Wenn man im Falle der jüngsten Premiere von Jacques Offenbachs Genre-Schmuckstück „Orpheus in der Unterwelt“ an der Oper Halle von einer Operetten-Bruchlandung spricht, so ist die Inszenierung zunächst mal selbst Schuld. Der Einstieg in die Geschichte und ihr dazu erfundener Rahmen liefern geradezu eine Steilvorlage für diesen Kalauer. Es ist nämlich ein mutwillig herbeigeführter Absturz einer Boeing. In einem Video sehen wir, wie Barbara Dussler mit ihrer gewohnt derb zupackenden Art jene Stewardess ist, als die sich die im Stück als Person mitspielende Öffentliche Meinung tarnt. Sie dringt während des Fluges nicht nur bis zum Piloten vor, sondern pfuscht ihm so ins Handwerk, dass es zum Absturz kommt. Patric Seibert ist nicht nur Styx der Bruchpilot im Film und dann die Küchenkraft in der Hölle, die einst Prinz war in Arkadien. Er ist auch der Regisseur und Verfasser der Dialogfassung.
Robert Sellier, Barbara Dussler. Foto © Anna Kolata
Bruchlandung auf dem Olymp – Jacques Offenbachs „Orpheus in der Unterwelt“ in Halle
Schon klar, dass das Flugzeug der Olympic Airlines (!) genau über jenem Olymp abstürzt, dessen Personal an diesem Abend ja noch gebraucht wird. Direkt vor einem auf den ersten Blick erstaunlich gut intakten Portal. Wobei sich das als eine der Illusions-Planen herausstellt, mit denen man heute prominente Baustellen verhüllt, wenn die sich (hier natürlich gleich über Jahrhunderte) hinziehen.
Vor die Götterburgbaustelle hat Ausstatter Kaspar Glaner ein Feld aus rauchenden Flugzeugtrümmern platziert. Dazwischen die Mannschaft und die Passagiere. Die sind zwar alle mehr oder weniger lädiert, aber am Leben. Dass die Schlucht, in die die mitreisenden Orchestermusiker angeblich gefallen sind, der Orchestergraben ist und Andreas Wolf dort am Pult ohne Unfallschäden seines Operettenamtes walten kann, gehört nicht nur in die Rubrik Glück im Unglück in der erzählten Unfallgeschichte. Es ist auch der Glücksfall des Abends. Wenn sich alle, allein und zusammen mit der Wucht des von Frank Flade einstudierten Chores auf den Offenbach-Schmiss einlassen, mit dem die Staatskapelle aufwartet, dann hat der Abend den Drive und Schwung, mit dem sich jede Katastrophe überleben ließe.
Zu der, die erzählt wird, gehört ein Ehekrach. In den haben sich Orpheus und Eurydike offensichtlich so verhakt, dass sie ihn auch zwischen den Trümmern mit Inbrunst weiterführen. Hier der auf Offenbach frisierte Robert Sellier mit charmant präsenter Boshaftigkeit als von sich selbst berauschter Chefmusiker. Da die seine Fixierung auf sich selbst, eigentlich nur störende, chronisch vernachlässigte Ehefrau Eurydike. Diese Eurydike, vor allem aber Vanessa Waldhart und ihre bewegliche Stimme haben alles so gut überstanden, dass ihre Auftritte nicht nur zum vokalen Glanzlicht des Abends werden, sondern auch beglaubigen, warum sowohl der Chef der Unterwelt, als auch der des Olymp auf sie abfahren und ihr am Ende schließlich zu einem olympischen Neuanfang verhelfen.
Vanessa Waldhart, Robert Sellier. Foto: © Anna Kolata
Da sich hinter der Öffentlichen Meinung hier eigentlich der Gott des Rausches Bacchus bzw. Dionysos verbirgt, gehört es zur Jobbeschreibung dieser Zwischenfigur ein mythologisches Durcheinander zwischen Himmel und Hölle in Gang zu setzen, das dann gelegentlich beklagt wird und wieder ins Lot gebracht werden soll. Dafür muss Eurydike erstmal Aristeus auf den Leim gehen und ihm in den Hades folgen. Dahinter steckt natürlich der Chef der Unterwelt Pluto persönlich, der mit Kochschürze getarnt Visitenkarten für seine Hades Bar verteilt. Chulhyun Kim geht seiner harmlosen Maskierung leider selbst etwas zu sehr auf den Leim – sein Gelächter soll wohl aus der Hölle kommen. Doch passt es besser zu der Kantine mit römisch-dekadentem Wandfries, als die sich diese Hölle dann präsentiert. Hier sorgt inzwischen der Bruchpilot Styx für schlichte Mahlzeiten für seltsame Gäste. Wenn Hitler etwa ein Schnitzel verlangt, dann wirkt das als schwarzer Humor seltsam daneben. Wenn Jupiter sich darüber mokiert, dass Politiker heute eine Vorliebe für Hunde haben, dann gibt’s einen Lacher im Publikum, weil jeder Hallenser noch die Wahlplakate des amtierenden OB in Erinnerung hat.
Die olympische Göttertruppe ist mit einigem Kostümaufwand und mehr oder (leider auch) weniger Stimmkraft einig, mal einen kleinen Putsch gegen die Chefetage (mit musikalischen Marseillaise-Anklängen) zu proben. Immerhin kommt ein Betriebsausflug in die Unterwelt dabei heraus. Da Gerd Vogel mit seiner bewährten Kombination aus Stimmkraft und darstellersicher Präsenz Zeus ist, es auf ein Handzeichen hin donnern lassen kann (und von Juno Konstanze Winkler im Auge behalten wird!), behält er das Heft über seine wuselnde bunte Göttertruppe letztlich in der Hand.
Aufs Ende hin setzten alle Beteiligten voll auf die grandiose Steigerung in den populären, mitreißenden Höllen-Can-Can. So bleibt neben dem Witz mit dem Hund vor allem Offenbach das, was man mit nach Hause nimmt. Inklusive der Frage, wie weit das Bild mit Bruchlandung nun geht …
Weiterlesen mit nmz+
Sie haben bereits ein Online Abo? Hier einloggen.
Testen Sie das Digital Abo drei Monate lang für nur € 4,50
oder upgraden Sie Ihr bestehendes Print-Abo für nur € 10,00.
Ihr Account wird sofort freigeschaltet!