlenden Satire folgten am Samstag und Sonntag zwei seichtere Konzertprogramme, gefüllt mit Klassikern des romantischen Standardrepertoires. Samstagabend bespielte Maestro Jordi Savall die Philharmonie mit Mendelssohns italienischer und schottischer Sinfonie, die italienische dabei aber in seiner wesentlich seltener gespielten 1834er Fassung. Savalls Barcelonaer Ensemble „Concert des Nations“ spielte das Programm wie üblich historisch instrumentiert, was bei Mendelssohn zwar nicht so sehr ins Gewicht fällt wie bei einem Barockkonzert, dennoch aber zu einigen Änderungen bei Instrumenten und Klanglichkeit führte – stachellose Celli, Naturhörner und hölzerne Querflöten, um nur ein paar zu nennen.
Auf die historische Aufführungspraxis am Samstag folgte schließlich das Orchester der Kansas City Symphony am Sonntag, das mit dem Tschaikowsky-Violinkonzert ein mindestens genauso großes romantisches Kaliber auffuhr. Zusammen mit Rachmaninoffs dritter Sinfonie und zwei Stücken der zeitgenössischen Komponistin Olga Neuwirth brachte das Programm eine stilistisch interessante Mischung. Dass Rachmaninoffs dritte und zugleich letzte Sinfonie seinerzeit in Philadelphia uraufgeführt wurde, schlug den Bogen eines sonst sehr europäischen Programms zurück in die USA. Als amerikanischen Abschiedsgruß gab es in der Zugabe dann noch einen kurzen Gershwin.
Anders als Savall, der mit seinen vielen Ensembles bereits zu den Stammgästen des Scharoun-Hauses an der Karajan-Straße gezählt werden darf, war es für die Kansas City Symphony unter der Leitung von Matthias Pintscher erst der zweite Besuch in der Berliner Philharmonie. Doch selbst in Gegenüberstellung zu dem altehrwürdigen europäischen Meister und seinem „Concert des Nations“ konnte das Sinfonieorchester aus dem Midwest eine gute Figur abgeben, besonders in Sachen musikalischer Ausdrucksstärke.
Viel Dynamik und „Showmanship“
Pintscher und sein Orchester präsentierten ein Konzert, geprägt von viel „Showmanship“ und Action. Chefdirigent Pintscher dirigierte mit viel Pathos und Ausdruck: große Armbewegungen, markante Einsätze, viel Körperlichkeit. Im letzten Satz Rachmaninoffs Dritter tanzte er regelrecht übers Podest – in starkem Kontrast zu Savalls Dirigat am Vorabend, wie gewohnt erhaben, andächtig, in sich ruhend.
Der expressive, fast aufbrausende Stil Pintschers übertrug sich entsprechend auf die Dramaturgie seines Orchesters. Besonders in den Crescendi und den großen Forte-Stellen bei Tschaikowsky und Rachmaninoff, aber auch bei Neuwirths Tombeau strahlte der Klang förmlich. Trotz der recht hohen Rotationsrate unter den Orchestermusiker:innen, wie Pintscher kürzlich in einem FAZ-Interview preisgab, musizierte das Orchester eingespielt und synchron im Timing sowie in der dynamischen Balance. Gerade auf den dramaturgischen Höhepunkten der Stücke konnten die Amerikaner deshalb noch stärker hervortreten als Savalls „Concert des Nations“; letztere wirkten trotz technischer Bravour an manchen Stellen verhalten und matt, wohl auch aufgrund der historischen Instrumentation.
Publikumsliebling dürfte am Sonntagabend ohne Frage Blake Pouliot gewesen sein, der das Solo im Tschaikowsky-Violinkonzert übernahm. Mit glasklarem Klang, besonders in den Höhen, lieferte er eine Performance, die in Schauspiel und Ausdrucksstärke die Expressivität Pintschers noch übertraf. Die große körperliche Bewegungsfreude und Mimik beim Spiel wirkten sich allerdings nicht negativ auf seine präzise Intonation aus. Ganz im Gegenteil, er machte gerade in den längeren Kadenzen den Eindruck, als wäre ihm die anspruchsvolle Solopartie noch gar nicht komplex und schnell genug.
