Musik ist wie ein Traum. Ihr Schatten schwindet im Gedächtnis wie ein Fußabdruck im schmelzenden Schnee, doch manchmal bleibt etwas von der Begegnung haften und das kann weit übers Emotionale hinauswachsen, bis hin in höchste Abstraktionen. Am gegenständlichsten und fasslichsten ist wohl das Genre Oper. Werke mit dokumentarischen Videos waren beim jährlichen „festival für neue musik“ Ultraschall Berlin durchaus zu finden, doch diesmal, in Amen Feizabadis neugeschaffener konzertanter „Kammerhöroper“ Deep Siesta gab es eine Art Handlung, die als solche das Interesse weckte: Zwei computergeborene Künstliche Intelligenzen durchstreifen das Elend der menschlichen Welt. Die Musik, verschmolzen mit Video und Gesängen, diente dem Ganzen mit großer Sensibilität statt mit skandalöser Erregung.
Amen Feizabadis Deep Siesta, Musiktheater mit KI-generierter Video-Bühne, Zafraan-Ensemble, Neue Vocalsolisten unter Yalda Zamani. Foto: Claudius Pflug/Deutschlandradio
Die Avantgarde wird breiter
Mit Ultraschall Berlin erfüllen die beiden öffentlich rechtlichen Radiosender der Hauptstadt, Deutschlandfunk Kultur und radio3 vom rbb ihre Verpflichtung zur Förderung und Dokumentierung zeitgenössischer Musik, erlauben aber auch Formate, die die Möglichkeiten der rein auditiven Vermittlung überfordern.
Skandalöse Erregung dominierte die beiden das Festival rahmenden Konzerte im Großen Sendesaal mit dem Deutschen Symphonieorchester Berlin (DSO), das vom RBB ins Feld geschickt wurde und den seltsamen Eindruck erregte, dass die neue Musik vor allem schrill, hypervirtuos mit einem immer ähnlicher werdenden Repertoire erweiterter Spieltechniken sei. Die Komponist:innen, die die DSO-Programme bestritten, hatten durchweg Hintergrunderzählungen mitgebracht, die sie in den anmoderierenden Gesprächen mit RBB-Redakteur Andreas Göbel so nachdrücklich darlegten, dass man als Hörer:in nicht umhin kam, die Musik jeweils in dieser Weise zu „verstehen“.
So dachte man bei Zeynep Gedizlioğlus Orchesterstück „Lauf“ im Eröffnungskonzert darüber nach, wie sich so ein Dauerlauf anfühlt, statt der abstrakten Sensibilität zu folgen und sich von Moment zu Moment überraschen zu lassen – eine Vereinheitlichung des Hörens – und eine Abwertung der musikalischen Komplexität. Claudio Ambrosinis aufwändiges Plurimo für Orchester und zwei Klaviere von 2007 am selben Abend reduzierte sich auf die Nachzeichnung der Dreidimensionalität im Werk des mit ihm befreundeten Malers Emilio Vedova. Musikhistorisch stehen die genannten Werke in der Nachfolge Franz Liszts und Richard Strauss’ – Sinfonische Dichtungen. Weniger Informationen gab es über Werke toter Komponisten, was dem unvoreingenommenen Hören entgegen kam, insbesondere Hermann Kellers als verblasste Fotokopie wiederaufgetauchtes Orchesterstück Verwandlungen von 1976, das sich als freier Fluss von Knoten und Konflikten zeigte, von den Mitteln her kaum weniger „modern“ als die neueren Werke des Programms.
Das RSB hatte dagegen im der alternativen Kultur verpflichteten Radialsystem V die überraschenden, gar unhöflichen, vielleicht missbräuchlichen Konzepte umzusetzen. Petra Strahovniks 1945- von 2025, das 15 Minuten lang den Klang von Kanonendonner und schrillen Sirenen auszuführen hatte, sensibilisierte in seinem Verlauf die Wahrnehmung für viele Feinheiten. Sara Glojnarićs Everything, always war ein Dialog zwischen dem Orchester und dem Selbstgespräch der Komponistin aus dem Off, inklusive der Erwägung, die zehn beliebtesten Karaoke-Songs zu spielen und machte den kreativen Prozess zum Gegenstand des erheiternden Werks. Glojnarić tritt aus dem klassisch-akademischen Rahmen heraus und wagt es, Subkultur, queerness und andere Phänomene der Gegenwart in die Orchesternoten zu schreiben – Missbrauch oder Niederreißen der Grenzen?
Bei dem Bemühen um Vielfalt wird es jedoch schwer, in der jeweils einmaligen Begegnung der genialen kreativen Persönlichkeit hörend gerecht zu werden. Wenigstens ein Porträtkonzert gab es mit dem Komponisten Hèctor Parra aus Barcelona. Nicht Emotionen, sondern Strukturen und Phänomene aus Natur- und Kulturwissenschaften inspirieren Parra zu dem dicken Katalog erweiterter Klangerzeugung, der vom frischen Fabrik Quartett und dem Klaviervirtuosen Michael Wendeberg vorgestellt wurde, und in dieser Ballung eine gewisse Chance hatte, hörend erfasst, wenn schon nicht enträtselt zu werden. Die Haltung gegenüber neuer Musik muss ja heißen, sie hören zu lernen – Porträtkonzerte kommen dem entgegen.
Das Festival gewann seine Vielfalt auch durch performative Versuche, insbesondere um den Begriff des Liedes herum. Im langen Abend im Heimathafen Neukölln, einem ehemaligen Ballsaal mit intimer Akustik, stand kein Klavier auf dem Podium: die Lieder mit Cello -Begleitung in SMESCH - Lieder des Scheiterns, mit Eva Resch, darunter Ophelia von Georg Katzer und Farziah Fallahs of Asphyxia wurden durch ein langes Video von einer traurig die Natur durchstreifenden jungen Frau zu einer Einheit verschmolzen, was jedoch die Dominanz des musikalischen Empfindens brach.
Eine ganz fabelhafte gestisch-mimische Ergänzung von György Kurtags Kafka-Fragmenten gelang dagegen dem Duo von Johanna Vargas und dem Geiger Ilya Gringolts. Mit nur einem Stuhl als Requisit erfand die Vargas für jede der Miniaturen eine adäquate, oft komische Haltung – Gringolts Geigenspiel wurde da zum partnerschaftlich-kritischen Kommentar, blieb nicht bloß Begleitung.
Gringolts nahm anderntags auch zusammen mit dem GrauSchumacher Klavierduo und der Sopranistin Anja Petersen bei der Wiederaufführung von Hans Werner Henzes Ariosi von 1963 teil. In seiner Zeit dürfte das Werk als rückschrittlich verpönt gewesen sein – wunderbar, nach dem Ende aller künstlerischen Grabenkämpfe das hochsensible Zusammenspiel als reine Musik zu erleben.
Wie schon in vergangenen Jahren setzte der Kurator für DLF-Kultur Rainer Pöllmann einen subkulturellen Kracher in die späte Abendstunde des vorletzten Tags: In Sebastian Berwecks und Mathias Monrad Møllers Programm Alt/voice (Thickets of Love) begleitete nicht das brave Klavier, sondern actiongeladene Samples die teilweise elektronisch modifizierte Stimme.
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