„Keine Worte können das Gefühl der Fremdheit vollständig beschreiben, das ein westlicher Zuschauer bei seiner ersten Begegnung mit einem Nō-Stück empfindet.“ So versprach es das Programmheft zur Nō-Theatervorstellung am 21. September in der Berliner Philharmonie.
Philharmoniebühne wird zum Nō-Theater / Kiyokazu Kanze hinter der Zō-Maske aus dem 15.–16. Jahrhundert. Foto: © Fabian Schellhorn
Die Philharmonie taucht ein ins Japan des 14. Jahrhunderts – Kanze-Nō-Theater beim 75. Berliner Musikfest
Auf einer extra hergerichteten Bühne, die es zur Austragung der traditionsreichen Nō-Stücke benötigt, gab sich Großmeister Kiyokazu Kanze persönlich, zusammen mit seinem Sohn und ca. zwanzig weiteren Profidarstellern (nicht gegendert, alles Männer) seiner Schule, die Ehre, dem Berliner Publikum drei Stücke jener altehrwürdigen Bühnenkunst zu präsentieren.
Es wird dem Vater-Sohn-Duo Kan’ami und Zeami zugeschrieben, das Nō-Theater in seiner bis heute bestehenden Form im 14. Jahrhundert ausentwickelt zu haben. Gleichzeitig gründeten sie die Kanze-Familiendynastie und -schule, deren 26. Erbfolger und Großmeister jener Kiyokazu Kanze ist. Er selbst nahm in den dramatischen Nō-Stücken des Abends die maskierten Hauptrollen ein, genannt „Shite“. In einer mehrteiligen Nō-Aufführung werden meist zwei ernste Nō-Stücke durch ein komisches Kyōgen-Stück in der Mitte aufgelockert, dieses mit einem anderen Hauptdarsteller. In seiner seit etwa 700 Jahre alten, bis heute weitgehend gleich fortbestehenden Tradition gilt das Nō-Theater als weltweit älteste noch aktiv praktizierte Bühnenkunst.
Die beiden Nō-Stücke begannen je mit langsamer, leiser Musik aus dem Off. Das „Orchester“ besteht im Nō-Theater aus einer Holzflöte und vier verschiedenen traditionellen Trommeln, deren Klangfarben heute oft stereotyp für den Klang der japanischen Kultur insgesamt stehen. Die musikalische Kulisse wird vervollständigt durch die „Kakegoe“ genannten rhythmisierten Ausrufe der Trommler: „yō“, „hō“, „iya“ oder „yō-i“.
Nach kurzem musikalischen Intro bewegten sich zuerst die Musiker, der Chor und die Bühnenassistenten in gleichmäßig schwebendem Schritt auf die Bühne, platzierten sich und die Instrumente, bevor die Darsteller erschienen und das eigentliche Theater begann.
Der Auf- und Abbau der Instrumente, wie der Auf- und Abgang aller Beteiligten ist, anders als man es aus westlichem Musiktheater gewohnt ist, zeremonieller Teil der Performance.
Die dann erscheinenden Charaktere, in beeindruckende traditionelle japanische Montur gekleidet, sangen säuselnd rezitativisch ihren Text, selbstverständlich nach strengen sprachmelodischen Regeln. Gemeinhin ist – davon konnten sich die Zuschauer:innen am Abend des 21. September überzeugen – das Nō-Theater eine Bühnenkunst, die durch einen besonders hohen Grad an Regeln und Präzision, bei der Musik wie den Bewegungen auf der Bühne, besticht. Der Löwentanz im finalen Stück des Abends stellte eindrucksvoll zur Schau, welch langes Training den perfekt synchronen und formalisierten Bewegungen und Sprüngen der vier maskierten Löwendarsteller zugrunde liegen muss.
Bewegte sich die Dramaturgie der Stücke auf einen Höhepunkt zu, so intensivierte sich auch die Musik: Der Rhythmus der Trommeln verdichtete sich, die Kakegoe-Ausrufe wurden frequenter und lauter, die Melodie der Holzflöte wilder und sprunghafter. An den inhaltlichen Schlüsselstellen kam es zu einem gesanglichen Dialog zwischen dem Hauptcharakter und dem am Rand der Bühne knienden, einstimmig singenden achtköpfigen Männerchor.
Nebst diesen Eigenheiten bei Musik und Kostümen zeichnet sich das Nō-Theater speziell durch seinen inszenatorischen Minimalismus aus. Es werden für die Stücke kaum Requisiten eingesetzt, die ikonische Bühne mitsamt Brückenweg ist klein, die Bewegungen der Schauspieler stark stilisiert und formalisiert. Dieser Minimalismus wurde besonders deutlich im zweiten Stück, dem komischen Kyōgen, gespielt von nur zwei jungen Darstellern ohne musikalische Untermalung. Der Mangel an Requisiten wurde gewissermaßen Teil der Komik, als sich der Kakis stehlende Hauptcharakter hinter seinem eigenen Arm statt einem Ast „verstecken“ musste. Der Humor des Stückes wirkte auch beim deutschen Publikum; mehrfach wurde der Große Philharmoniesaal in freudiges Gelächter gehüllt.
Trotz oder gerade weil das Nō-Theater den meisten Berliner Zuschauer:innen eine ganz neue, unbekannte Welt gewesen sein dürfte, gab es reichlich Applaus und positives Echo. Auch bei der Ernte des Applauses fiel ein letzter Unterschied zum europäischen Musiktheater auf: Nach der ersten obligatorischen Verbeugung der gesamten Darstellerschaft samt Musiker:innen und Bühnenassistenten traten für die zweite und dritte Verbeugung nur noch der Großmeister selbst und sein Sohn – designierter 27. Großmeister der Kanze-Schule – auf die Bühne, um das viele Lob der Berliner:innen entgegenzunehmen.
„Keine Worte können das Gefühl der Fremdheit vollständig beschreiben, das ein westlicher Zuschauer bei seiner ersten Begegnung mit einem Nō-Stück empfindet.“ Das Publikum schien dieser These des Programmheftes letztlich zuzustimmen – die „Fremdheit“ allerdings aufgefasst im positivsten Sinne, als Ausgangspunkt für ein tiefes ästhetisches Staunen und aufrichtige kulturelle Neugierde und Respekt. Es ist daher löblich, dass die Philharmonie gemeinsam mit Großmeister Kanze am Vormittag nach der festlichen Nō-Aufführung noch eine „Education-Veranstaltung“ als Angebot für Berliner Schulklassen einschob, um jene Neugier für die faszinierende Welt des Nō gezielt bei den jüngeren Generationen noch zu bekräftigen und den so oft geforderten interkulturellen musikalischen Austausch insgesamt weiter zu befördern.
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