Der neue Ring des Nibelungen in Paris ist jetzt, nach einer Premiere der Götterdämmerung unter erschwerten Bedingungen komplett …
Le Crépuscule des dieux 26-27 © Herwig Prammer
Der Held wird zum surrealen Festmahl
Der neue, coronaverspätete „Ring des Nibelungen“ in Paris ist jetzt mit der Premiere der „Götterdämmerung“ komplett. Ob man ihn auch vollendet nennen sollte, bleibt die Frage. Die exzellente musikalische Qualität spricht dafür. Bei der Regie ist das wie immer Geschmacksache. Nachdem Regisseur Calixto Bieito seine Sturm-und-Drang-Periode lange hinter sich hat, bleibt vor allem seine detailfreudige Personenregie aus sozusagen eigenem Recht ein stilbildender Vorzug seiner Arbeiten. Das wirkt auch dann auf die Inszenierung zurück, wenn die auf die Aneinanderreihung von szenischen Einzelstücken baut, so wie jetzt seine „Götterdämmerung“.
Ein wirklich in sich geschlossener Ring-Wurf ist es in Paris nicht geworden. Vorgriffe aufs Postapokalyptische, kombiniert mit freiem Schweben zwischen den Zeiten und Welten, das macht allemal Effekt, aber nicht immer Sinn. Die Nornen sind herausgeputzt wie zu Wagners Zeiten. Die Rheintöchter kommen als Hausfrauenideale der Nachkriegszeit - gut frisiert und perfekt elegant gekleidet - zum Zuge. Im „Rheingold“ waren die noch in ihren Taucheranzügen kaum erkennbar. Wenn sie jetzt im dritten Aufzug, mit Siegfrieds Hilfe, die Tafel für ein Festmahl decken und am Ende mit Gasmasken von dannen ziehen, wird das Zeitkontinuum mit einem Rückgriff durchbrochen, den man da auch für einen Vorgriff auf eine Katastrophenzeit halten könnte, die in der besonders postapokalyptischen „Walküre“ schon die Vergangenheit war. Wahrscheinlich sollte das nur einen Zusammenhang beleben, der von Bieito, Rebecca Ringst (Bühne), Ingo Krügler (Kostüme) und Sarah Derendinger (Video) nicht wirklich stringent entwickelt, womöglich gar nicht angestrebt war.
Im großen Schlussteil der Ringtetralogie geht es vor allem um das Ende aller Hoffnungen und den Tod eines Helden, für dessen Auftauchen Wotan einst selbst gesorgt hatte. Als dialektische Pointe sollte Enkel Siegfried (nachdem es mit Sohn Siegmund nicht geklappt hatte) unabhängig vom Willen des Gottes agieren und in einem Akt kreativer Zerstörung etwas grundsätzlich Neues ermöglichen. Zur Zerstörung reicht es bei Wagner, mit dem kreativen Neuanfang beschränkt er sich auf ein paar Takte Musik am Ende. Und ansonsten auf die Phantasie seiner Zeitgenossen und der Nachwelt. Da die Erfindung des interpretationsfreudigen Regietheaters im zwanzigsten Jahrhundert hier mit Vorliebe nach dem Kreativen fahndet, bietet das gerade für die „Götterdämmerung“ jede Menge Chancen, um auch mit diversen Neustart-Thesen aufzuwarten. Genau die verweigert Bieito aber dem Pariser Publikum von heute mit einer Konsequenz, zu der sich seine Kollegen meist nicht entschließen.
So gibt es kein großes bühnentechnisches oder videogestütztes Feuer- und Flutfinale, das alles und jeden verschlingt. Stattdessen dreht sich Brünnhilde mit ihrem Steckenpferd Grane im Arm langsam und gedankenverloren um sich selbst und verschwindet so unaufhaltsam in der Tiefe des Unortes, zu dem die leere, dunkle Bühne da längst geworden ist. Kein Blick mehr nach irgendwo in die Welt oder in die Gedanken in uns. „Dunkel ist der Weltraum, Genossen“ funkte der erste Mensch im All Gagarin einst an die Bodenstation. Für Brünnhilde gäbe es hier keinen Empfänger der Botschaft mehr.
Weil es da schon nach Mitternacht ist, haben es die Pariser eilig mit dem Schlussapplaus für die fabelhaften Protagonisten und machen sich auf und davon. Hätten sie mehr Zeit zum Wirkenlassen der finalen Botschaft, dann würden sie vielleicht vor Schreck erstarren und nicht so schnell den Weg nach draußen nehmen. An diesem Abend hatten sie es schon ausgesprochen schwer, um in die Oper zu gelangen. Denn am Nachmittag hatten die in ganz Frankreich gerade eskalierenden Schülerproteste den reibungslosen Zugang zur Opéra Bastille blockiert. Mit allem Drumherum, was im protestierfreudigen Frankreich so dazugehört. Man kam mit etwas Mühe und Umweg zwar dann doch ins Haus, hatte aber jede Menge Protest und sogar junge Leute auf den Dächern gegenüber, viel Polizei und auch diverse Gasgerüche als Zugabe zu dieser „Götterdämmerung“. Als Haupteindruck bleiben vor allem flaggenschwingende und selbstbeschriftete Schilder zeigende junge Leute im Format „Donnerstag for Future“. Als Vorspiel für den Weltuntergangs-Blockbuster von Wagner hat man das nicht alle Tage.
