Wenn man sich sich an eine Oper wie Alfred Schnittkes (1934-1998) „Leben mit einem Idioten“ wagt, demonstriert man Ambitionen. Und Risikobereitschaft. Als Intendant und als Regisseur. Auch wenn das Werk 2004 schon mal als Gastspiel aus Russland in Magdeburg zu sehen war. Im Falle der jüngsten eigenen Inszenierung dieser quasi postsowjetischen Groteske steht der Magdeburger Hausherr Julien Chavaz für die Programmentscheidung und für die Regie. Kann gut sein, dass in diesem Falle die in der letzten Zeit gut vernehmbare landesweite Anerkennung des hiesigen Schauspiels wie Rückenwind für die Opernsparte wirkte.
Theater Magdeburg: Leben mit einem Idioten. Alison Scherzer, Gyula Nagy und Opernchor. © Gianmarco Bresadola
Der kostümierte Wahnsinn – Alfred Schnittkes „Leben mit einem Idioten“ an der Oper Madeburg
Der 1992 in Amsterdam uraufgeführte, neunzigminütige Zweiakter hat es in sich. Nicht nur, was die Geschichte selbst, sondern auch, was deren Deutungsmöglichkeiten betrifft. Zu einer absurden Ausgangssituation wird ein Fall durchdekliniert und auf die Spitze getrieben, der im Kontext von Entstehungszeit und -ort wie von selbst zum Gleichnis für eine Gesellschaft am Rande des Abgrunds wird. Da muss man gar nicht mal so weit gehen und den Namen der Titelfigur Wowa als Koseform von Wladimir im historischen Rückgriff auf Lenin oder gar im Vorgriff auf den aktuellen Kremlherren beziehen.
Viktor Jerofejew (*1947) hatte die Romanvorlage für das Libretto 1980 in den bleiernen Sowjetjahren zunächst für die Schublade geschrieben. Wo er sie – wie im Programmheft nachzulesen – tatsächlich selbst verlegt und aus den Augen verloren hatte. Als dann 1991 der Roman endlich erschien und die Oper Amsterdam im Jahr darauf Schnittkes Oper herausbrachte, konnte man die verrückte Geschichte im Grunde nur als bittere Satire auf die innere Verfasstheit des von Lenin geschaffenen und von Stalin nachhaltig geprägten Sowjetreiches und dessen unweigerlichen Zerfall lesen. Wobei es eine eher bittere biographische Pointe der Zeitgeschichte ist, dass Jerofejew 2022 mit seiner ganzen Familie vor dem Regime des aktuellen Kremlherren in den Westen entflohen ist. Also doch Wowa im Zerstörermodus und Wladimir bei der Arbeit?
Der Einstieg in die Geschichte ist kafkaesk. Von einer Institution, die nicht näher benannt ist, wird über ein Ich genanntes Individuum eine Strafe für ein so diffuses Vergehen wie Empathielosigkeit verhängt, die selbst ziemlich verrückt klingt. Dieses Ich wird dazu verdonnert, sich in der Psychiatrie einen Idioten „auszusuchen“, um ihn in sein Leben zu integrieren. Schnell wird klar, dass es hier nicht um irgendeine Art von Resozialisierung (des Verurteilten Ich oder des als Idiot bezeichneten Wowa) geht. Es ist eine perfide Strafe, denn sie setzt auf die Risiken und zerstörerischen Nebenwirkungen einer nur dem Anschein nach milden „Bestrafung“.
Kaum daheim kommt es, wie es der der von Martin Wagner einstudierte Chor skandierend verkündet: „Das Leben mit einem Idioten ist voller Überraschungen“. Durch keine zivilisierte Verhaltensnorm gebremst, beginnt Wowa sein Zerstörungswerk, zerlegt die Wohnung, vergewaltigt die Frau des Hauses, macht sich an den Hausherrn ran und als ihn dessen Frau mit dem „Er oder Ich“ konfrontiert, bringt Wowa sie mit der Gartenschere um. Am Ende ist die Zerstörung komplett, Wowa verschwunden und Ich landet in der Psychiatrie.
Da Chavaz sich nicht auf eine (durchaus mögliche) Entschlüsselung der gesellschaftlichen Parabel einlässt, sondern auf eine Überzeichnung der Groteske setzt, könnte es tatsächlich auch sein, dass Ich eigentlich der Idiot ist und von Anfang an selbst in der Psychiatrie war. Damit ginge es hier nicht um ein Leben mit zerstörerischen Eindringlingen von äußeren gesellschaftlichen Mächten oder Zuständen, sondern um die Abgründe in uns selbst. Am sicheren Ufer dieser Art von Verallgemeinerung braucht es dann keine Bilder für die Relevanz gesellschaftlicher Umbrüche und deren Bedrohung für die eigene Persönlichkeit und ihr Ringen um eine bescheidene Freiheit.
Die Magdeburger Inszenierung setzt mit der Bühne von Anneliese Neudecker und vor allem den (an die Ästhetik von Achim Freyer erinnernden) phantastisch bunten Kostümen von Séverine Besson auf die surreale Opulenz entfesselter Phantasie. Mit ein paar Bogenhängern und einer stilisierten, gelegentlich heruntergelassenen roten Vorhang-Atrappe, einem Kühlschrank, einem Fernseher und einer Stehlampe werden Häuslichkeit und der Blick in den Abgrund (oder Rachen) angedeutet.
Die Geschichte selbst übernehmen die durchweg mustergültig wortverständlichen und vokal imponierenden Protagonisten. Und die Magdeburger Philharmonie, die PaweÅ‚ PopÅ‚awski sicher durch alle Untiefen zwischen Parlando-Wellengang und musikalischen Zitatinseln hindurch navigiert. Mit traumwandlerischer Sicherheit ist Gyula Nagy jenes drangsalierte Ich. Alison Scherzer imponiert mit atemberaubenden vokalen Höhenflügen. Als Wowa stellt sich der kasachisch-amerikanische Sänger Timur der Herausforderung, aus seinem nur aus „Äch!“ bestehenden Text eine ganze Rolle zu zaubern. Auch Vincent Casagrande als Marcel Proust und Johannes Stermann als Wärter (im Wikingeroutfit) gelingen wahrnehmbare Rollenporträts in diesem entfesselten Wahnsinn.
Der Beifall des Premierenpublikums würdigte eine enorme Kunstanstrengung angemessen.
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