Orchestra made in America
Dass sich die Kansas City Symphony so gut auf den deutschen Bühnen behaupten kann, ist dahingehend bemerkenswert, da ihr 2024er Debüt in der Berliner Philharmonie im Rahmen ihrer ersten internationalen Tournee überhaupt stattfand. Es dürfte nicht zuletzt an Chefdirigent Matthias Pintscher selbst liegen, dass das 1982 gegründete Orchester seit 2024 so gute Kontakte nach Europa unterhält. Der in Detmold studierte deutsche Dirigent und Komponist leitet das Orchester erst seit der Spielzeit 2024/25 und brachte es noch in derselben Saison nach Europa in die Elbphilharmonie, Berliner Philharmonie und das Concertgebouw. Kürzlich erst wurde sein Vertrag bis 2033/34 verlängert, was zumindest ein Indiz für die Zufriedenheit mit Pintschers Arbeit und Strategie sein dürfte. Angesichts der seit Trump durchwachsenen kulturellen Beziehungen zwischen Deutschland und den Vereinigten Staaten ist dieser Erfolg in Europa alles andere als selbstverständlich.
Erst letztes Jahr sagte der Geiger Christian Tetzlaff beispielsweise seine USA-Tournee aus Protest gegen den dort wütenden Trumpismus ab. Im Interview mit der FAZ führte Pintscher, immerhin seit 2008 selbst wohnhaft in den USA, das spannungsreiche Verhältnis zwischen den Staaten und Europa allerdings auf „die europäische Arroganz gegenüber den Amerikanern“ zurück und beschreibt die politische Stimmung im Land zwar als „zerrissen“, allerdings in einem Maße, wie wir es dieser Tage auch in Europa erleben.
Über Trump und die kultur- und bildungspolitischen Absichten der derzeitigen US-Regierung verliert Pintscher derweil kein Wort, mahnt allerdings, wir befänden uns in einem Klima, in dem man das Gefühl habe, man dürfe nichts mehr sagen.
Über den Zustand und die Entwicklungsrichtung seines missourischen Orchesters dürfte Pintscher indes wenig zu klagen haben; in der Heimat Kansas City ist nur 15 Jahre nach Fertigstellung der derzeitigen Hauptspielstätte „Kauffman Center for the Performing Arts“ bereits eine zweite Konzerthalle in Planung.
Ihre Finanzmittel generiert das Orchester – wirtschaftend als private Non-Profit-Organisation mit eigenem CEO – neben seinen eigenen Erlösen hauptsächlich durch private Spenden und Funding-Kampagnen, scheinbar mit entsprechendem Erfolg. Für deutsche Orchester, die nach wie vor größtenteils in öffentlicher Hand liegen, mag dies als Finanzierungsform für institutionalisierte Musik ungewohnt erscheinen. Sollte sich der Trend einer immer weiter schwindenden öffentlichen Kulturfinanzierung aber fortsetzen – und jüngere Wahlprognosen legen dies nahe –, wird man auch hierzulande mehr auf private Finanzierung angewiesen sein.
Trotz aller Unterschiede und Hürden beim bilateralen kulturellen Austausch mit den USA ist es allemal zu erwarten und zu erhoffen, dass der diesjährige Besuch der Kansas City Symphony zum Eröffnungswochenende des 75. Berliner Musikfests nicht der letzte bleiben wird. Auch im größeren Zusammenhang ist die KCS ein schönes Beispiel dafür, wie es auf dem Gebiet der klassischen Musik selbst in den 2020er-Jahren noch zu neuem kulturellen Austausch unter lang bestehenden Institutionen kommen kann.
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