Nach dem mit Lochkarten bestückten, aber von Hand in Gang gesetzten riesigen Webstuhl (der Zeit) und für die Nornen und ihr Verheddern in den Seilen, die von oben kommen und dann natürlich allesamt nach unten stürzen, fährt eine riesige, imponierend perfekt funktionierende Videowand auf und beherrscht fortan die Drehbühne. Als Panoramafenster für einen Gebirgsblick oder eine lebendige Luxustapete wird sie zum Hintergrund für die imperiale Tafel der Gibichungenhalle, auf der am Ende der ermordete Siegfried der Festtagsbraten für den stets kühl kalkulierenden Hagen sein wird. Später imponiert eine Flut von ineinanderfließender Opulenz von Kirchen, Konzert- und Opernhäusern den Machtehrgeiz und dessen Repräsentation. Darauf folgt eine Art von überzeitlichem Bildergedächtnis. So, wie sich die optische Reise durch die Architekturgeschichte verselbstständigt und nervt, verweist das Verschwimmen der unzähligen Bilder der Erinnerung auf die Verdrängung und das Vergessen, das Siegfried exemplarisch befällt, wenn der aus der Düsternis der Rückseite dieser Wand und aus den Armen seiner in schwarze Arbeitsjeans gezwängten Brünnhilde auf die andere Seite der Welt der Gibichungen wechselt und deren Glanz sowie der Attraktivität und den Offerten der äußerst spielfreudigen Gutrune von Sinead Campbell Wallace verfällt. Da braucht es keine Drogen - hier ist es ein Biss in einen Apfel. Hagen muss ihm nur diese Frucht der Erkenntnis als Verführung zum Vergessen und Verdrängen reichen und er beißt zu. Mika Kares ist ein kühl kalkulierender Strippenzieher, der es gelernt hat, seine Machtgier gut zu tarnen. Das mag man als Rechtfertigung dafür sehen, dass der vokal machtvoll auftrumpfende Chor nur wie eine Geisterarmee im Tableau erstarrt auftaucht. Das eindrucksvollste Bild des Abends illustriert die große Trauer um Siegfried. Wenn der auf der Tafel wie ein Festtagsbraten des Untergangs von Hagen mit lauter Gabeln gespickt wird, formierte sich das Video im Hintergrund zu einem Schwarzen Loch, das alles, was war, ist und sein wird verschlingt. Alle Gäste an dieser Tafel verfallen dabei dem Wahnsinn. Jeder auf seine Art.
Es ist eine Stärke der Inszenierung, dass in diesem Siegfried immer mal Bilder seiner eigenen Vergangenheit aufsteigen. Vor allem, wenn er sich Gutrune nähert, hat sein Körper ein besseres Gedächtnis als sein Kopf.
Dass Andreas Schager der wohl mühelos kraftvollste Siegfried dieser Tage ist und die Bastille-Oper der Raum, der für die Entfaltung seiner Stimme wie maßgeschneidert wirkt, ist keine Überraschung, sondern eine sichere Bank für diesen „Ring“. Dass der mit seiner Kraft so großzügig umgehende Sänger auch leise Töne beisteuert, rundet das Staunen beim Zuhören zum Genuss. Die Perfektion, mit der er dann aber bei der Verführung Brünnhildes in der Gestalt als Gunther, dessen erstklassigen Interpreten Johannes Martin Kränzle nachahmt, das verblüfft dann obendrein. Bieito nutzt die außergewöhnlichen schauspielerischen Fähigkeiten von Kränzle für ein durchgängiges, imponierend detailliertes Porträt von Gunthers innerer Verfassung, der Liebe zu seiner Schwester, der Faszination, die Siegfried auf ihn ausübt und wie er unter beidem leidet. Dass vor allem er (aber auch Schager und alle anderen) in erstklassiger Diktion singen, ist ein kleines Extra für die deutschsprachigen Zuschauer im Publikum. Tamara Wilson bleibt eine selbstbewusste Brünnhilde, die ihr Rollenporträt am Ende auch in der Einsamkeit ihres Schlussgesangs vokal überzeugend krönt. Als Waltraute ist Eve-Maud Hubeaux beim Besuch ihrer Schwester nicht nur von eindringlicher Eloquenz, sie beglaubigt darüber hinaus mit atemberaubender Intensität im Spiel das traumatisierte Kriegsopfer. Aus dieser Welt kommt auch Brian Mulligans Alberich. Da Aude Extrémo, Marie-Andrée Bouchard-Lesieur und Sinead Campbell Wallace die Nornen ebenso erstklassig ausstatten wie Margarita Polonskaya, Isabel Signoret und Katharina Magiera dann die Rheintöchter, ist diese „Götterdämmerung“ ein Fest der Stimmen.
Dass die Franzosen beim Ausdauerhärtetest der „Götterdämmerung“ selbst unter erschwerten Bedingungen bis Mitternacht durchhielten und die Sänger und ihr Orchester kurz, bündig und klug dosiert bejubelten, belegt wieder einmal die Stellung, die Wagners Musik hier hat. Der Jubel für die Interpreten ist bei der bayreuthkompatiblen Besetzung ebenso nachvollziehbar wie beim wagneraffinen Pariser Opernorchester. Zumal Pablo Heras-Casado mittlerweile auch in Bayreuth mit seinem „Parsifal“ 2023 und 2024 einen festen Platz in der erste Reihe der amtierenden Sachwalter Richard Wagners gesichert hat und 2028 beim dortigen neuen „Ring" von Vasily Barkhatov am Pult stehen wird. In der Opera Bastille ist ihm die Tetralogie jedenfalls auf hohem Niveau gelungen.
Premiere am 8. Oktober 2026, Opéra National de Paris (Bastille)
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